Skulpturenweg
Mit dem Kopf durch die eingebildete Wand: Läufelfingen bittet zum Grenzgang

Im letzten Ausläufer des Baselbiets vor dem Mittelland sind Grenzen allgegenwärtig. Doch der Skulpturenweg «Grenzen sprengen» in Läufelfingen nimmt sich auch kopfgesetzter Grenzen an.

Lucas Huber
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Sabine Gysin und Bernhard Strub vor der Skulptur «Eisenbücher» von Heiko Schuetz.

Sabine Gysin und Bernhard Strub vor der Skulptur «Eisenbücher» von Heiko Schuetz.

Kenneth Nars

Wer versucht sich nicht gern hie und da an einem Grenzgang? Die Demarkationslinien des Bekannten absteckend, das Unbekannte auslotend, das Exotische behutsam ergründend. Und das mit einem steten Fuss auf sicherem Boden. Es gibt so eine Grenzerkundung. In Läufelfingen, der – wenn man so will – letzten Bastion des Baselbiets, bevor sich die Eidgenossenschaft zum Mittelland hin im Flachen verliert.

Hier lädt ein Skulpturenweg zur Grenzerfahrung, der sich ganz programmatisch «Grenzen sprengen» nennt. Hinter der Freiluftausstellung, die bis Mitte Mai kommenden Jahres frei zugänglich ist, steht das Läufelfinger Kollektiv «Grenz Gänger». Es besteht aus hiesigen Künstlerinnen und Künstlern, die sich eigens hierfür zusammengetan haben. Auch wenn es längst nicht bei der aktuellen Ausstellung bleiben soll.

«Fernrohrblick» von Richard Zürcher.

«Fernrohrblick» von Richard Zürcher.

zvg

«Grenzen sprengen», das sind in Zahlen 25 Werke von 23 Künstlerinnen und Künstlern aus den beiden Basel, Bern, Luzern und Solothurn, erwanderbar auf 3,5 nicht allzu schweisstreibenden Kilometern. Der Start erfolgt am Bahnhof Läufelfingen, wo ein Informationspavillon mit reichlich Begleitmaterial die Grenzgängerinnen und -gänger empfängt.

Verspäteter Eröffnungsakt

Eigentlich hätten ihn die Initiantinnen und Initianten um Sabine Gysin, Bernhard Strub und Hans Jörg Rickenbacher bereits im vergangenen Jahr aufziehen wollen, doch die pandemischen Verhältnisse setzten dem Projekt bezeichnenderweise ihre eigenen Grenzen. So wurde der Weg erst Anfang dieses Mais eröffnet, und das quasi klangheimlich. Will heissen: ohne Vernissage. Sabine Gysin hofft allerdings, die Öffentlichkeit im Juli oder August zum verspäteten Eröffnungsakt begrüssen zu können. Schliesslich sind die meisten Exponate erwerbbar.

Und wenn nicht zu diesem, dann doch wenigstens zu einem der Anlässe, die im Rahmen des Skulpturenwegs stattfinden. Lesungen mit Franz Hohler oder Pedro Lenz etwa. Eine Theaterperformance. Oder auch ein Genuss-Event mit der Konzeptköchin Sandra Knecht. Auch beim Begleitprogramm ist Grenzenlosigkeit das Mass der Dinge – was auch für Führungen durch die Ausstellung gilt. Die bietet das Künstlerkollektiv nämlich auch an.

«Der Gast» von Irma Bucher.

«Der Gast» von Irma Bucher.

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Doch der Weg lässt sich auch auf eigene Faust bestens erkunden, ausserdem werden die Intentionen der Kunstschaffenden illustrativ beleuchtet. Und die sind mannigfaltig: Von Irma Buchers Menschenwesen aus Rosshaar (ist er nun Teil des Waldes oder Störenfried?) über Alexandra vom Endts Fingerzeig auf die Panzersperren aus dem Zweiten Weltkrieg, der sinnigerweise «Open» heisst, bis hin zu Meinrad Feuchters «Schlagbäume», die für einmal tatsächliche Bäume sind. Und weil die bekanntlich in den Himmel wachsen, stehen ihre Grenzen immer offen.

Berührungsängste zerstreuen

Der Skulpturenweg will mit Kunst Fragen aufwerfen: Warum Grenzen entstehen und wie. Warum sie sich Menschen selber setzen – oder setzen lassen. Und wie sie diese verändern. Ganz physische Grenzen sind damit gemeint, aber auch jene in den Köpfen. «Die Ausstellung soll ein Anstoss sein, über Grenzen nachzudenken», sagt Sabine Gysin. «Über die inneren und die äusseren.»

Mit der Coronapolitik der Schweiz, das muss hier gesagt sein, hat das Projekt übrigens nichts zu tun, auch wenn es durchaus politisch ist. Wer Grenzen sprengen will, der wagt sich automatisch aufs Minenfeld des leicht Entzündlichen. So bezieht sich etwa Simon Berger mit seiner Skulptur «Skull» – ein zu einem Totenkopf transformiertes Auto – direkt auf die europäische Flüchtlingskrise.

«Skull» von Simon Berger.

«Skull» von Simon Berger.

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Aber Gysin, Rickenbacher und Strub betonen, dass ihr Projekt kein Protest gegen Pandemiemassnahmen oder dergleichen sei. Ohnehin reifte die Idee zur Freiluftausstellung mitsamt dem Themensetting bereits 2018. Und als die Schweiz im Frühling 2020 erstarrte, war «Grenzen sprengen» längst fix und fertig konzipiert.

Co-Initiator Bernhard Strub nennt noch eine Grenze, die er nur allzu gern weggesprengt sähe: jene des geschlossenen Kunstbetriebs. Viele Menschen hätten Hemmungen, Ausstellungen zu besuchen, ist er überzeugt. «Wir hoffen, diese Berührungsängste mit dem Skulpturenweg zu zerstreuen.» Und wem das noch immer zu kunstsinnig ist, der oder die kann den Skulpturenweg schlicht als attraktive Wanderung begehen, der mit Objekten angereichert ist.

«Grenzen sprengen», Skulpturenweg. Start/Ziel Bahnhof Läufelfingen, bis Mai 2022. Am Samstag 31. Juli, 19 Uhr, Waldhaus Seppenweid: Lesung «Grenzgänge in Wort und Klang», mit Barbetrieb und Essen. Details: www.grenz-gaenger.ch