Stimmen-Festival
Kündigungen und finanzielles Defizit: Der Burghof steckt in der Krise

Der langjährige Geschäftsführer hat das Lörracher Kulturzentrum im Streit verlassen – mehrere Mitarbeiter folgten. Hauptsächlich geht es ums Geld.

Peter Schenk
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Ein Bild aus besseren Zeiten: Eröffnungskonzert von Calexico am Stimmen-Festival 2014.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Eröffnungskonzert von Calexico am Stimmen-Festival 2014.



Juri Junkov

Wie viel sind der Burghof und das Festival «Stimmen» der Stadt Lörrach wert und wie soll in Zukunft deren künstlerische Ausrichtung aussehen? Darüber wird voraussichtlich im Oktober das Lörracher Stadtparlament entscheiden. Schon Ende März dieses Jahres hat der langjährige Geschäftsführer Markus Muffler, der den Burghof 2011 übernommen hatte, das Kulturzentrum im Streit verlassen.

Muffler, ein gelernter Volkswirtschafter und Banker, verwies schon seit Jahren auf ein strukturelles Defizit. So reiche der Zuschuss der Stadt in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro nicht aus, die Kosten für Personal und Pacht abzudecken. Muffler forderte, ihn um jährlich 200'000 Euro zu erhöhen, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Zuletzt hatte er sogar rechtliche Gutachten in Auftrag gegeben, um nachzuweisen, dass die Stadt aufgrund eines Zusatzvertrags verpflichtet sei, das Defizit zu decken.

Spätestens dann galt das Verhältnis mit dem SPD-nahen Oberbürgermeister (OB) Jörg Lutz als zerrüttet. Mufflers Posten wurde neu ausgeschrieben. Gesucht wird eine regional gut verankerte Person mit überregionaler und internationaler Strahlkraft. Sie soll im Oktober vorgestellt werden und den neuen Job 2022 übernehmen.

Vermehrt günstige Acts statt grosser Namen

Für den Übergang wurde ein Geschäftsführer ad interim eingestellt. Seine Aufgabe dürfte es auch sein, für Ruhe unter dem verunsicherten Personal zu sorgen – einfach ist das nicht. Zuletzt haben fünf Mitarbeitende aus eigenem Antrieb das Kulturzentrum verlassen. Darunter befand sich die neben Muffler für das Programm zuständige Mitarbeiterin. Der Burghof ist mit 20 vollen Stellen dotiert, die sich um die 30 Personen teilen.

Im Frühjahr gab die Stadt eine externe Studie zur inhaltlichen Ausrichtung und finanziellen Ausstattung des Burghofs in Auftrag. Im Juli wurde diese vorgestellt. Sie spricht sich dafür aus, das Defizit zu verkleinern und statt grosser Namen günstigere Künstler zu engagieren. Ausserdem sollten die Kartenpreise stärker ausdifferenziert werden – sprich, die besten Tickets sollten teurer werden. Schliesslich brauche der Burghof einen klaren Auftrag.

Die Auseinandersetzung um den Burghof und «Stimmen» ist nicht neu. Nachdem die ambitionierten «Stimmen»-Konzerte auf dem Lörracher Marktplatz 2018 schlecht besucht waren, gab es einen sechsstelligen Fehlbetrag. Die bürgerlichen Fraktionen von CDU und Freien Wählern stellten daraufhin den Burghof und Muffler grundsätzlich in Frage.

Der Burghof wurde 1998 von den Basler Architekten Wilfried und Katharina Steib gebaut. Hauptgesellschafter ist die Stadt. Kulturzentrum und «Stimmen» wurden als Standortfaktor für Lörrach gesehen. Eine Studie der Universität St.Gallen kam 2016 zum Schluss, dass der Burghof an wirtschaftlichen Impulsen ein Mehrfaches der städtischen Zuschüsse generiere.

Politik fordert ein breiteres Publikum

In einer Analyse der «Badischen Zeitung» hiess es, dass Geschäftsführer Muffler Burghof und «Stimmen» stabilisiert und reorganisiert habe. Die Auslastung sei so verbessert worden und neue Akzente wie Jazz, Black Music und Indie gesetzt worden. Beim Standbein Tanz aber habe Lörrach gegenüber Basel und dem Elsass an Strahlkraft verloren.

Ein Dilemma seien auch die 850 Sitzplätze: «Für eine Stadt wie Lörrach und ihr Umland ist das Haus im Prinzip zu gross, als Station für Spitzenensembles und Künstler mit überregionaler Anziehungskraft bereits wieder zu klein.» Generell mache es keinen Sinn, gegen Basel anzutreten. «Nur ‹Stimmen› mobilisierte grossräumig.» Die Marktplatzkonzerte des Festivals wurden wegen Corona von 2021 auf 2022 verschoben.

Hat den Burghof nach zehn Jahren verlassen: Markus Muffler.

Hat den Burghof nach zehn Jahren verlassen: Markus Muffler.

Nicole Nars-Zimmer

Die Forderungen nach mehr Wirtschaftlichkeit werden schwer zu erfüllen sein. So wies der Burghof 2019 durch Ticketeinnahmen und Sponsoring einen für Deutschland guten Eigenfinanzierungsgrad von 69 Prozent auf. Aus der Kommunalpolitik gibt es regelmässig Forderungen, ein breiteres Publikum zu erreichen, was teils zu einer Banalisierung des Angebots führte, wie die «Badische Zeitung» das nennt.

OB Lutz hat sich bereits mehrmals für das ursprüngliche Konzept des Burghofs und eine ähnliche Finanzierung ausgesprochen, aber auch klargemacht, dass es nicht mehr Geld gebe. «Der Burghof ist angehalten, im Zeichen der städtischen Haushaltskonsolidierung intelligent zu sparen», skizziert die Medienstelle die Position der Stadtverwaltung. Trotz Corona schrieb das Kulturzentrum 2019 und 2020 annähernd schwarze Zahlen. Für 2021/22 ist der städtische Zuschuss gesichert. Im Stadtparlament wird die Zukunft des Burghofs am 14. Oktober vorberaten.

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