Süsssaure Weihnachten
Über 400 Sorten auf der Farm: Ehemaliger Tate-Modern-Museumsleiter schickt seine speziellen Zitrusfrüchte nach Basel

Kunstkurator Roland Fischer möchte mit ungewöhnlichen Früchten zum Nachdenken anregen, Wissen vermitteln und den Austausch fördern.

Ali Ahmeti
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Roland Fischer (links) und Paolo Rosso präsentieren ihre Ware.

Roland Fischer (links) und Paolo Rosso präsentieren ihre Ware.

Kenneth Nars

Zitronen, Mandarinen oder Orangen findet man im Einzelhandel. Die Cedro Pane, eine Zitrusfrucht, die einem Brotlaib ähnelt, eher weniger. An der Riehenstrasse 9, im Kunstraum Symbiont, kann man sie nun jedoch zusammen mit anderen Zitrusfrüchten kaufen, die sich ausserhalb des üblichen Spektrums befinden. Die Früchte stammen von keinem Geringeren als Vincent Todolí, dem spanischen Kunstkurator, der von 2003 bis 2010 die Londoner Tate Modern leitete. Wie kommen sie aber nach Basel?

Hergebracht hat die Zitronen aller Art Paolo Rosso, ein Kunstaktivist, der das Gewächshaus der Biennale in Venedig leitete. «Seit geraumer Zeit arbeite ich zusammen mit meinem Freund Vincent Todolí», erzählt Rosso. «Seine Eltern waren Bauern in der kleinen Stadt Palmera. Schon als er sich einen Namen in der internationalen Kunstwelt machte, spielte Todolí mit dem Gedanken, in seine Heimat zurückzukehren und Zitrusfrüchte zu kultivieren.» Todolís Ziel war nicht nur der Anbau von Zitrusfrüchten, sondern auch die Züchtung verschiedenster Arten.

Der Stammbaum der Zitrusfrüchte im Laden.

Der Stammbaum der Zitrusfrüchte im Laden.

Kenneth Nars

So gründete er die «Todolí Citrus Foundation» mit rund 45’000 Quadratmetern Fläche und mehr als 400 Zitrusvariationen. «Sein Hauptpartner ist Ferran Adrià, der berühmte spanische Molekularkoch», erzählt Rosso. Der Kunstaktivist selbst kam in Folge von Corona dazu. Rosso hätte eine Ausstellung leiten sollen, doch die Pandemie machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Darauf habe Todolí ihn angerufen und ihm vorgeschlagen, seine Früchte zu verkaufen. «Dabei geht es aber nicht nur um den Verkauf», betont Rosso. «Wir wollen Wissen vermitteln und Geschichten erzählen.»

Zwischen Kunst, Technologie und Wissenschaft

Hier kommt der Basler Wissenschaftsjournalist und Kurator Roland Fischer ins Spiel. Die Idee, die Früchte nach Basel zu bringen, entstand während seines Besuches in Venedig. Fischer leitet in Basel das Symbiont, ein Kunstraum für vielfältige Projekte, die sich mit der Schnittmenge von Kunst und Technologie beschäftigen. «Es geht mir darum, aufzuzeigen, dass Wissenschaft nicht neutral ist, sondern immer in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet werden muss», erklärt Fischer.

«Und nicht zuletzt: Basel ist eine Stadt der Wissenschaft und der Kunst, der perfekte Ort für eine Symbiose der beiden Welten.» Fischer lud Rosso ein, die Früchte nach Basel zu bringen. Ihm gefalle die Irritation, die entstehe, wenn an einem ungewohnten Ort – in diesem Fall in einer ehemaligen Galerie – ein Laden neu auftauche.

«Ein kleiner Farbtupfer im Alltag: Darum geht es»

«Ist das nun Kunst, was wir hier machen?», fragt Fischer und gibt die Antwort gleich selbst: «Ein kleiner Farbtupfer im Alltag – darum geht es.» Nicht zuletzt möchte der Kurator die sozialen Momente fördern. Der Kunstraum werde mit der Verkaufsaktion zu einem Begegnungsort nicht nur für Zitrusbegeisterte. «Jene, die sich bereits auskennen, können sich austauschen. Aber auch neu Interessierte können herkommen und dazulernen», so Fischer. Das mache den Einkauf im Laden zum Erlebnis.

Zwischen Weihnachten und Neujahr bieten Fischer und Rosso zudem einen Cocktail-Workshop mit den übrig gebliebenen Früchten an. Denn: «Essen war schon immer ein gutes Medium, um Menschen in einen Austausch zu bringen, das weiss auch die Kunst», sagt Fischer.