Tanztheater
Wüten, toben, traurig sein – ein Übergriff kommt auf die Bühne

Zwei Jahre sind seit dem Belästigungsfall in einem Basler Gastronomiebetrieb vergangen. Nun lässt die Betroffene ihrer Wut im Palazzo Liestal freien Lauf.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Rebekka Gather (l.) und Livia Kern (r.) im Palazzo Liestal.

Rebekka Gather (l.) und Livia Kern (r.) im Palazzo Liestal.

Tanja Opiasa-Bangerter

«Er», stammelt sie. Barfuss, mit gespreizten Zehen steht Livia Kern auf dem Bühnenboden. Ihre Gesichtszüge entgleiten; die Hände der zeitgenössischen Tänzerin sind zu Fäusten geballt. Wütend sein, sich wehren möchte sie, sagt sie fast tonlos. "Schon wieder nicht", murmelt Kern und trippelt mit einem Basketball durch die dunklen Sitzreihen des Liestaler Theater Palazzo.

Zum Ton des aufschlagenden Balls gesellt sich ein zweiter. Durchdringend schlägt Artistin Rebekka Gather auf und zusammen kreieren die beiden jungen Basler Performerinnen eine beklemmende Soundkulisse. Mit ihrem Tanztheater «Ira - ein furioses Bühnenstück über Lebenskraft» ist dem 2020 kreierten Duo eine kraftvolle, packende Auseinandersetzung mit den Gefühlswelten von durch physische oder psychische Gewalt bedrohten Frauen gelungen.

In ihr Debüt, das nebst den stereotypisierten Facetten weiblicher Wut die Ohnmacht von Missbrauchsopfern im Schweizer Rechtssystem bespielt, fliesst die künstlerische Verarbeitung eines zur Anzeige gebrachten sexuellen Übergriffs.

Seit dem einschneidenden Vorfall, den sie als ehemalige Mitarbeiterin in einem Basler Gastronomieunternehmen erlebt habe, seien zwei Jahre vergangen, erzählt die 29-jährige Vertikaltänzerin Gather. Weniger die engmaschige mediale Berichterstattung, sondern vielmehr der langwierige Prozess bei der behördlichen Bearbeitung ihres Falls seien zermürbend, räumt sie ein und betont: «Meine Anzeige liegt seit eineinhalb Jahren bei der Staatsanwaltschaft.»

Ebenso lange beschäftige sie sich gemeinsam mit ihrer Bühnenpartnerin Kern, die sie im Rahmen des Labor Manifest Freiburg meets Basel kennenlernte, mit der Fülle an Emotionen, die Betroffene von sexualisierter Gewalt durchleben. «Letzte Woche wurden drei Frauen Opfer von Femiziden», sagt Kern. Bei einer Protestaktion, der sich die 30-jährige Geisteswissenschaftlerin anschloss, habe sie Wut selten registriert. «Eine immense Trauer überwiegt», weiss Kern, die mit ihrer Tätigkeit als Choreografin bevorzugt feministische oder gesellschaftliche Themen aufarbeitet.

Dabei gebe Wut Hoffnung, ist sich Gather sicher. Und diese sei in der künstlerisch erkämpften Lebenskraft auch in der Entstehung ihrer Produktion immer präsenter geworden, erzählt die in diversen Zirkusschulen ausgebildete Gather, die es schafft, auf der Bühne zu ihrer Erinnerung an den Übergriff eine Distanz zu wahren.

Wut-Recherchen

Sie sitzt im Schneidersitz, trägt einen roten Pullover und roten Lippenstift. Wir assoziieren die Farbe mit der Essenz ihres Stückes - Gather schmunzelt. Aufs Lateinische zurückzuführen, bedeute «Ira» Wut. Um diese körperlich zu verorten, hätten sie sich während der Recherche zum Stück verschiedene Techniken angeeignet - darunter Schüttelyoga oder das gegenseitige Auslösen körperlicher Gegenreaktionen. «Wir haben eine gemeinsame Körpersprache gefunden», betont Kern. «Für mich war sofort klar, dass Tanz mein Medium ist, um meiner Wut Raum zu geben», betont Gather.

Und Kern, die eine Schulklasse zur Aufführung eingeladen hat, fügt an: «Wir möchten Frauen ermutigen, sich durchaus wütend fühlen zu dürfen».

Die einjährige Arbeit an ihrer Produktion, die im Rahmen des neuen Formats SuppArt vom Palazzo Liestal unterstützt wurde, habe ihr zwar geholfen, Geschehenes künstlerisch zu verarbeiten, betont Gather. Das beschwerende Gefühl, mit der verstreichenden Zeit im Strafprozess, in der ihr eine Schweigepflicht obliegt, weniger ernst genommen zu werden, bleibe.

Nur mit der Unterstützung eines starken Umfelds sei dies auszuhalten, wird sie im Stück erzählen. Und sich unter einem Holzstuhl kriechend fragen, ob die dreieinhalbstündige Aussage für nichts war. Warum Verkehrsverstösse zeitnah geahndet werden und sie nach einem sexuellen Übergriff zu schweigen und zu warten habe?

Mal fuchsteufelswild, mal passiv-aggressiv

Der Dringlichkeit ihrer Fragen kann sich das Premierenpublikum kaum entziehen, es hält die Konfrontation mit den miteinander verbundenen Choreografien aus und sieht hin. Wie Gather in die Luft boxt, voller Selbstbewusstsein trotzt und von Kern immer wieder heftig zu Boden geworfen wird. Wie sie taumelt, zuckend einem Hysterieanfall verfällt und schliesslich als Wissenschaftsobjekt zur Schau gestellt wird.

Sie seien im Stück gleichzeitig Verbündete und Gegenspielerinnen, mal fuchsteufelswild, mal passiv-aggressiv, rasend, bebend, kreischend, betont Kern, die sich wünscht, dass ihr Publikum trotz aller Tragik auch mitlachen kann.

Eine subtile Komik lässt sich in den kurzweiligen Szenen zweier überzeichneten Moderatorinnen, die als «in unseren Breitengraden sozialisierte weibliche Wesen» eine Selbstsuche präsentieren, verorten. Als Gather die mehrmals leblos zu Boden sinkende Kern daraufhin mit einem Holzbrett auf den Boden drückt, ihre Hände nach Halt suchen und ins Leere fassen, spiegelt sich die Tragik in der Stille des Saales.

Dieser wird im temporeichsten Teil der Inszenierung zu wissenschaftlichen Fakten weiblicher Unterdrückung aus dem Off von meterlangen Fäden durchwoben. Kern und Gather winden und ringen sich in einer tänzerischen Hochleistung durch das Netz aus Hindernissen, das sie schliesslich gemeinsam zu bezwingen vermögen, indem sie weiblicher Wut ein neues Gesicht geben.

«Ira», noch bis zum 24.10. im Palazzo Liestal.
www.palazzo.ch

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