Theater Basel
Völlig losgelöst: schwebende Steine, ein Klavier und ein Trampolin

Philippe Quesne führt das Basler Theaterpublikum auf eine Reise ins Universum, die schwerelos beginnt und in albernem Slapstick versandet.

Dominique Spirgi
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«Cosmic Drama» von Philippe Quesne beginnt im Theater Basel bildgewaltig.

«Cosmic Drama» von Philippe Quesne beginnt im Theater Basel bildgewaltig.

zvg/ Martin Argyroglo

Der Abend beginnt vielver­sprechend – zumindest für einen Weltraum-Epos-Fan. Mit schwülstig-hollywoodesken Orchestermelodien untermalt geht es wie im Film aus eben diesem Genre los: mit der Einblendung der ­Darsteller, des Produktionstitels «Cosmic Drama», visuell untermalt mit den unendlichen Weiten des Alls mit Sternen, kosmischen Nebeln sowie Asteroiden-Schwärmen.

Diesem Einstieg folgt der immersive Überraschungs­moment, wir sind ja im Theater und nicht im Kino: Aus dem filmischen Bild auf der zur Monsterleinwand mutierten Bühnenrampe schimmert in einer faszinierenden Überblendung vom Virtuellen ins Analoge das 3D-Bild eines Raumschiffs mit fünf Besatzungsmitgliedern durch, die offenbar auf einer aufregenden Mission unterwegs sind. Das Raumschiff stellt sich als ausgehöhlter Asteroid heraus.

Abstruse Szenerien und verquere Geschichten

Aber zuerst geht es einmal um die Loslösung der multimedialen Ebenen. Das geschieht originell – wenn auch bereits oft gesehen – über das Heraus­treten aus der inhaltlichen in die ironische Metaebene. Angekündigt wird die «Deaktivierung der vierten Wand». Der Gazevorhang hebt sich und die Szenerie wechselt auf die analoge Bühnenebene mit tatsächlich an­wesenden Schauspielerinnen und Schauspielern.

Der französische Künstler und Theatermacher Philippe Quesne hat sich mit seiner Compagnie «Vivarium Studio», aber immer wieder auch an institutionellen Bühnen, als Schöpfer abstruser Szenerien einen Namen gemacht, aus denen heraus er ebenso strub-verquere Geschichten entwickelt.

In Basel geht es nun hinaus ins All und auf einen ausgesprochen unwirtlichen und seltsamen Planeten. Zu sehen sind fünf Astronautinnen und Astronauten aus verschiedenen Ländern Europas – angeführt von der zuweilen irrwitzig plappernden Kapitänin Marcella aus Italien und mit national-­klischierten Namen wie Meier-Schulz, Jean-Charles oder Snyder.

Untersuchen depressive Steine: Annika Meier, Gala Othero Winter, Julian Anatol Schneider, Jean-Charles Dumay und Raphael Clamer.

Untersuchen depressive Steine: Annika Meier, Gala Othero Winter, Julian Anatol Schneider, Jean-Charles Dumay und Raphael Clamer.

zvg/ Martin Argyroglo

Als «Schäfer der Galaxie», wie sie sich selber nennen, sind sie offensichtlich von der katastrophalen Klimaerhitzung (70 bis 80 Grad Celsius – ein Gang vor die Türe sei nur noch im Kühlanzug möglich gewesen) ins All geflüchtet. Einer von ihnen erinnert sich an so unglaubliche Erlebnisse wie die Sichtung von Eisbergen vom Ausguck eines Schiffes heraus.

Ihren langen grau-strähnigen Haaren nach zu urteilen, müssen die Mitglieder dieser Raumfahrgemeinschaft schon längere Zeit unterwegs gewesen sein. Sie landen nun auf einem von Asteroiden-Schwärmen umgebenen fremden Planeten, auf dem Meteoro­iden auf- und ab­schweben. Nur ein Stein bleibt regungslos auf dem Grund ­liegen. Ihnen allen geht es offen­sichtlich nicht gut, wie ein paar Mal bemerkt wird. Soweit die ­Hand­lung, wie man sie an diesem anderthalbstündigen Abend einigermassen nachvollziehen kann. Was danach folgt, wirkt mehr und mehr verschwurbelt.

Ironisierte Zitate, «Blue Moon» und ein Trampolin

Dann beginnt Quesne, mit dem wacker agierenden fünfköpfigen Ensemble ironisierte Zitate aus Science-Fiction-­Klassikern wie Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» oder Franklin J. Schaffners «Planet of the Apes» durcheinander zu wirbeln, durchbrochen von Zirkusein­lagen und Dada­Tiraden. Unterlegt wird das Ganze mit viel Nebelschwaden sowie mit Evergreen-Songs wie «Blue Moon» oder Klassik-Einsprengseln, wie der Mondschein-Sonate, die auf einem warum und wie auch immer auftauchenden Klavier angestimmt werden.

Auch ein Trampolin wird irgend­einmal auf die Bühne beziehungsweise den Planeten ­gerollt. Sowie ein Verpackungstrichter für Weihnachtsbäume, durch den sich vier der Astronautinnen und Astronauten in einen Netz-Schlauch einwickeln lassen, um sich so gesichert dem unbewegten und störrisch abweisenden Stein zu nähern. Warum das so ist, ist inhaltlich nicht wirklich nachvollziehbar.

Völlig losgelöst: Das Stück macht bei zunehmender Spieldauer immer weniger Sinn.

Völlig losgelöst: Das Stück macht bei zunehmender Spieldauer immer weniger Sinn.

zvg / Martin Argyroglo

Der eingangs des Abends angetönte Ausgangspunkt der brutalen Klimaerwärmung wird nicht mehr aufgenommen. Und die Szenerie steigert sich mehr und mehr in alberne Slapstick-Loops hinein, die wenig miteinander zu tun haben und für sich gesehen einmal ganz amüsant, ein anderes Mal aber auch weniger witzig daherkommen.

Am Schluss ist es der Asteroiden-Raumschiff-Crew vergönnt, sich in das Schwebe-­Ballett der Stein-Fragmente einzureihen. Das verschafft zumindest den Astronautinnen und Astronauten sowie den Steinen immense Glücksmomente.

Cosmic Drama, Theater Basel
7./10./14./16./22. Juni, 29. August, 2. September.
www.theater-basel.ch