Buch
Gewalt ist kein Argument: Der Basler Humanist Sebastian Castellio rief zu Toleranz auf

Der Schwabe Verlag widmet dem Gelehrten und seinem Aufruf zum Gewaltverzicht in Glaubensfragen ein Buch.

Martin Stohler
Drucken
Teilen
Für Sebastian Castellio (1515–1563) – im Bild eine Gedenktafel bei der Basler St.-Alban-Kirche – war Gewalt kein Argument.

Für Sebastian Castellio (1515–1563) – im Bild eine Gedenktafel bei der Basler St.-Alban-Kirche – war Gewalt kein Argument.

Martin Stohler

Der Kampf zwischen Vernunft und blindem Glauben kann manchmal tödlich enden. Diese Gefahr besteht besonders dann, wenn der Glaube über Macht und Zwangsmittel verfügt, und die Vernunft nur den gesunden Menschenverstand ins Feld führen kann. Eines der Opfer in diesem Kampf war der spanische Arzt und Theologe Michel Servet. Am 27. Oktober 1553 wurde er in Genf unter entsetzlichen Qualen bei lebendigem Leib verbrannt. Mitverbrannt wurde eine Schrift Servets, die sowohl das Missfallen der katholischen Inquisition wie auch jenes des Reformators Johannes Calvin erregt hatte.

Im Zentrum der Meinungsverschiedenheiten von Calvin und Servet stand die Frage nach dem wahren Wesen Gottes. Für die katholischen und reformierten Religionswächter war Gott eine Dreiheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Nach Servets Meinung tritt Gott den Menschen dagegen als Deus omniformis in vielfältigen Erscheinungen, Emanationen, entgegen. Wer eine solche Lehre vertrat und die Dreifaltigkeit in Frage stellte, konnte in Calvins Augen nur ein Instrument des Teufels sein und musste zum Verstummen gebracht werden.

Die Verbrennung Servets im Jahr 1553 löste eine längere Kontroverse aus. In deren Verlauf wies der damals in Basel tätige Humanist und Bibelübersetzer Sebastian Castellio Calvin auf eine simple Tatsache hin: «Einen Menschen töten heisst nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.» Der aus Savoyen stammende Castellio kannte Calvin persönlich. Zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden war es schon früher gekommen, als Castellio von 1541 bis 1544 in Genf Rektor des Collège de Rive war.

«Gotteslästerung und Gottlosigkeit»

Nach seinem Wegzug von Genf liess sich Castellio in Basel nieder, wo er mit seiner Familie in bitterer Armut lebte. Ab 1545 arbeitete er hier als Übersetzer und als Korrektor des Druckers Oporin. 1553 verbesserte sich seine Lage etwas, als er an der Universität Basel eine Griechischprofessur erhielt. Mit seinem Plädoyer für einen Gewaltverzicht bei Meinungsverschiedenheiten in Glaubensfragen zog Castellio den Hass von Johannes Calvin und dessen Mitstreiter Theodor Beza auf sich.

Sie griffen ihn in Streitschriften als Häretiker an und beschuldigten ihn der Gotteslästerung und der Gottlosigkeit. Calvin schloss eine gegen Castellio gerichtete Schrift mit den Worten: «Gott zähme dich, du Satan. Amen.» Beza und Calvin beschuldigten Castellio auch, er sei bei seinen Bibelübersetzungen vom Teufel beeinflusst worden. Ein Vorwurf, der Castellio derart absurd erschien, dass er in seiner Verteidigung gegen eine kurz vor seinem Tod 1563 in Basel erfolgten Anzeige dazu lediglich bemerkte: «Denkt selbst darüber nach, wie wahrscheinlich das ist.»

Der Historiker und Theologe Uwe Plath ist ein ausgewiesener Kenner von Sebastian Castellios Schriften und Lebensumständen. In seiner jüngsten, diesen Sommer erschienenen Publikation geht er der Frage nach, aus welchem Selbstverständnis heraus Castellio die Stimme gegen Calvin erhoben hat.

Castellio verabscheute, wie er selbst sagte, Häretiker. Punkto Servet schrieb er denn auch: «Ich verteidige nicht die Lehre Servets, sondern ich zeige die falsche Lehre Calvins auf.» Dabei geht es Castellio, so Uwe Plath, «um den Nachweis, wie gefährlich die Verfolgung von Häretikern sei. Und es geht ihm um die Forderung, die Entscheidung darüber Gott alleine zu überlassen». Eigentlich eine recht vernünftige Forderung, möchte man meinen.

Uwe Plath: «Castellios Selbstverständnis in seiner Auseinandersetzung mit Calvin». Schwabe Verlag, Basel 2021. 99 Seiten. 14 Franken.

Aktuelle Nachrichten