Zum Tod von Roger Humbert
Ein Pionier der konkreten Fotografie, stets auf der Suche nach der Natur des Lichts

Der Basler Fotograf Roger Humbert ist am Samstag im Alter von 92 Jahren verstorben.

Bernd Stiegler*
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Fotograf Roger Humbert vor zwei Jahren in seiner Ausstellung im Basler Ausstellungsraum BelleVue.

Fotograf Roger Humbert vor zwei Jahren in seiner Ausstellung im Basler Ausstellungsraum BelleVue.

Roland Schmid

Wenn man Roger Humbert in seiner Basler Wohnung besuchte, begegnete man einem ungemein wachen, zugewandten und lebendigen Künstler, der zumeist vor sich seine letzten Arbeiten ausgebreitet hatte und dann in wenigen Sätzen auf erhellende Weise die Fotografiegeschichte durchmass und nebenbei komplexe Fragen der Physik verhandelte.

Das letzte Mal, als ich ihn besuchte, übergab er mir ein Blatt Papier, auf dem er mit seiner besonderen geschwungenen Schrift sein eigenes fotografisches Schaffen in wenigen Schritten zusammengefasst hatte. Es begann mit analogen Fotografien in den 1940er und 1950er Jahren, die jüngst in wunderbaren Aufnahmen im BelleVue in Basel neu entdeckt und gezeigt wurden.

Roger Humbert in seinem Zuhause, wenige Wochen vor seinem Tod.

Roger Humbert in seinem Zuhause, wenige Wochen vor seinem Tod.

zvg/Bernd Stiegler

In den späten 1940er Jahren hatte er noch ganz klassisch eine Fotografenlehre gemacht und wurde dann 1950 Assistent an der Fotofachschule École des arts et métiers in Vevey. Humbert wandte sich dann aber rasch der abstrakten Farbfotografie zu und experimentierte zudem mit kameralosen Fotogrammen, die er mittels komplexer Apparaturen anfertigte. Der nächste Schritt waren dann in den 1970er Jahren konkrete Fotografien, bei denen die Fotografie zu ihrem eigenen Gegenstand wird und ihre Prozesse zu Bildern werden.

Fotografieren als Forschung

Roger Humbert war ein Pionier dieser neuen Form des Fotografierens, die zu den wichtigsten und aufregendsten Erneuerungen der Fotografie der Gegenwart zählt. Selbstbewusst entwirft sich die Fotografie als eine ganz eigene Form der Kunst, aber auch der visuellen Erkundung. Humbert verstand sein Fotografieren immer auch als eine Art Forschung. Es ging ihm nicht nur um das Wesen der Fotografie, sondern auch um die Natur des Lichts, das er fotografisch zu erkunden suchte.

Roger Humbert: «Untitled (Colour Photograph)» aus dem Jahr 1972.

Roger Humbert: «Untitled (Colour Photograph)» aus dem Jahr 1972.

Roger Humbert

Ganz folgerichtig beschäftigte sich Roger Humbert dann mit Spektralaufnahmen, bei der die Zerlegung des Lichts in seine spektralen Bestandteile zum Gegenstand der Bilder wird. Das Licht wird mittels Prismen in seine Bestandteile mit unterschiedlichen Wellenlängen gebrochen und dann fotografisch aufgezeichnet.

Bei ihm wird Fotografie zur Ästhetik

Was wir sehen, ist das Licht, so wie es erscheint. Es leuchtet in irisierend-strahlenden Farben. Zuletzt hat er sich dann einer Serie von Quanten-Aufnahmen gewidmet, die noch dieses Jahr auf der Photo Basel zu sehen waren. Es sind Aufnahmen, die so berückend leuchten, dass selbst dann, wenn wir uns nicht um die physikalischen Vorgänge scheren, die Fotografie zur Ästhetik wird – zu einer Lehre der Anschauung.

Roger Humbert, der uns eine besondere Form einer ganz säkularen visuellen Erleuchtung geschenkt hat, ist im Alter von 92 Jahren am vergangenen Samstag in Basel gestorben. Er hat bereits vor Jahren sein Werk als Vorlass an die Fotostiftung Schweiz in Winterthur gegeben. Es ist mehr als nur zu wünschen, dass sie ihn mit einer Retrospektive ehrt, ist sein Werk doch so etwas wie die Geschichte der Fotografie in nuce, in a nutshell, das ungemein reich ist und das es nach wie vor zu entdecken gilt.

* Dr. Bernd Stiegler ist Kunst- und Literaturwissenschaftler und arbeitet als Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem die Geschichte und die Theorie der Fotografie.