Der Blick aus nicht mehr jungen Augen ist unverblümt, direkt, nahe. Zu nahe. Und er dauert lang. Sind es zehn Sekunden oder gar zwanzig? Ich versuche, ebenso direkt zurückzuschauen, empfinde mich plötzlich als Voyeurin und muss den Blick abwenden, während die alternde Frau im Brautkleid mich weiterhin unumwunden ansieht. Wer ist sie? Und wer bin ich selbst in diesem Spiel mit Rollen, Verkleidungen und Identitäten? Derart unter die (Netz-)Haut ging Theater selten. Derart unter die Haut geht allerdings auch das Musiktheater von Theater Marie und Argovia Philharmonic nicht uneingeschränkt.

Ausgangsmaterial Spitzenklasse

Dabei ist das Ausgangsmaterial Spitzenklasse. Schliesslich wird hier nichts Geringeres als Beethovens dritte Sinfonie zu Theater gemacht: Die «Eroica» ist es, die das Tempo vorgibt, der szenischen Atmosphäre den Boden bereitet und auch die Motive liefert, welche sich in der Handlung widerspiegeln. Ähnlich spitze ist streckenweise auch der stumme Bewegungschor, der sich aus umwerfend intensiven Laiendarstellern über sechzig zusammensetzt. Sie lassen den Abend eindringlich werden. Was man hier sieht, geht in Sachen Echtheit weit über einen Theaterabend mit professionellem Hochglanzfinish hinaus.

Jetzt gälte es nur noch, Darsteller und Musik zu einem Ganzen zu verbinden. Dies allerdings stellt sich als offensichtlich schwierig heraus. Wenig verwunderlich. Schliesslich trieb die Frage, wie man aus abstrakten Einzelteilen ein zusammenhängendes Ganzes schafft, schon Beethoven um – zahllose Skizzen und Korrekturen belegen seinen entschlossenen Kampf mit dem Kleinen – und seinen Sieg darüber. Zum Schluss stand vor Beethoven eine Sinfonie, die mit unaufhaltbarem Sog vom ersten Augenblick bis zum letzten führt.

Heroisches Potpourri

Und das macht dem grossen Klassiker so schnell keiner nach. Nicht Olivier Keller (Regie), nicht Patric Bachmann (Dramaturgie) und ebenso wenig Beethovens Co-Komponist an diesem Theaterabend, Bo Wiget. Die drei reflektieren das Werk und seine Geschichte aus vielerlei Perspektiven, sie befragen es, befühlen es, begeben sich auf die Suche nach den Heroen, die sich neuerdings bevorzugt Heroes nennen. Das Ergebnis ist ein sinnlicher Bilderbogen an Szenen, ein bunt-heroisches Potpourri, erbaut auf dem musikalischen Material von Beethoven.

Etwa auf dem zweiten Satz, dem Trauermarsch, in dem der Komponist die Erdenschwere menschlicher Existenz mit schierer Schönheit kurzschloss. Während nämlich die Musik nun feierlich voranschreitet, heissen die Darstellerinnen und Darsteller das Publikum wortlos, sich ihnen anzuschliessen. Also nimmt man leise seinen Drehstuhl auf die Arme und bewegt sich gemessenen Schrittes zur nächsten Szenerie, wo die Stühle zu einem Scheiterhaufen getürmt werden. Und wirklich. Im Takt der Musik mitmarschierend wird Beethoven anders erfahrbar. Körperlicher, feierlicher und vielleicht auch authentischer, denn der Wahlwiener kannte das «Trauermarschieren» im Gegensatz zu uns noch aus eigener Erfahrung.

Dafür, dass seine gross angelegte Sinfonie quasi im theatralen Taschenformat erklingt, sorgen neun Musiker des Argovia Philharmonic. Und selbst wenn da und dort die Intonation flöten geht, stürzen sich die Musiker mit herausragendem Bühnenelan und in grossartigen Kostümen in die Interpretation.

Kostüme als Hauptrolle

Überhaupt, die Kostüme! Sie sind die geheimen Protagonisten des Abends. Sodass man sich kaum sattsehen kann an den gleichermassen lust- wie humorvollen Kreationen von Tatjana Kautsch. Und: Für einmal machen Kleider tatsächlich Leute. Beinahe scheint es, als ob etwa das Schmetterlingskostüm seiner Trägerin wirklich Flügel verleiht; auch die Einhorn-Maskerade weckt offenbar magische Schauspielkräfte Und der Superman-Overall, dessen Hosenbeine lose am Rücken des Darstellers herunterbaumeln, bezeugt: Man kann trotz Unzulänglichkeiten Held sein. Und das gilt nicht zuletzt auch für diesen Theaterabend, der lustvoll vieles wagt – und dabei auch mal scheitert.

Aarau, Alte Reithalle. Nächste Vorstellungen: Mittwoch 30., und Donnerstag 31. 8.