Dokumentarfilm

Berührender Film über Heimkinder: Frech und wild war verboten

Schwere Erinnerungen gut erzählt: Annemarie Iten-Kälin war im Waisenhaus Einsiedeln acht Jahre lang «zwangsversorgt» und «fremdplatziert».

Schwere Erinnerungen gut erzählt: Annemarie Iten-Kälin war im Waisenhaus Einsiedeln acht Jahre lang «zwangsversorgt» und «fremdplatziert».

Edwin Beelers Film «Hexenkinder» zeigt, wie in der Gewalt an Kindern in Schweizer Heimen dunkelstes Mittelalter weiterlebte.

Was für ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit, und das in einem Film, der von zwangsversorgten Heimkindern aus den 50er- bis 70er-Jahren handelt! Wenn zu Beginn ein Flugzeug senkrecht aus dem Himmel ins Bodenlose fällt, baumelnd wie eine Girlande, fliegen wir so euphorisch wie ängstlich mit, bis der freie Fall im Blick der Kamera auf die unendliche Ruhe eines Gewässers endet.

Magische Naturbilder sind ein Markenzeichen des Innerschweizer Filmers Edwin Beeler. Aber in «Hexenkinder» zieht sich nicht die mythische Bergwelt, sondern das Wasser leitmotivisch durch den Film. Es erstarrt zu Eis, bahnt sich aus gefrorenen Schollen den Weg in die Freiheit, schiesst durch Flusswehre oder birgt keimendes Leben. Und doch ist es hier auch ein Folterinstrument.

Weil sie ins Bett nässte, wurde MarieLies Birchler im Waisenhaus in Einsiedeln in der Badewanne unters eiskalte Wasser getaucht. «Bis ich fast nicht mehr atmen konnte», sagt sie mit lebhafter und doch bebender Stimme in die Kamera. Willy Mischler war im Heim Mariahilf in Laufen nur ein «keckes Bürschchen» mit einem «frechen Blick». So schrieb es sein Vormund in die Akte, die der Geschäftsmann im Staatsarchiv Bern einsieht. Und doch wurde auch Mischler mit «Duschen und Dünkle» gequält. Die Ordensschwestern zogen ihn an den Beinen «rauf und runter», nur um zu sehen, «öb no läbsch».

Der Staat als Unterlassungstäter

Mischler und Birchler sind zwei der fünf Protagonisten, die vor Beelers Kamera die Erinnerungen an ihre Heimkarrieren lebendig werden lassen. Damit führt der Filmemacher eindrücklich die Debatte weiter, die Markus Imhof mit seinem «Verdingbub» angestossen und die die Wiedergutmachungsinitiative auf die politische Agenda gebracht hatte. «Es geht mir um die Perspektive der damaligen Kinder. Nicht um die Täter, sondern um die Opfer, was sie durchlitten und mit welcher Kraft sie ihr Schicksal gemeistert haben», so Beeler zu seinem «anwaltschaftlichen» Film.

Er zeigt: In den Heimen waren nicht nur Ordensschwestern mit religiösen Wahnvorstellungen Täterinnen, sondern auch der Staat. «Ich habe meinen Vormund nur einmal gesehen», bedauert Sergio Devecchi, der, seit er zehn Tage alt war, von Heim zu Heim umplatziert wurde «wie Rinder auf eine andere Alp»: «Der Vormund hat mich sträflich vernachlässigt, der Staat hat seine schützende Hand nicht über uns gehalten.»

Das zeigt sich auch an den entmündigenden Akten, wie der Historiker Markus Furrer erläutert: Mit ihnen stülpten die Behörden dem «realen Zögling» eine zweite Biografie über, einen «Aktenzögling», dessen Prägung weitergereicht wurde und den der «reale Zögling» nie abstreifen konnte. «Wie sich die Kinder fühlten: Darüber steht nichts in den Akten,» resümiert lapidar die eindringliche Kommentarstimme von Hanspeter Müller-Drossaart.

Neben der politischen hat der Film eine historische Dimension. Wenn die Kamera die Treppe zum dunklen Estrich hochkriecht, der im Mariahilf in Laufen als Folterkammer diente, öffnet sich der Blick auf mittelalterliches Gemäuer. Und da, an historischen Schauplätzen wie dem Schelmenturm in Stans, gibt der Film Einblick in das Schicksal von «Hexenkindern» im 17. Jahrhundert, denen in einer frühen Form von «Mobbing» (Romano Cuonz) Teufelstreiben nachgesagt wurde. Sie wurden «strangulieret» oder enthauptet – wie das elfjährige «Fötzeltrini», das «ein schwarzer boshafter Bube mit dem Glied an ihrer geheimen Natur gekutzelt» habe.

Kinder werden gewaltsam in Form gebracht

Eine Klammer ist die zeitlos archaische Musik von Albin Brun und anderen. In ihr kann man wie in den Naturbildern weit durchatmen. Ein zweites verbindendes Element spricht der Kommentar an: Hier wie dort ist eine ähnliche Haltung am Werk, Kinder als «rohe und wilde Wesen» zu sehen, die man formen muss, um sie «zu Gott hinzuführen» oder gesellschaftlichen Bedürfnissen anzupassen. Das macht diesen Film verstörend aktuell. Zudem kehrt das Hexen-, Teufels- und Sündenvokabular des 17. Jahrhunderts in den Erzählungen der Heimopfer wieder, ebenso wie der Hang der «barmherzigen Schwestern», alles Sinnliche «auf eine sexuelle Ebene herunterzureissen», wie Birchler sagt. Das Vertrauen, das Beeler mit seiner einfühlsam-geduldigen Kamera zu seinen Protagonisten schafft, lässt diese offen auch über religiösen wie sexuellen Missbrauch sprechen.

Seine Leichtigkeit verdankt der Film den sympathischen Protagonisten, die alle ihren Weg im Leben gemacht haben. Wenn am Schluss MarieLies im Park mit einem Kind herumtollt, wird einem so leicht ums Herz wie bei der Flugzeuggirlande zu Beginn. «Ich bin einfach wild gewesen, ich wollte leben und konnte es nicht», sagt sie zuvor im Film und beweist wie die andern auch, dass sie es trotzdem geschafft hat. Ein so aufwühlender wie bestärkender Film.

Hexenkinder (CH, 96 Min.) R: Edwin Beeler. Jetzt im Kino

Meistgesehen

Artboard 1