Haegue Yang (47)

Die Aufsteigerin des Kunstjahres ist eine Pendlerin zwischen den Kulturen.

Wer regelmässig die Kunst-Grossveranstaltungen irgendwo besucht, hat sie schon gesehen: Haegue Yang. Vielleicht nicht die Künstlerin selber, aber ihre Werke. Denn sie sind zwar schlicht, aber auffällig. Und so aussergewöhnlich, dass der Wiedererkennungseffekt greift.

Haegue Yang baut ihre Kunst oft aus Jalousien. Ja, aus diesen leichten Rollläden,
die man normalerweise vor die Fenster hängt, um unliebsame Blicke abzuwehren oder zu viel Licht und Sonne zu filtern. Ob rot, schwarz oder weiss: Haegue Yang lädt die industriell hergestellten Dinger mit immer wieder neuen symbolischen Bedeutungen auf. Sie kann damit eine chinesische Geschichte über Mao und Korea oder eine private Geschichte erzählen. Andeutungsweise oder offen.

Auf Achse Seoul–Berlin

Die 1971 in Seoul geborene, heute zwischen Südkorea, Deutschland und den Weltkunst-Plätzen pendelnde Künstlerin hat dieses Jahr den Kölner Wolfgang-Hahn-Preis gewonnnen. Dieser ist mit 100 000 Euro dotiert und eine der wichtigsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst.

Doch nicht genug der Ehre: Diesen Monat erschien der «Kunstkompass» des Wirtschaftsmagazins «Capital», eines der anerkannteren Künstler-Ratings. Den ewigen Ranglistenersten Gerhard Richter konnte natürlich auch Haegue Yang nicht stürzen. Aber sie wurde in der Liste der 100 wichtigsten Aufsteiger («Die Stars von morgen») zur Siegerin gekürt.

Aufstieg der Frauen

Angefangen hat ihr Aufstieg 2009 an der Biennale Venedig, seither gehört sie zu den weltweit gefragten Positionen, wie es im Szene-Jargon so schön heisst. Seit 2017 ist sie auch Professorin an der Frankfurter Städel-Schule, wo sie einst selber studiert hat. Ironisch oder einfach als Hilfe, weil ihr Name (Häg-u-e) oft falsch ausgesprochen wird, nennt sie sich auf ihrer deutschen Website Heike Jung und sagt, sie sehe sich als eine Art Hybrid zwischen den Welten.

Haegue Yang ist erfreulicherweise nicht die einzige Frau in diesem Ranking. «Der Einzug der Frauen in die Kunstwelt setzt sich auch 2018 fort», schreibt die «Bilanz». Unter den Top Ten der 100 Aufsteiger im Kunstkompass sind sieben Frauen. Auf Rang zwei liegt die Polin Alicja Kwade, auf Platz drei die Italienerin Anna Maria Maiolino.

Rang sechs belegt die US-Amerikanerin Taryn Simon, Platz acht die Deutsche Katharina Sieverding, gefolgt von Marguerite Humeau (Frankreich) und Berlinde de Bruyckere (Belgien). Für alle gilt, dass sie bereits weltweit gezeigt werden. Einzig was das Preisniveau ihrer Arbeit und die Dauer ihres Ruhms angeht, vermögen sie mit Richter und den seit Jahren gelisteten Cracks (noch) nicht mitzuhalten.

Haegue Yang sagt selber über ihre Karriere: «Ich bin stolz auf mich, dass ich nicht verhungert bin, sondern aktiv als Künstlerin in verschiedenen Teilen der
Welt arbeite.»

Lack und Lampen

Die fleissige Künstlerin fabriziert ihre Arbeiten übrigens nicht nur aus Jalousien. An ihre asiatische Herkunft erinnern ihre Lackarbeiten. Doch bei ihr zählt nicht der perfekte Seidenglanz des traditionellen Kunsthandwerks.

Sie setzt ihre mit Lack beschichteten, noch klebrigen Platten vielmehr Wind, Wetter und herumschwirrenden Partikeln aus, die ihre Rohlinge zu abstrakt-schönen Tafelbildern vollenden. Haegue Yang baut auch aus Möbeln, Rollständern, Glühbirnen und Kabeln mobile Figuren – die wie Totempfähle technisierter Stämme anmuten.

(Sabine Altorfer)

Heinz Helle (40)

Der Autor der Stunde.

In seiner Doktorarbeit geht er der Frage nach, wie sehr es einen Unterschied macht, ob man sich etwas vorstellt oder ob allein die Vorstellung von etwas die Sache selbst ist. Glück, zum Beispiel, oder Freiheit, die Zukunft oder alle Schlechtigkeiten der Welt: Heinz Helle ist Philosoph – und Autor.

Jüngst hat er seine Doktorarbeit abgeschlossen und das Thema in seinen neuen Roman gepackt, es ist sein dritter. Mit «Die Überwindung der Schwerkraft» war er zum zweiten Mal für den Schweizer Buchpreis nominiert. Ein Philosoph, der die Philosophie aufgibt und Literat wird, kennen wir das? Genau, bereits der letztjährige Preisträger war ein solcher Fall: Jonas Lüscher, mit seinem Roman «Kraft».

Philosophische Theorien seien schön, aber sie könnten die Kluft zwischen dem Gehirn und der Erfahrung nicht überbrücken, sagt Helle. Ähnliches sagte auch Lüscher. Beide haben, das fällt auf, in ihren Texten Sätze, die sich über Seitenlängen hinweg ausrollen, weit ausgreifen und sehr unterschiedliche Gedanken verbinden.

Der Tonfall jedoch ist anders: Bei Lüscher Distanziertheit, Kühle, Ironie. Bei Helle mehr Körperlichkeit, mehr Musikalität, mehr Wärme. Beide Texte umarmen den Leser nicht auf Anhieb, man muss sich in sie hineinfühlen, erst dann öffnen sie sich – im Fall von Helles Roman ist es Vielschichtigkeit, die sich in immer neuen Bezügen auf schönste Weise erschliesst. Ein Glück, haben diese Autoren die Philosophie an den Nagel gehängt – zugunsten von Literatur, die die Kluft zwischen Körper und Geist schliesst.

(Anne-Sophie Scholl)

Ariana Grande (25)

Die Glaubwürdige.

Ariana Grande war ein harmloses Teenie-Sternchen. Mit belanglosem R-’n’-B-Pop, aber beachtlicher Stimme, sang sie sich in die Hitparaden, blieb aber künstlerisch vernachlässigbar. Der tragische 22. Mai 2017 veränderte alles.

Es war der Tag, als ein islamistischer Selbstmordattentäter an einem Konzert der US-Sängerin in Manchester 22 Menschen in den Tod riss. Der Karriere der Sängerin hat diese Tragödie nicht geschadet.

Im Gegenteil: Ihre aktuelle Single «thank u, next» wurde in diesem November an einem Tag 8,5 Millionen mal gestreamt. Sie übertrumpfte damit die bisherige Rekordhalterin Taylor Swift.

Es ist die zynische Ökonomie des Unglücks, die gerade im Showbusiness wirkt. Doch ihr demütiger Umgang mit diesem Unglück verdient Respekt. Sie sprach über das Unglück mit Mitgefühl und wirkte glaubwürdig. Sie organisierte ein Benefizkonzert, sammelte Millionen für das Rote Kreuz, setzte sich für die Sache der Frau ein und wehrte sich gegen Homophobie.

Ariana Grande hat alles richtig gemacht und wird heute als Künstlerin ernst genommen – und wir mögen ihr den Erfolg gönnen.

(Stefan Künzli)

Michael Steiner (49)

Der Kino-König.

Es sah schlecht aus für Michael Steiner: Seine Firma war in Konkurs gegangen, sein letzter Film «Das Missen Massaker» (2011) floppte.

Doch jetzt ist alles vergessen: Sein neuer Film «Wolkenbruch» ist mit 180 000 Zuschauern bereits der erfolgreichste Schweizer Film des Jahres. 12 Jahre nach «Grounding» und «Mein Name ist Eugen» ist Steiner wieder der Schweizer Kino-König.

(Lory Roebuck)