Kultur

Bregenzer Festspiele: Gegen das Unglück der Gewöhnung

Die russische Pampa als Spiegelkabinett: Tatjana (Shira Patchornik, rechts) und Filipjewna (Liuba Sokolova). Bild: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Die russische Pampa als Spiegelkabinett: Tatjana (Shira Patchornik, rechts) und Filipjewna (Liuba Sokolova). Bild: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

In Tschaikowskys «Eugen Onegin» zeigt der Opernnachwuchs mehr als prächtige Stimmen.

Wie er unsicher Fuss vor Fuss setzt auf dem leicht hügeligen Terrain aus Schilfrohr, Gras und Sumpf, wie er den Dreck von seinen Schuhen wischt: Damit ist Onegin in wenigen Sekunden plastisch porträtiert. Es braucht kein Vorwissen, keinen weiteren Hinweis auf seinen Weltekel, den Überdruss am Leben schon in jungen Jahren; man weiss Bescheid.

Und lässt sich doch nur allzu gern von der Musik aufwühlen und hineinziehen in das Drama um den müden Dandy in Russland um 1830. In eine Oper, die behauptet, keine zu sein, sondern «Lyrische Szenen in drei Akten». Peter I. Tschaikowsky schrieb sie 1877; Vorlage war der gleichnamige Versroman Alexander Puschkin. Der Komponist selbst zweifelte an der Bühnenwirksamkeit des Stoffes. Die Operngeschichte hat gezeigt, dass er sich irrte.

Solisten mit Strahlkraft und Volumen

Richtig allerdings lag er in der Einschätzung, dass sein «Eugen Onegin» ein Werk für junge Sänger ist. Als solches hat es Intendantin Elisabeth Sobotka aufs Programm der Bregenzer Festspiele gesetzt: als Produktion des Opernstudios für vielversprechende Nachwuchskünstler, die sie einem ebenso jungen Leitungsteam anvertraut hat. Regie führt Jan Essinger, bislang mehrfach Assistent auf der Seebühne.

Am Pult des Symphonieorchesters Vorarlberg steht mit Valentin Uryupin ein Dirigent, für den Tschaikowskys dunkler Glanz und seine heiteren Abstecher ins Folkloristische die musikalische Muttersprache sind. Entsprechend gut versteht er sich darauf, eher das Orchester leidenschaftlich anzufachen: Hier geben eindeutig Figuren wie die Träumerin Tatjana, der eifersüchtig liebende Lenski, die lebenslustige Olga den Ton an.

Gegen Onegins Coolness und Arroganz wird aus dem Orchestergraben engagiert Front gemacht, zuweilen fast zu ungestüm, stellenweise auch zu laut. Zwar verfügen die Solisten auf der Bühne über genügend Strahlkraft und Volumen. Die lyrische Zartheit aber gerät zuweilen ins Hintertreffen.

Die russische Pampa kann überall sein

Dabei ist «Eugen Onegin» ein Kammerspiel, mag es auch Szenen wie das Fest geben, bei dem es zum Streit zwischen Onegin und Lenski und schliesslich zum Duell der Freunde kommt. Innenräume gibt es in Essingers Inszenierung keine – nur das Haus des Fürsten Gremin, den Tatjana heiraten wird, Jahre nachdem Onegin sie verschmäht hat. Dort begegnen sich die beiden wieder; und obwohl bis dahin alles draussen, in einem Schilfgebiet mit Campingstühlen gespielt hat, wirkte das freie Land beinahe enger, geschlossener als die perspektivischen Fluchten des Stadthauses.

Szenerie und Ausstattung (Nikolaus Webern) lassen die Dinge sprechen – und darüber hinaus die Sänger mit grosser Frische und Unmittelbarkeit agieren. Überragend: die aus Israel stammende Sopranistin Shira Patchornik. Sie gibt Tatjana einen komplexen Charakter und eine Tiefgründigkeit, die sie stimmlich farbenreich ausleuchtet. Auch Aytaj Shikhalizada (Olga), Igor Korostylev (Gremin), Alexey Neklyudov (Lenski) und Ilya Kutyukhin (Onegin) gestalten ihre Partien souverän, ebenso intensiv wie natürlich.

Die Schlüsselrolle hat die Amme Filipjewna (Liuba Sokolova) als eine Spiegelfigur Tatjanas. Sie verbindet die locker gefügten Szenen durch eine andeutungsweise aufscheinende Vorgeschichte; Traum und Erinnerungen mischen sich in das Geschehen der Gegenwart – es genügt, die alten Lieder ab Schallplatte zu hören.

Die Figuren berühren nicht zuletzt deshalb, weil sie ins Zeitlose und über sich hinausweisen. Die russische Pampa kann überall sein; Onegin steht für Tatjanas Sehnsucht auszubrechen, ein anderes als das absehbare Leben zu führen, sich nicht mit Gewöhnung als Glücksersatz zu trösten. Was man den wunderbar unroutinierten jungen Sängern wünschen möchte.

Meistgesehen

Artboard 1