Bühnenkunst

80-jähriger Dimitri: «Ich will als Clown wiedergeboren werden»

Dimitri mit 29 Jahren während der Proben für seine Auftritte am Théâtre des Vieux Colombiers in Paris 1964. Michel Lipchitz / AP Photo

Dimitri mit 29 Jahren während der Proben für seine Auftritte am Théâtre des Vieux Colombiers in Paris 1964. Michel Lipchitz / AP Photo

Dimitri wird 80. Der Clown der Nation über das Einfache, das Glück und das Leben nach dem Tod.

Herr Dimitri, was kann ein Clown bewirken?

Dimitri: Ich will die Leute zum Lachen bringen, auf poetisch-komische Art, ansonsten verfolge ich keine missionarischen Pläne. Wenn es gut läuft, mache ich das Publikum glücklich und mich selbst auch. 

Es gibt Leute, die Angst vor Clowns haben.

(lacht) Vor einem Auftritt in unserem Teatro lief ich einmal geschminkt durch den Hof. Ein Kind sah mich – und lief weinend zu seiner Mutter. Ansonsten habe ich noch nie jemandem Angst eingejagt. Im Zirkus gibt es aggressive Clowns, die besonders Kindern Angst machen. Für mich kein gutes Zeichen.

Stirbt der traditionelle Clown aus?

Es gibt ihn noch vereinzelt, etwa Gaston, der in der Schweiz erfolgreich ist und auch international hätte reüssieren können. Doch er wollte das nicht. Oder zwei ehemalige Studenten unserer Schule, I Baccalà. Es gibt sie schon noch vereinzelt.

Sie treten in Das Zelt in Interlaken solo auf. Macht das noch immer Spass?

Ja, immer mehr (lacht). Ich bin halt auch ein Glückspilz, dass ich noch so gesund sein darf.

... mit 80 Jahren. Sie werden wohl schon ein paar Gänge zurückgeschaltet haben.

Das Soloprogramm zeige ich rund 100-mal pro Jahr, und mit der Famiglia gibts auch noch rund 40 Auftritte.

Unglaublich. Wie machen Sie das?

Mir hat das Auftreten schon immer Spass gemacht – und das geht auch nicht mehr weg. Ich freue mich über mein spontanes Publikum. Es ist schön, wie die Leute über Einfaches, Naives, Poetisches lachen können.

Ist das Einfache Ihr Erfolgsgeheimnis?

Das ist doch kein Geheimnis! Ich glaube an ein einfaches Theater ohne Videoprojektion und Tonanlage. Man kann in unserem Beruf nicht bescheissen. Wenn einer nicht singen kann, ist er aufgeschmissen, wenn die Technik versagt.

Macht die Technik das Theater kaputt?

Nein, ich bin nicht dagegen, dass andere Künstler Projektionen einsetzen, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde nur wichtig, dass das Theater, das mit wenig auskommt, ebenfalls gepflegt wird. Das tun wir in unserer Theaterschule.

Was machen Sie, wenn Sie nicht auftreten? Malen Sie noch?

Ja, sehr viel. In Adligenswil läuft eine Ausstellung zusammen mit meiner Frau Gunda. Sie macht Skulpturen aus Silber und Holz. Sonst übe ich natürlich auch auf meinen Instrumenten und trainiere, damit ich in Form bleibe. Und ich plane einen Film.

Oh, erzählen Sie davon!

Es wird ein komischer, poetischer Film ohne Worte. Ich spiele einen kurligen Stationsvorstand eines kleinen Bahnhofs. Dann wird der Zugbetrieb eingestellt, weil alle Auto fahren wollen. Ich kann Ihnen jetzt nicht den ganzen Film erzählen.

Wer führt Regie?

Mohammed Soudani, ein algerischer Regisseur, der schon seit 40 Jahren im Tessin arbeitet. Seine Frau ist die Produzentin.

Wenn man sich über Ihr Leben schlaumacht, stösst man nur auf glückliche Fügungen und interessante Begegnungen. Ist es wirklich so unbeschwert?

Ja, das kann man so sagen. Einmal wollte einer einen Dokfilm über mich drehen. Er sagte: «Es muss einfach noch was Tragisches passieren!» Also habe ich den Regisseur gewechselt – der Film wurde ein Riesenerfolg.

Ist Glück eine Frage der Einstellung?

In erster Linie habe ich ein glückliches Schicksal. Doch es ist tatsächlich eine Frage der Einstellung, ob man sich der kleinen Dinge erfreuen kann oder nicht. Aber ich will hier nicht vom hohen Ross herabschwatzen. Natürlich gibt es tragische Schicksalsschläge, wie einen Unfall, der einen an den Rollstuhl fesselt. Man kann nur dankbar sein, wenn es einem gut geht.

Haben Sie schon einmal den Mut verloren?

Eigentlich nicht. Wenn etwas anders kommt als erwartet, glaube ich an die Bedeutung darin, etwas daraus zu machen.

Sie haben in Bern eine Töpferlehre gemacht. Welche Erinnerungen haben Sie?

Nur gute. Als Töpferlehrling war ich am Konsi, habe Theater gespielt und Tanz gelernt. Aber ich würde doch lieber in Zürich wohnen als in Bern, Zürich ist weltoffener. Bern hat so etwas Heimeliges.

Schriftsteller wie Günter Grass und Max Frisch gehörten zu Ihren Freunden. Hat es Sie nie gereizt, eine Ihrer vielen Ideen in einem Roman auszubreiten?

Nein. Ich bin ein bisschen ein Analphabet. Ich kann gut erzählen, aber nicht gut schreiben. Die Bücher, die ich bisher realisiert habe, habe ich immer mit einem Schriftsteller zusammen gemacht. Für die «Autobiografie aus fremder Feder» hat Autor Hanspeter Gschwend 45 Stunden aufgenommene Gespräche verarbeitet.

Zu Ihrem 75. Geburtstag sagten Sie: «Zu schaffen macht mir der Gedanke, dass man an etwas sterben muss.» Jetzt sind Sie dem Tod 5 Jahre näher.

(Lacht) Ja, da haben Sie recht.

Ist die Angst vor dem Tod grösser oder kleiner geworden?

Ich glaube an ein Leben nach dem Tod, an die Reinkarnation. Den Tod an sich fürchte ich nicht, aber ich habe Angst vor langem Leiden, vor Krankheit und Abhängigkeit. Das geht wohl allen so.

Als was wollen Sie wiedergeboren werden?

Gerne wieder als Clown. Als besserer Clown.

Geht das überhaupt?

Aber sicher. Ich möchte gerne noch komischer sein.

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