Kultur

Aargauer Mundart-Serie: Barfis

Schriftsteller Klaus Merz in seiner Wohnung in Unterkulm. Bild: Sandra Ardizzone

Schriftsteller Klaus Merz in seiner Wohnung in Unterkulm. Bild: Sandra Ardizzone

Vom Mundartwörterbuch zu Literatur inspiriert: Heute von Schriftsteller Klaus Merz.

Zwee Buebe träge e verletzte Ängel verbii. Er hocket vorinebeugt uf ere zämezimmerete Holzbahre, schleickt sis wiisse Chleidli am Bode noh. Dr Ängel isch barfis, er het langi blondi Hoor und e Hick im Flügel. E wiisse Verband deckt em beidi Auge zue: Was isch dem zarte Wäse, meh Frou as Maa, meh gflügleti Nymphe as Frou, au nume passiert – mit sim Bluemeschtrüssli i dr einte Hand?

Wie isch es überhoupt zu öis uf d Ärde abe cho? – Die beide Buebe i ihrne grobe Chittle wüsse’s au ned. Sie händ dr Ängel eifach gfunde, uf em Fäld. Händ ihrne Auge zerscht ned rächt trouet und träge ne jetzt mit ärnschte Gsichter hei. S Schteppegras und de See hinder ne zue erinneret eim e chli a Sibirie. Aber s Bild isch z Finnland obe gmolet worde, vom Hugo Simberg, um die vorletscht Johrhundertwändi ume.

Im Museum z Helsinki isch’s mehr vor Johrzähnte s erschtmol begägnet, und i has nümm vergässe sider, au wenn i die schwäre Schue vo de Buebe viel grösser in Erinnerig bhalte ha, als si tatsächlech sind. Mir isch es vorcho, wie wenn si i de z wiite Stiefle vo ihrne Vättere durs brune Grasland underwägs wäre – und as nischti im Äcke vo dene zwöi Chind e grossi, unbegriiflechi Schuld. E ihrer Mitti de trurig Ängel.

Schpöter isch mir die eigenartig Dreifaltigkeit uf eme Buechdeckel nomol vor Auge cho. «Abschied vom 20. Jahrhundert. Ein Lesebuch» hett de Titel gheisse. Und hütt, zwänzg Johr nach de Johrtusigwändi, isch mer das Buech unverhofft wieder id Händ grote: Die beide Buebe träge de abgschtürzt Ängel schtoisch wiiter. Quer dur d Wält. Immer no.

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