Art Basel Miami Beach
«Als ob ein Kunst-Ufo gelandet wäre, um Miami zu verwandeln»

Basels Kulturchef Philippe Bischof hat fünf intensive Tage in Miami erlebt – hier seine Eindrücke von einer Kunstwelt, die er als «wunderbar und grotesk zugleich» bezeichnet.

Philippe Bischof
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Strand und Sonne – wenn hier auch nur auf Postkarten –, Sehen und Gesehen werden ... und natürlich Kunst: All das macht die grösste Kunstmesse der USA aus.
14 Bilder
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Während einer Woche ist Kunst in Miami überall, die Graffiti im Wynwood-Distrikt gehören dazu.
Eindrücke der Art Basel Miami Beach
Wolfgang Tillmans
Tacita Dean
Inaki Boñillas
Johanna Calle
Július Koller
Dieser Tage ist auch Herzog und de Meurons Perez Art Museum Miami eröffnet worden.

Strand und Sonne – wenn hier auch nur auf Postkarten –, Sehen und Gesehen werden ... und natürlich Kunst: All das macht die grösste Kunstmesse der USA aus.

Keystone

Der Ort selbst ist ein Ereignis. Die Wärme und das Meer, die pulsierende Latinokultur und das Art-Deco-Ambiente, das Essen, die Bars und die Partys - all das wirkt entspannend, belebend-offen und aufreizend spontan, um das Kunsterlebnis in den Alltag zu verlängern und dort zugleich zu normalisieren. Denn in diesem Alltag ist (fast) alles künstlich und gestaltet.

Miami Beach ist Inszenierung. Es ist insofern die perfekte Location für eine internationale Kunstmesse: eine Bühne unter freiem Himmel, 24-hours in Hochbetrieb. Allein die Sonnenuntergänge sind so spektakulär, dass manchmal die Kunst unterzugehen droht. Ein Spaziergang durch die Stadt, entlang der Skylines und an verlorenen Highways vorbei, ist ebenso eindrücklich, wie die fröhlichen Feste an der Waterfront oder auf einer Panoramaterrasse.

Weniger Lautes, mehr Zartes

Falls es aber tatsächlich um Kunst geht (und das tut es ja!): Diese Art Basel - Miami Beach 2013 ist, dies mein beglückender Eindruck, künstlerisch ausgesprochen gut. Das bestätigen mir auch sehr kompetente Kunstexpertinnen und -experten. Es hat etwas weniger laute, schreierische Werke als letztes Jahr, hingegen sehr viele subtile, beinahe zarte, poetische, aber erfreulicherweise auch politische Positionen. Deutlich schien mir zu erkennen: Die Zentren der Kunstmacht werden verschoben, die internationale Szene scheint noch globaler geworden aufgrund der neuen Märkte - Brasilien, Indien, China, Russland.

Das künstlerische und diskursive Angebot ist enorm. Für mich besonders reizvoll war die «Nova», wo neuere Positionen vorgestellt werden. Und dort vor allem die latein- und südamerikanischen Künstler, die mich fasziniert haben - sicherlich auch, weil ich sie nicht so gut kenne. Entdeckt habe ich aber auch mir unbekannte tschechische und englische Positionen, die ich umwerfend fand; darunter Ausgrabungen aus den 80/90er-Jahren, was eine schöne historische Spannung ergab zur absoluten Gegenwart vieler Werke.

Zu erkennen ist insgesamt eine wachsende Lust, ursprüngliche, organische Materialien zu verwenden (Stein, viel Holz), dagegen etwas weniger Oberflächen als zuletzt (weniger Koons-Effekt als auch schon, zum Glück). Der Humor ist zurück. Das tut gut und hilft, diesen immens aufgeregten Marktbetrieb zu ertragen.
Themen, die übergreifend beschäftigen, konnte ich kaum erkennen. Es schien mir aber, dass viel Erinnerungsarbeit gemacht wird, was ich sehr reizvoll finde. Wie etwa von Inaki Bonillas, ein mexikanischer Künstler, den ich sehr schätze. Er arbeitet mit dem Bildarchiv seines Grossvaters. Oder Charles Gotta, der mit dem Werk von Merce Cunningham umgeht. Oder Daniel Richter, der deutsche Geschichte behandelt. Ausserdem habe ich viele Künstlerinnen entdeckt, etwa die Schweizerin Julia Steiner, auch das eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Die Kunsthipster unseres Planeten

Die andere Seite ist der omnipräsente Markt. Die Art Basel Miami ist ein riesiger und sehr erfolgreicher Zirkus, der in Miami Beach wie ein Kunstweltufo landet und die Stadt für eine Woche mit einer Kunstintensität versieht, die zugleich wunderbar und grotesk wirkt. Wunderbar wegen ihrer masslosen Präsenz (schlicht alles hier ist Art Basel), den vielen Menschen aus aller Welt, den vielen unerwarteten Anregungen und Begegnungen; grotesk, weil man an jeder Ecke auf ein bekanntes Gesicht trifft, die vereinten Kunsthipster unseres Planeten, Sammler, Kuratorinnen, die sich ziemlich imperial aufführen.

Grotesk auch, weil Miami Beach kulturell ein Entwicklungsgebiet ist - diese Aussage ist nicht mein Vorurteil, sondern wird von Miami-Bürgern selbst so beschrieben. Man fragt sich, wie die Menschen vor Ort das alles sehen, ob sie es kritisch einordnen und worauf sie die Kunst beziehen, wenn sonst übers Jahr wenig Kunsterlebnis geschieht. Erfreulich ist - das ist anders als bei uns -, dass die Art Basel Miami vom zweiten Tag an sehr viele «normale» Besucher und viele geführte Schulklassen hat.

Das Satellitenhafte der Art Basel Miami und das Kunstferne des Publikums wird von vielen beobachtet und als problematisch wahrgenommen. Das amerikanische Publikum wird insgesamt als sehr unbekümmert, etwas ungebildet und oberflächlich empfunden, was offensichtlich auch auf Sammler der neuen Märkte mehrheitlich zutrifft. Ein Eindruck, den ich nachvollziehen kann, denn vor allem an den ersten Tagen ist der Glimmer-Glammer enorm und nicht jedes aufgeschnappte Wort auf die Waagschale zu legen. Es ist viel konsumistische Energie vorhanden, der Ruf nach Event und Sensation erschallt überall, so ziemlich alles ist «exciting and marvellous», auch wenn es einfach ganz normale Arbeit ist. Das kann einen nervös machen.

Neues HdM-Museum

Das neue, von Herzog und de Meuron gebaute Museum, das Pérez Art Museum Miami (PAMM), soll in die Lücke der fehlenden Kunstbildung vorstossen und ermöglichen, was bei uns normal ist: Jedermann kann jederzeit ins Museum gehen und sich zeitgenössische Kunst anschauen. Diese Idee des leicht zugänglichen, in diesem Sinne populären Museums, ist von Herzog und de Meuron auf meisterhafte Art umgesetzt: Das Haus ist ungewöhnlich offen für ein Museum, hat viele Fenster und lässt rundum von aussen erkennen, was drinnen stattfindet.

Hoffen wir, dass mit diesem Museum ein Beitrag dazu geleistet wird, dass die kulturelle Bildung in Miami/Florida zunimmt und der konsumorientierten Art, mit Kunst umzugehen, etwas Vertiefendes entgegen gesetzt wird. Die ArtBasel würde davon künftig profitieren. Mehr kulturelle Bildung als Ergebnis des wachsenden Kunstmarktes, das würde mich freuen!