Gleich am Anfang der Ausstellung starrt das überdimensionierte Porträt eines französischen 1.-Weltkrieg-Soldaten mit weit aufgerissenen Augen in den Raum mit Jacques Tardis Kriegs-Epen. Soldaten frieren in winterlichen Schützengräben, die Luft ist vom Feuerschein gerötet und durch Handgranaten zerfetzte Gesichter blicken ins Leere.

Der Krieg beschäftigt den Comic-Schöpfer geradezu obsessiv und der Leser konsumiert als Voyeur gebannt diese Originale des Zeichners, aus denen Matsch und Eingeweide quellen.

Tardi wurde 1946 in Valance geboren und gehört somit zu einer Generation, die keinen der Weltkriege miterleben musste. Dass etliche seiner Bände trotzdem den Eindruck erwecken, er sei bei den globalen Desastern präsent gewesen, hat familiäre Gründe.

Gefangenschaft in Hitlers Lagern in Schulheften

Tardis Grossvater musste 1914 ins Feld, sein Vater 1939. Beide schwiegen sich über ihre Erlebnisse aus. Den Horror, den der Grossvater in sich hineinfrass, erzählte die Grossmutter dem Enkel. Die Gefangenschaft in Hitlers Gefangenenlager beschrieb Tardis Vater in drei Schulheften.

«Der Erste Weltkrieg lässt mich nicht los», resümierte Tardi einmal. Infolge des technischen «Fortschritts», der immer raffiniertere Waffen hervorbringe, welche die Tötung des Gegners beinah unsichtbar erledigten, bleibe er bei den darstellbaren Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges. Dessen Waffen seien fürs Auge fassbar.

Tardis Anfänge als Comicschöpfer lassen sich in Basel gut assortiert in Vitrinen studieren. Etwa seine Beiträge zu Zeitschriften wie Metal Hurlant oder die frühe Horror-Phantasmagorie «Der Dämon im Eis». Tardis späteres Werk wiederum wirkt wie eine Chronik französischer Geschichte des späten 19. und des 20. Jahrhunderts, wobei die Zeitreise mit dem vierbändigen «Die Macht des Volkes» (2002–2005) beginnt, einem Epos, das in hartem Schwarz-Weiss über die Pariser Kommune berichtet.

Fantastischer Trip dirch die Belle Époque

Es folgt chronologisch seit 1976 die bisher zehn Bände umfassende Reihe «Adeles ungewöhnliche Abenteuer». Die Erlebnisse einer Privatdetektivin inszeniert Tardi farbig in dynamisierter Ligne Claire sowie mit einem Touch Jugendstil.

Im fantastischen Trip durch die Belle Époque mäandern verschlungene Handlungsstränge über die Seiten und durch den Kopf des Lesers, bevölkern sein Gehirn mit Flugsauriern, die durch den Pariser Nachthimmel segeln, mit doppelköpfigen Wasserleichen und Spinnern jedweder Couleur. Mutierende Überbleibsel der Kultur des 19. Jahrhunderts werden in eine sich rapide verändernde Welt gestellt, deren blinden Fortschrittsglauben der pessimistisch-zynische Humanist Tardi geisselt.

Die Pariser 30er- und 40er-Jahre portraitierte Tardi dann in seinen Comic-Adaptionen der Krimis von Léo Malet. Da fanden zwei respektive drei Blutsbrüder zusammen: Tardi, der Ex-Anarchist Malet und seine Figur, der Privatdetektiv Nestor Burma. Die Verbindung Malets mit Tardi könnte man eine Wahlverwandtschaft unter Kulturpessimisten nennen. Mit «Brücke im Nebel», seiner ersten Malet-Umsetzung, entfernte sich Tardi von der dekorativen Optik seiner «Adele»-Bände.

Seiten von Tardi, die noch nie in einer Ausstellung waren

Die in der Schau gezeigten Werke demonstrieren diese Entwicklung: Klare Stilisierungen, die Reduktion der Staffage auf das Notwendigste sowie ein effektvolles Herausarbeiten von Pariser Stimmungen wirken zeitlos, wobei ein Paris heraufbeschworen wird, das so nicht mehr existiert.

In einem Gang der Ausstellung bewegt man sich zwischen zwei Glaswänden, von denen die Köpfe diverser Charaktere aus Tardis Werk äugen: Halbweltfiguren, Erzgauner, verrückte Wissenschafter und mitten unter ihnen der pfeifenrauchende Nestor Burma. Kreative Installationen, welche eine solche Schau bereichern.

Man ist im Cartoonmuseum stolz darauf, Seiten an Tardi berücksichtig zu haben, die bis anhin noch nie an einer Ausstellung präsentiert wurden. Tardi und die Welt des Films etwa. Der Zeichner begeistert sich vor allem für den französischen Film bis zur Nouvelle Vague, aber auch für den Film Noir.

Tardi setzt sich auch mit der Gegenwart auseinander

Ausserdem schuf Tardi Filmplakate, etwa jenes für Fellinis «La Nave Va». Eine Besonderheit bildet der 2015 erschienene Zeichentrickfilm «Avril Et Le Monde Truqué», an welchem Tardi mitwirkte und von dem Ausschnitte an der Basler Schau gezeigt werden. Das Thema, der technologische Fortschritt, kam Tardi entgegen.

Dass er sich aber auch satirisch mit der Gegenwart auseinandersetzt, belegt eine Reihe von Zeichnungen und Cartoons, in denen unter anderem die Aussagen des Papstes zur Abtreibung kritisiert, aber auch die Adoption von Kindern propagiert wird.

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«Le Mond de Tardi» bis 24. März. Eröffnung mit Jacques Tardi, Freitag, 9. November. Cartoonmuseum Basel.
Samstag, 10. November, 20 Uhr: «Putain de guerre! – Le dernier Assaut». Sängerin Dominique Grange und Jacques Tardi mit der Band Acordzéâm, Volkshaus Basel.