Kunst

Auf Zeitreise in der Wunderkammer: Lois Weinberger im Museum Tinguely

Das Museum Tinguely in Basel präsentiert eine künstlerische Forschungsarbeit des österreichischen Konzeptkünstlers Lois Weinberger. Die Werkgruppe «Debris Field» wird Tinguelys Spätwerk «Mengele-Totentanz» gegenübergestellt.

Lois Weinberger ist ein Spezialist für die unscheinbaren Dinge des Alltags. Dort, wo andere wegsehen, schaut er genau hin. Seit Mitte der Siebzigerjahre entwickelt der österreichische Künstler ein Werk, das den Blick auf die vergessene Schönheit der Randzonen der Welt richtet. Beispielsweise auf sogenannte Ruderal-Pflanzen, also solche, die ungefragt und wild in den Zwischenräumen von Zivilisation und Natur wuchern. In seinen poetisch-politischen Installationen lädt er deren Bedeutung neu auf.

An der Kasseler Documenta X sorgte er damit 1997 für Aufsehen. Er siedelte Neophyten aus Süd- und Südosteuropa auf eben jenem stillgelegten Bahngleis an, von wo 1941 und 1942 die Kasseler Juden in die Konzentrationslager deportiert wurden.

20 Jahre später überliess er einen quer zur Gartenarchitektur verlaufenden Streifen im Park in Kassel ebenfalls der wilden Überwucherung. Gleichzeitig präsentierte er in der Documenta-Aussenstelle in Athen die Arbeit «Debris Field», zu Deutsch «Trümmerfeld». Das Tinguely Museum zeigt nun eine neue Variante dieser seit sechs Jahren anwachsenden Installation.

Die eingemauerte Katze

Weinberger ist in einer Bauernfamilie in Stams in Tirol aufgewachsen, in einem 700-jährigen Haus, das der dortigen Zisterzienserabtei angegliedert ist. Heute bewirtschaftet sein Bruder den Hof. Er begann vor einigen Jahren mit einem umfassenden Umbau des Elternhauses – und öffnete damit eine bislang unentdeckte Zeitkapsel. In den Dach- und Zwischenböden, hinter Täfern und im Gemäuer fand sich eine Unzahl absonderlicher Gegenstände. Weinbergers Vorfahren hatten diese entweder als Isolationsmaterial verbaut, als Erinnerung aufbewahrt oder als Fetische gegen böse Geister dem Haus einverleibt.

Wie beispielsweise jene Katze, deren Mumie Weinberger in Basel zeigt. Das von der katholischen Kirche dämonisierte Tier sei, so der Künstler, lebendig im Zwischenboden eingemauert worden, um dort zu verhungern und die bösen Geister für immer fernzuhalten.

Diese schaurige Geschichte ist, wie alle anderen, nicht erfunden. Weinberger liess die Katze obduzieren. Worauf ihm der Arzt den Befund bestätigte. Neben Medizinern zog der Künstler für seine umfassenden Recherchen auch Historiker und Archäologen zurate.

Weinberger präsentiert Hunderte von Fundstücken in Vitrinen. Der Entwurf einer Predigt ist da ebenso zu sehen wie ein Mäusenest aus alten Zeitungen. Tierknochen und -schädel, Rosenkränze und alte Münzen, ein Männerstrumpf aus dem 30-jährigen Krieg, getrocknete Pflanzen, Arsenfläschchen und Medikamente aus dem Zweiten Weltkrieg. Weinberger kennt die Geschichte hinter jedem Gegenstand, auch diejenige der aufgereihten Schuhe einst Verstorbener: Jeweils ein Einzelner wurde in die Zwischenböden des Hauses versenkt, auf dass die ruhelosen Seelen sich nicht im Haus niederlassen.

Weinberger hat die Fundstücke nach seiner eigenen Dramaturgie geordnet. Der 72-jährige Künstler kombiniert den Fund immer wieder neu und schafft so eine Vielzahl assoziativer Bezüge. Aufgeschrieben hat er die Geschichten nicht. «Jeder soll sich seine Eigene denken», sagt er.

«Über’s Bretterl grutscht»

Nicht aus Zufall ist «Debris Field» im Vorraum zu Tinguelys «Mengele Totentanz» platziert. Die Ausstellung gehört zu einer Reihe, die Tinguelys Werk in neue Zusammenhänge setzt (siehe Kasten). Weinbergers überwältigende Collage aus 700 Jahren bäuerlich-katholischem Leben kann ebenfalls als Totentanz gelesen werden. Egal ob Kruzifix oder Streichholzschachtel: Alles ist letztendlich der Vergänglichkeit geweiht.

Das Sammelsurium aus den Tiefen der Zeit lädt ein zur melancholischen Gedenkstunde und zum Sinnieren über die eigene Geschichte und vielleicht auch darüber, was Künstler-Archäologen dereinst von uns vorfinden werden. Weinbergers Fundstücke fordern unser Vorstellungsvermögen. Vielen müssen wir als Betrachter ihre Rätselhaftigkeit belassen. Deshalb empfiehlt es sich, eine der angebotenen Führungen zu besuchen, um Geschichten wie diese hier nicht zu verpassen:

Um Holz zu sparen, war in Tirol dereinst das Herstellen von Särgen verboten. So behalf man sich mit einem Totenbrett. Auf diesem wurden die Verstorbenen angebunden und aufgebahrt, drei Tage und drei Nächte lang, in welchen die weiss gekleideten Männer Karten spielten und die schwarz gekleideten Frauen Gebete zum Himmel schickten. Dann wurde der Leichnam vom Brett in die Grube befördert. Weshalb es in Tirol heute noch heisst: «Er ist über’s Bretterl grutscht.»

 

«Debris Field» Lois Weinberger, bis 1. September, Museum Tinguely, Basel.

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