Töten kann so einfach sein: Das Opfer lehnt entspannt nach hinten, sein Hals liegt frei; Sweeney Todd seift die Wangen seines Kunden ein, singt beschwingt von schönen Frauen, nimmt sein Barbiermesser. Und mit einem kräftigen Ratsch schlitzt er die Kehle auf. Das Opfer zuckt, Todd klappt den Barbierstuhl nach hinten, und klatsch, über eine Rutsche plumpst die Leiche in die Backstube.

Schon mit dem ersten Ton aus dem Orchestergraben ist klar, hier wird es die nächsten drei Stunden makaber zugehen. «Sweeney Todd», der Thriller von Stephen Sondheim, feierte am Sonntag an der Oper Zürich Premiere. Das Musical, das nach der Uraufführung 1979 acht Tony Awards gewann, passt bestens ins Opernhaus, Sondheim selber bezeichnete es als schwarze Operette. Operndirektor Andreas Homoki verzichtet in seiner Regie auf jeglichen Musical-Kitsch. Er setzt auf Düsternis und die Kraft des Theaters.

Der Raum ist karg, Glühbirnen rahmen das Portal wie in einem alten Varietétheater. Ein grauer Hänger verengt den Raum, hinter dem sich ein Podest als obere Spielstätte versteckt. So lassen sich oben und unten parallele Handlungsstränge erzählen.

Oben und unten ist auch metaphorisch gemeint, oben der fiese Richter Turpin (Brindley Sherratt), der Sweeney Todd nach Australien verbannte, seine Frau vergewaltigte und sich der Tochter bemächtigte. Unten, unter der Bühne, die Pastetenbäckerei von Mrs. Lovett, die die schlechtesten Fleischpasteten von ganz London bäckt, bis sie auf die Idee kommt, Todds Opfer zu verarbeiten. Unten auch das Loch der Bettlerin, die als Einzige dem teuflischen Treiben von Sweeney Todd und Mrs. Lovett auf der Spur ist. Homoki lässt die Bühne ein wenig hochfahren, man sieht, wie die Leichen runterklatschen wie nasse Säcke. Mehr muss er von der kannibalischen Bäckerei nicht zeigen, der Rest passiert im Kopf der Zuschauer.

Gigantischer Leichenberg

Homoki erzählt die Geschichte des dämonischen Barbiers mit wenigen Mitteln – und starken Sängern. Der walisische Star-Bass-Bariton Bryn Terfel (eigentlich Wagner-Spezialist) ist eine Wucht. Sein Sweeney Todd vereint die grossen Gefühle, Liebe, Hass, Rache, und dann mordet er mit einer Nonchalance, dass das Zusehen eine Freude ist. Angelika Kirchschlager, österreichische Star-Mezzosopranistin, brilliert als Todds dämonische Partnerin Mrs. Lovett. Sie legt kaltschnäuzige Rotzigkeit in Stimme und Figur, zertritt mal eben mit eine Ratte und träumt dann sehnsüchtig von einem romantischen Leben am Meer mit ihrem heimlich schon immer geliebten Barbier.

Terfel und Kirchschlager sind ein Traumpaar, Farbigkeit, Witz und Intensität in Stimme und Spiel, ihre Zweierszenen opernhausfüllend. Doch die anderen Ensemblemitglieder und auch der Chor müssen sich nicht verstecken, bis in die kleinste Figur Glanzleistungen. Dirigent David Charles Abell lässt es im Orchestergraben kreischen, swingen, fein und wuchtig klingen.

Homokis «Sweeney Todd» endet noch düsterer, als er begann. Der Leichenberg hat Shakespear’sche Ausmasse. Man kann darin eine Kritik am kannibalischen Kapitalismus sehen, friss oder du wirst gefressen: wörtlich.

Sweeney Todd Opernhaus Zürich, noch bis 11. Januar 2019.