Literatur

Basler Bücher bleiben geschlossen

Für Autorinnen und Autoren mit einem Frühlingsbuch bedeutet die Pandemie einen dramatischen Verlust von Öffentlichkeit.

Für Autorinnen und Autoren mit einem Frühlingsbuch bedeutet die Pandemie einen dramatischen Verlust von Öffentlichkeit.

Covid-19 schadet nicht nur den Buchhandlungen und Verlagen, auch Autorinnen und Autoren leiden unter dem Lockdown.

Das literarische Leben in Basel steht still. Buchläden sind geschlossen, sämtliche Veranstaltungen am Literaturhaus abgesagt. «Wir arbeiten jetzt im Homeoffice», erklärt Leiterin Katrin Eckert am Telefon. «Alle sind gesund, Gott­seidank.» Die Kulturinstitution hat Kurzarbeit angemeldet, Eckert plant jetzt das Herbstprogramm und die Buch­Basel. «Ich gehe davon aus, dass das ­Literaturfestival stattfinden wird.»
Was die nähere Zukunft betrifft, ist Eckert weniger zuversichtlich. Sie ­rechne kaum damit, dass das Literaturhaus vor der Sommerpause noch einmal öffnen werde. Immerhin seien die Löhne gesichert und die finanziellen Einbussen hielten sich in Grenzen. Ausfallhonorare werden kaum gezahlt: «Die meisten Veranstaltungen versuchen wir nachzuholen.»

Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit Frühlingstiteln sei diese ­Situation am schwierigsten. «Von Simone Lappert weiss ich, dass sie 27 Lesungen absagen musste, mit Hansjörg Schneider wäre eine Grossveranstaltung geplant gewesen.» Für Freischaffende sei die Pandemie eine Katastrophe. «Die meisten Schweizer Autorinnen und Autoren leben – falls sie überhaupt von ihrer Arbeit leben können – weniger von den Bucheinkünften als von Lesungen.» Deshalb sei die ­finanzielle Unterstützung durch Bund und Kanton jetzt besonders wichtig.

Alle geplanten Lesungen fallen plötzlich aus

Zu den Autorinnen, die mit Verspätung am Literaturhaus Basel auftreten werden, gehört Sandra Hughes. «Anfang Mai wäre die Vernissage gewesen, ich hatte mich sehr darauf gefreut», erzählt die Mitarbeiterin bei der Kulturvermittlung Basel-Stadt. «Glücklicherweise ist jetzt aber klar, dass es eine Lesung später im Jahr gibt: Katrin Eckert hat mich angerufen, da wurde ich wieder fröhlich.» Hughes stellt dann ihren neuen Krimi «Tessiner Verwicklungen» (Kampa Verlag) vor, in dem eine Baselbieter Ermittlern einen Mordfall aufklärt.

«Natürlich kann ich die Einkünfte durch die Lesungen gut gebrauchen, weil ich Teilzeiterwerbende bin», ­erklärt Hughes. «Aber ich habe einen fixen Broterwerb und muss deshalb keine existenziellen Ängste haben.» Zurzeit arbeitet Hughes 60 Prozent im Homeoffice, die übrigen Tage hält sie sich als «Schreibinsel» frei. Jetzt ­müsse sie sich zurückbesinnen: «Ich schreibe ja nicht für einen Markt, sondern weil ich zwingend schreiben muss. Aber das erfordert im Augenblick eine grössere Anstrengung als sonst.»

Auch Wolfgang Bortlik, dessen Nietzsche-Krimi «Allzumenschliches» (Gmeiner Verlag) eben erschienen ist, muss vorerst auf eine Vernissage im ­Literaturhaus verzichten. «Wenn ein solcher Start fehlt, ist man als Schriftsteller deprimiert», sagt Bortlik. «Ausserdem erfährt die Öffentlichkeit nur eingeschränkt von meinem Buch.» Rund ein halbes Dutzend Lesungen ­waren geplant, alle fallen aus.

«Als Rentner komme ich mit meiner AHV knapp über die Runden», sagt Bortlik, «meine literarische Arbeit ist so etwas wie die Butter aufs Brot. Jetzt brechen mir ein paar Tausend Franken weg, das ist für mich kein kleiner Betrag.» Dass die Kulturbehörden in ­Basel schnell auf die Geschehnisse reagiert hätten, sei dagegen positiv. «Das Problem ist, dass man nicht weiss, wie und wann es weitergehen kann mit ­Lesungen», erzählt Bortlik. Diese ­Ungewissheit sei der Kreativität alles andere als zuträglich. «Dafür gibt es viel zu viele Spannungen. Es ist eine schwierige Zeit, ich muss mich zum Schreiben zwingen.»

Urs Zürcher wurde von der Pandemie ebenfalls überrumpelt. «Ich erlebe immer wieder Momente der Fassungslosigkeit und denke, das kann doch nicht sein», erzählt der Schriftsteller am Telefon. Sein neues Buch «Überwintern» (Bilgerverlag) handelt von zwei jungen Männern, die sich politisch radikalisieren und als Söldner in die Ostukraine ziehen. Erscheinen sollte das Buch ursprünglich Ende April, jetzt wartet der Verlag ab, ob der Bund die Beschränkungen verlängert.

Da das neue Buch noch nicht auf dem Markt sei, gebe es auch keine ­Rezensionen und erst wenige geplante Lesungen. «Die Solothurner Literaturtage, die mich für zwei Veranstaltungen eingeladen haben, finden online statt.» Welche Auswirkungen das auf das Programm habe, könne er nicht abschätzen. «Und ob meine Lesung im Literaturhaus Basel im Juni stattfinden wird, ist auch unklar.» Davon abgesehen habe sich sein Alltag nicht stark verändert. Zürcher schreibt weiter, nur sei das Ablenkungspotenzial grösser geworden. «Zum ersten Mal schaue ich Medienkonferenzen», so Zürcher. «Und es soll Dreissigjährige geben, die sich die ‹Tagesschau› ansehen. Auch das ist ein neues Phänomen.»

Die gesellschaftliche Debatte fängt erst an

Dient der Ausnahmezustand eventuell auch als Inspiration? Urs Zürcher verneint. «Mein aktuelles Buchprojekt wird von Corona nicht beeinflusst, ich halte den Sicherheitsabstand ein.» Das Thema werde in allen kulturellen und wissenschaftlichen Bereichen explodieren, dazu brauche es seinen Beitrag nicht. Für viel wichtiger hält Zürcher die gesellschaftliche Debatte, die durch die Pandemie ausgelöst wird: «Ist es angesichts der Bedrohungslage sinnvoll, dass die Schweizer Armee neue Kampfflugzeuge kauft? Soll das Gesundheitswesen durchökonomisiert bleiben?»

Auch Wolfgang Bortlik geht auf Distanz zum Thema Pandemie. «Ich weigere mich, Texte über das Virus zu schreiben, das machen wahrscheinlich schon genug andere. Ich bin Autor und kein Epidemiologe.» Als «alter Optimist» hoffe er stark, dass die Menschheit ­etwas aus dieser Krise lerne: dass es auch mit weniger gehe und man nicht jeden Tag einkaufen und herumfliegen müsse. «Der Pessimist in mir befürchtet aber, dass nach der Krise und dem Ende der Beschränkungen alle glauben, etwas nachholen zu müssen. Die ganze Klimadebatte fällt dann völlig aus dem Themenkatalog.»

Sandra Hughes fühle sich «momentan sehr verwirrt» von der ganzen Situation: «Deshalb ist die Leichtigkeit, mit der ich sonst in meine Figuren eintauche, ein Stück weit weg.» Ihre «Dünnhäutigkeit», die ihr generell beim Schreiben helfe, spüre sie jetzt auch im Alltag. Gleichzeitig biete das Schreiben eine Möglichkeit, mit den Figuren zu flüchten. «Das Glück, das ich am Schreibtisch erlebe, wünsche ich mir zurück.»

Literaturhaus-Leiterin Katrin Eckert ist immer noch fassungslos über das Ausmass der Pandemie. «Auch wenn meine Arbeit aus der Isolation gut machbar ist, frage ich mich, wie Europa aus dieser Situation herausfindet.» Wirtschaftlich werde viel unternommen, «aber die politische Grosswetterlage in Europa macht mir Sorgen – all die Grenzschliessungen und nationalistischen Impulse».

Was sich ebenfalls noch nicht abschätzen lasse, seien die Folgen von ­Covid-19 für die gesamte Buchlandschaft. «Es ist ohnehin schon nicht einfach für Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller, einen Verlag zu finden.» Nun wisse man auch von grossen Verlagen wie Rowohlt, Diogenes und Suhrkamp nicht, wie sie diese Krise bewältigen werden.

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