Der Brief vernichtete seine Hoffnung. «Bei den Blättern, die Sie uns letzte Woche zugesandt haben, handelt es sich nicht um Originallithografien von Paul Klee und auch die Bleistiftsignaturen sind nicht von seiner Hand», antwortet am 26. August 2011 das weltbekannte Zentrum Paul Klee dem Zürcher Hobby-Kunstsammler Karl S*.

In den Monaten zuvor hatte der 43-Jährige grosses Vertrauen gefasst in den Basler Kunsthändler Frey’s Assets, der via den Ricardo-Konten «Zueri-rabatt» und «zueri-sale» laufend «signierte» Drucke von Meisterwerken der «Klassischen Moderne» angeboten hatte. Niemals hätte sich S., ein hart arbeitender Familienvater, eines der millionenteuren Originale dieser teuersten alle Kunstperioden leisten können.

Bei Frey lagen Einstiegsgebote schon bei 50 oder 100 Franken. Fotos zeigten zierliche Skizzen von Chagall bis Picasso. Als Herkunft der signierten Drucke war eine seit Jahren geschlossene, doch im Web auffindbare Galerie «Les Tourettes» angegeben. Diese hatte die Drucke laut Freys Ricardo-Angaben aus dem Nachlass einer Anne Wertheimer, Gattin des namhaften, aber verstorbenen Kunsthistorikers Otto Wertheimer. Beide Konten verzeichneten Hunderte problemfreier Transaktionen. Bestellungen erhielt S. pünktlich, bei Fragen standen Frey oder eine Mitarbeiterin bereit. «Oft hat mein Mann bis spät abends mitgeboten», erinnert sich S.’ Gattin. Manchmal bis zu 1000 Franken pro signiertem Druck.

Heute stapeln sich in der Wohnung des Architekten Schachteln mit den Aufschriften Matisse, Picasso, Dalí, Warhol und Paul Klee. Resigniert streicht S. über eine Grafik «Das soll eine von Matisse handkolorierte Buchseite sein. Die Echtheitsprüfung würde ein paar hundert Franken kosten.» So viel sei ein original signierter Druck im besten Falle wert. Über 35 000 Franken hat S. bei Frey ausgegeben, wie Ricardo-Belege zeigen. Noch einmal so viel würde es kosten, Gewissheit über die Echtheit zu erlangen. Würde sich die Ware als falsch herausstellen, seien zusammen also 70 000 Franken verloren. Ungeprüfte Ware verkaufen könne er ja auch nicht. Begonnen hatte das Debakel am 11. August 2011. Freys Ricardo-Account ist gesperrt. Ein Banner rät Käufern, sich an das Zentrum Paul Klee zu wenden. Dieses hat laut Aussage seines Geschäftsführers zuvor «offensichtliche Fälschungen» moniert. Als S. aus Bern beschieden wird, gefälschte Ware erhalten zu haben, kontaktiert er wütend Frey. Statt einer schriftlichen Antwort folgt eine Einladung zum Essen.

Im Zürcher Edel-Italiener Casa Ferlin habe er am 21. Oktober 2011 einen jovialen Herrn Ende 60 getroffen, erinnert sich S. Auf einnehmende Art habe Hans André Frey versucht, seine Zweifel zu zerstreuen. Das Klee-Zentrum irre, habe Frey erklärt, er wisse, woher die signierten Drucke kämen. Fröhlich zwinkernd erzählt der gereifte Gentleman von Kindheitserinnerungen, jenem kleinen Hündchen der Wertheimers, für die ja schon sein Vater gearbeitet habe. Ein Siegelring glitzert an Freys Hand, er spricht von einflussreichen Geschäftspartnern. Auf seiner Website – «Frey’s Assets» in güldenen Lettern – bietet Frey Vermögensberatung im Kunstmarkt an. Als Kunden listet er die Fiat-Familie, die Zürcher Galerie Bruno Bischofberger und die Basler Fondation Beyeler auf. Auf Anfrage können sich weder die Fondation Beyeler noch die Galerie Bischofberger an Frey erinnern.

Freys Erzählungen, seine Rücknahme der Klees sowie die Reaktivierung Freys Ricardo-Konten bringen S. dazu, wieder mitzubieten. Doch diesmal sammelt er Screenshots der Auktionen. Und bemerkt, dass Drucke, die die häufigen Mitbieter Mizg7 und Icarus10 ersteigern, bald wieder auf Freys Accounts landen. S. googelt. Mizg7 könnte eine mit Frey in der Firma «Mangostane LTD» registrierte Dame sein, die genau jene Initialen hat; hinter Icarus10 vermutet S. eine in jener Firma registrierte Frau, die ihre Promotion zu Ikarus verfasste.

Weil Ricardo keine Identitäten preisgibt, kauft S. Kleinigkeiten von Dritten, bei denen seine Mitbieter auch einkauften, und fragt unter einem Vorwand nach deren E-Mails. So gelingt es ihm, andere Kunden Freys zu kontaktieren. Der Verdacht bestätigt sich: Auch diese haben Zweifel. Ein für diesen Artikel ungenannt bleiben wollendes Schweizer Ehepaar lässt von mehreren Kennern die Signaturen prüfen. Das Urteil: Warhol, Dalí und Chagall, alles gefälscht. Das Paar recherchiert. Mehrere Geschäfte Freys sind Konkurs gegangen, Betreibungen laufen. Die Zürcher Adresse von Frey’s Assets ist ein Briefkasten in einem Altbau am Limmatquai, der rund 80 Firmenadressen beherbergt. Einen Handelsregister-Eintrag hat Frey’s Assets nicht. Googelt man die Postadresse, stösst man auf Ebay-Angebote in Deutschland. Handsignierte Drucke. Äusserst günstig.

Als S. Ricardo im März 2012 seinen Verdacht mitteilt, schliesst das Auktionsplattform zwei Tage später kommentarlos Freys Konten. Fast 3000 Verkäufe hat dieser bis dahin über Ricardo abgewickelt. Hunderte davon nach der temporären Schliessung.

Wie Ricardo auf Anfrage erklärt, wurden Freys Konten im März 2012 nach S. Hinweis wegen «Hochbieten eigener Angebote über mehrere Konten gesperrt». Dies sei verboten. Wieso jedoch konnte das Auktionshaus nach dem August 2011 überhaupt weiter arbeiten lassen und so Kunden gefährden? Ricardo-Sprecherin Barbara Zimmermann kann in den Akten keinen Hinweis des Zentrums Paul Klee finden. Die Angebote seien im August 2011 «nach dem Fälschungshinweis eines Users» geprüft worden. «Es handelte sich um Galerie-Lithografien, welche scheinbar originalsigniert waren. Die Angebote wurden durch unsere interne Rechtsstelle geprüft. Gemäss Recherchen bei Galerien wurde uns bestätigt, dass es solche Galerie-Lithografien tatsächlich gibt.» Also habe man die Accounts wieder frei geschaltet.

Offensichtlich täuschte man sich. Ernst Schoeller, europaweit renommierter Kunstexperte im baden-württembergischen Landeskriminalamt, kennt die Maschen im Netz. «Aus Wahrheitsfetzen wird ein für Laien kaum durchdringbares Konstrukt geschaffen, das eine solide Herkunft der Werke suggerieren soll.»

Bevorzugt angeboten würden von Laien gejagte «Popstars» der Kunstwelt. Der Trick mit signierten Drucken: «Aus einem schlichten Plakatdruck, der 15 Euro kosten würde, wird ein Werk mit bis zu zehnfachem Wert.» Während Fälschungen bekannter Werke aufgrund der Prüfung durch die Fachwelt einem hohen Aufdeckungsrisiko unterlägen, liesse sich mit der von der Fachwelt weitgehend ignorierten signierten Druckware unter dem Radar der Prüfer und damit der Justiz fliegen. Schoeller rät vom Kunstkauf im Netz ab.

Angesprochen auf die Vorwürfe seiner Kunden bestreitet Frey, gefälschte Ware verkauft oder erstellt zu haben. Es handle sich um «bösartige Unterstellungen». «Ich war immer überzeugt, die Sache nach bestem Wissen und Gewissen gemacht zu haben.» Die Expertise des Zentrums Paul Klee will er nicht anzweifeln, doch oft hätten die Mitarbeiter von Kunstinstitutionen «keine Kenntnisse über nicht katalogisierte Grafik». Die monierten Klee-Grafiken seien aus der Anne-Wertheimer-Sammlung, die er persönlich übernommen habe, und an der es keinen Grund zum Zweifeln gäbe. Zur Sperrung seiner Ricardo-Accounts will Frey sich nicht äussern, ebenso wenig zu seinen angeblichen Beziehungen zur Galerie Bischofberger.

Mittlerweile auktioniert Frey auf Webseiten in den USA und Kanada. Seine Monatsumsätze schätzt S., der Frey’s Auktionen seit zwei Jahren dokumentiert, auf 30 000 bis 50 000 Franken. Kürzlich entdeckte er bei einer dieser Auktionen signierte Paul-Klee-Grafiken. Jene Motive, die er einst als nachweislich gefälscht retourniert hatte.

* Name der Redaktion bekannt