Kunst
Bei Cindy Sherman ist das Selfie seit 40 Jahren Kunst

Die amerikanische Künstlerin wurde mit Selbstbildnissen weltberühmt. Eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich zeigt ihr Werk unter dem Titel «Untitled Horrors». Das ist nicht kindertauglich, aber aufschlussreich. Und mit einer App ist Mitmachen erlaubt.

Sabine Altorfer
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Vier grosse Cindys und ein kleiner Besucher. Die Künstlerin hat für das Kunsthaus Zürich ein raumgrosses Foto-Tapeten-Kunstwerk geschaffen.Walter Bieri/KEYSTONE
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Die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman wurde mit Selbstbildnissen weltberühmt

Vier grosse Cindys und ein kleiner Besucher. Die Künstlerin hat für das Kunsthaus Zürich ein raumgrosses Foto-Tapeten-Kunstwerk geschaffen.Walter Bieri/KEYSTONE

Wer bin ich? Wer könnte ich sein? Und wie wäre es, wenn ich nicht ich, sondern ein Star oder reich oder tot wäre? Manche Menschen grübeln ein Leben lang darüber.

Cindy Sherman (60) dagegen probiert es aus – ihr ganzes bisheriges Leben lang. Das Resultat: Sie wurde eine berühmte Künstlerin. Zu Recht. Ihr Werk aus 40 Jahren ist ein grossartiger Bilderbogen über das Leben, über Träume und Albträume, über Hoffnungen und Scheitern.

Zu sehen ist es ab heute in einer gültigen Übersicht im Kunsthaus Zürich. Man soll sich dabei vom Ausstellungstitel «Untitled Horrors» nicht zu sehr abschrecken – aber besser die Kinder zu Hause lassen.

Das Original lohnt den Besuch

Heute ist Cindy Sherman ein gefeierter Star der Fotokunst, ihre Bilder werden für Millionen gehandelt und in allen grossen Museen der Welt gezeigt.

Man kennt Cindy als Clown oder Schlampe, als Grande Dame oder Verängstigte aus zig Abbildungen in Magazinen und Katalogen. Warum also noch in die Ausstellung?

Weil hier in Zürich das ganze Oeuvre mit Schlüsselwerken zusammen getragen wurde – und vor allem, weil die Grösse der Fotografien nicht nur imposant ist, sondern einen fast körperlich mit den Figuren konfrontiert.

Wie alles anfing

Wie alles anfing, zeigt der Vier-Minuten-Film «Doll Clothes» der 22-Jährigen Kunststudentin. Wir sehen einen aufgeklappten Prospekt. Links steckt das Bild einer nackten jungen Frau, rechts Kleider mit Laschen, um sie über die Schultern zu hängen. Die junge Frau springt aus ihrer Verpackung, schämt sich ein bisschen für ihre Nacktheit und holt sich, schwupps, ein Kleid nach dem anderen. Ein elegantes gefällt und schon hüpft sie als Zwergenpüppchen über den Schminktisch zum Spiegel, dreht sich, kokettiert... Da packt sie eine Riesenhand, reisst ihr die Kleider weg und steckt sie zurück in die Tüte.

Schon in diesem schwarz-weiss Filmchen ist fast alles enthalten, was Sherman in den nächsten Jahrzehnten perfektionierte: Die Lust am Verkleiden, das Selbstbildnis, die Entblössung, der Spiegel, die Schminke, aber auch die Konfrontation mit dem Schrecken und der gesellschaftlichen Kontrolle. Und, da ist auch bereits die technische Raffinesse: Der Film ist aus einer Serie Fotos zusammenmontiert.

Bin ich ein Star?

Die ersten Selbstbildnisse knipste die Studentin klein, schwarz-weiss und zu Hause, das Kabel für den Selbstauslöser ist oft sichtbar. Die Inhalte waren noch harmlos, etwa nach dem Motto: Kann ich aussehen wie ein Hollywoodstar? Sie kann. Was sie aber nicht kann oder will: auftreten. Noch vor der Pressekonferenz und Vernissage in Zürich ist die scheue Künstlerin nach New York zurückgeflogen.

Sie lasse sich von Beobachtungen leiten, sagte die Wortkarge einst. Zum Beispiel von der Beobachtung, wie Leute in einem Bus sitzen. Die Serie «Bus Riders» ist ein Zerrbild der Gesellschaft. Aber weil hinter jedem der seltsamen Typen die Künstlerin selber steckt, kann man locker darüber schmunzeln.

Die Serien und die Reihenfolge der Selbstbildnisse wurden im Kunsthaus bunt durcheinander gewürfelt. Was alle Themen und Epochen verbindet, ist die technische Perfektion und die Magie eines unwirklichen Lichtes. Ob verängstigt, verwundert oder verwundet: Cindy Sherman zeigt sich märchenhaft überhöht. Da liegt eine Tote, das Gesicht schon entstellt, der grün-gelb-blaue Hintergrund aber ist wundervoll malerisch. Die Ästhetik des Bösen bei Cindy Sherman ist schön.

Das nackte Grauen

Doch manchmal kann aller schöner Schein das Grauen nicht mehr mindern. Wunden oder eine Serie mit Erbrochenem sind zwar farblich effektvoll aber vor allem eins: grausig. Manche Ideen waren offensichtlich auch für die Künstlerin selber zu krass. So nutzte sie in den 1980er- und 1990er-Jahren teilweise Puppen als Stellvertreterinnen. Die strecken uns auf Samt und Seide gebettet ihre Genitalien entgegen, verrenken die Glieder, sind verstümmelt, abnorm – oder im Abfall gelandet.

Trotz des gesellschaftskritischen und feministischen Potenzials in Shermans Arbeit, wurde sie von Modelabels angefragt und ausgerüstet. Die Künstlerin takelt sich mit edlen Stücken auf, übertrumpft so böse wie lustvoll all die grell aufgemachten Rote-Teppich- und High Society Charity-Anlass-Damen oder posiert wie eine arrogante Herrin über die Welt.

Auch die Kostüme der neuesten Bilder sind meist edel. Um ihr Gesicht dem Motiv anzupassen hat Cindy Sherman seit kurzem den Schminktisch durch den Computer, das Make Up durch Photoshop ersetzt. Auf dem riesigen Wandbild im Kunsthaus Zürich tritt uns die Künstlerin in Fantasiekostümen aber scheinbar ungeschminkt entgegen. Wie klein sind wir hier.

Man wird nicht nur mit vielen Cindys konfrontiert, sondern auch mit sich selber. Ob angenehm oder unangenehm – die Frage taucht unausweichlich auf: Welche Rollen spiele ich? Welche will ich einnehmen und welche verfolgen mich in meinen schlimmsten Vorstellungen?

Eine App zum Mitmachen

Bei aller Ernsthaftigkeit in ihrer Arbeit, nimmt Sherman ihre Aussagen nicht tierisch ernst. Das zeigt die Tatsache, dass es eine App zur Ausstellung gibt. Die funktioniert zum einen als normaler Audioguide in der Schau. Aber sie bietet auch Requisiten, um selber digital Cindy Sherman zu spielen: Man darf sich mit Perücken, Brillen, Kleidern aus dem Arsenal der Künstlerin bedienen wie die junge Püppchen-Cindy in «Dolly Clothes». Das Selfie kann man sharen oder in die Besuchergalerie einstellen. Das Nachahmen ist lustig und harmlos. Die böse Hand, die einem die Kleider vom Leib reisst und einen wieder nackt in die Tüte steckt, die fehlt in der App. Zum Glück jedoch nicht in der Ausstellung. Das Abgründige, die Horrors, die Fragen in Cindy Shermans Werk möchte man nicht missen.

Cindy Sherman. Untitled Horrors Kunsthaus Zürich, bis 14. September