Bin ich am falschen Ort? Hier ist doch das Kunsthaus! Vor mir stehen zwei Kinder mit ihrer Mutter an der Kasse, beide mit Helm auf dem Kopf und Skateboard unter dem Arm, hinter mir drei Jugendliche, hippe Klamotten, auch sie mit Board. Und dann höre ich dies: Wer mit dem Skateboard ins Kunsthaus Zürich kommt, hat an diesem Mittwochnachmittag freien Eintritt – und im wichtigsten Saal des Museums gar die Möglichkeit, seiner Leidenschaft zu frönen. Inmitten von Kunst. Ja gar als Teil eines Kunstwerkes.

Was undenkbar scheint – skaten, essen, mit dem Künstler basteln, Live-Musik –, das praktiziert der Mexikaner Abraham Cruzvillegas im Kunsthaus Zürich. Seine Installation im Bührle-Saal nennt er «Autorreconstrucción: Social Tissue». Als Spiegel von sozialen Gefügen und als Angebot für das Publikum versteht er seine Arbeit.

An diesem Nachmittag geht sein Konzept voll auf: Es lebt und dröhnt, es wird gelacht, gesprungen und gefallen, zugeschaut und gefilmt. Dutzende von Skateboardern sausen durch die Halle, und eine Schar Kinder kann mit Instruktoren üben, wie man sich in Bewegung schlängelt oder ein Gümpli macht.

Von der Strasse ins Kunsthaus

Unter den Zuschauern ist Mirjam Varadinis, die Kuratorin der Ausstellung. Sie lacht und sagt: «Super, wie die Idee ankommt!» Nein, skaten könne sie nicht. Auch der Künstler nicht. «Aber für Abraham Cruzvillegas ist es wichtig, möglichst viele verschiedene Menschen anzusprechen, ernst zu nehmen, von der Strasse ins Kunsthaus einzuladen.»

Seine roh gezimmerten, grün und pink bemalten Skulpturen sind mal Rampen für die Skateboarder, mal Bühne für Musiker und Tänzer oder Bänke fürs Publikum, wenn Flüchtlinge als Experten über Textilkunst in Ghana oder Aviatik im Iran berichten.

Es gibt auch aus Netzen gespannte, filigrane Skulpturen, die der Künstler augenzwinkernd mit Wurst, Käse und Bier behängt, an die Wände sind als Zettelwolken politische Zeichnungen oder zu weissen Reliefs gegossene Alltagsgegenstände genagelt. Hergestellt werden sie vom Künstler und seinen Helfern fortlaufend in der Werkstatt im Ausstellungsraum, manchmal zusammen mit dem Publikum.

«Das Material sucht er bei uns im Keller, in Brockenhäusern oder Abfallmulden», sagt Varadinis. So dient ein verbeulter Koffer, ein Bierfässchen oder ein Baugerüst als Hindernis für die Boarder. Nach dem Motto: «Was ist Abfall, was brauchbares Material»? Die Mitmach-Kunst von Abraham Cruzvillegas kommt an, die Workshops, Kinderprogramme und Führungen seien praktisch ausgebucht, sagt Kuratorin Mirjam Varadinis.

Atmen und malen Sie!

Ortswechsel: Ich fahre nach Thun zum dänischen Künstler Jeppe Hein. Er wirkt wie ein fröhlicher Ferienclub-Animator. «Ich möchte den Menschen Freude machen. Ich möchte, dass sie sich besser fühlen, dass sie auf ihren Körper hören, vor allem auf ihren Atem.» Sein Ausstellungstitel: «Einatmen – Innehalten – Ausatmen». Wer dabei an Körpertherapien oder an Yoga denkt, liegt nicht so falsch.

Jeppe Hein erzählt, dass es ihm selber richtig schlecht ging. «Damals habe ich gelernt, richtig zu atmen, tief und bewusst.» Tagebuchartig hat er im Atemrhythmus sich die Fragen und Verkrampfungen aus Leib und Seele gezeichnet. Wände voll dieser Zeichnungen kann man in Thun betrachten.

Mitmachkunst im Kunstmuseum Thun

Mitmachkunst im Kunstmuseum Thun

Der dänische Künstler Jeppe Hein lädt das Publikum im Kunstmuseum Thun dazu ein, die Museumswände im Atemrhythmus zu bemalen, Klangschalen Bilder zu entlocken oder velofahrend Lichtgirlanden zu bewegen. Sein Ziel: «Ich möchte den Menschen Freude machen.»

Hein will seine Erfahrung teilen, mit Kindern und Erwachsenen. So bietet er Pinsel und Töpfe mit blauer Farbe, mit denen die Besucher in ihrem Atem-Rhythmus blaue Striche an die weissen Museumswände malen. Museumsdirektorin Helen Hirsch duldet das nicht nur, sondern malt als eine der Ersten. Mit Freude – und Neugier darauf, wie sich ihr Museum verwandeln wird.

Selbsterkundung ist ein weiterer Programmpunkt bei Hein: Auch ich setze mich auf eine Bank vor einem Spiegel: Pfffff, eine Nebelwolke steigt auf, ich verschwinde und tauche langsam wieder auf. Mein Spiegelbild zeigt, wie ich reagiere: amüsiert und erstaunt. «Hier wird viel gelacht», sagt Hein.

In einem Atelier warten fernöstliche Klangschalen. «Na ja», denke ich ... Aber dann bin ich fasziniert, wie der Trommelschlägel die gelbe oder blaue oder rote Farbe aufwühlt, kleinste Tröpfchen aufwirbelt, sie über den Schalenrand spickt und auf dem Papier schönste Tüpfchenbilder entstehen. Schnell oder in einem gemütlichen Atemrhythmus, weich oder härter.

Ist das Kunst?

So malen wir in Thun ausatmend blaue Striche, fragen in Zürich zwar nach der Ästhetik von Abraham Cruzvillegas Objekten und Rampen, aber vor allem beobachten wir fröhlich tätige Menschen. Sehen auch stirnrunzelnde Leute, die sich fragen: Ist das Kunst? Gehört das ins Museum?

Berechtigte Fragen. Und doch: Weil die Welt globaler und digitaler wird, braucht es Orte des realen Austauschs, tun uns analoge Kommunikation und Resultate gut. Ein noch feuchtes Klangschalenbild in den Trocknungsständer in Thun zu legen, ist befriedigender und berührender, als per Snapchat oder Facebook Allgemeinplätze zu tauschen.

Das eine ersetzt das andere nicht, es macht auch Ausstellungen mit ihrem stillen Sehgenuss nicht überflüssig, aber es bereichert unser Leben – und macht Spass.

Abraham Cruzvillegas: «Autorreconstrucción: Social Tissue». Kunsthaus Zürich, bis 25. März. Skateboarden: Mi 21. März, 14 bis 18 Uhr. Jeppe Hein: «Einatmen – Innehalten – Ausatmen». Kunstmuseum Thun, bis 29. Juli.