Literatur

Charles Lewinsky im Interview über seinen neuen Roman «Der Stotterer» — das Buch der Stunde

Der neue Roman von Charles Lewinsky verhandelt Macht und Verführungskraft des Schreibens. In «Der Stotterer» geht es um einen Mann, der dieses Handwerk perfekt beherrscht und damit die Welt manipuliert.

Beim Treffen strahlt Charles Lewinsky. Am Vorabend hat er mit seinem neuen Bühnenstück Premiere gehabt, er zückt sein Handy mit einem Bild: «Sehen Sie, das ist ein schönes Foto!». Weniger mitteilungsfreudig zeigt er sich zu seinem neuen Roman. Er möge keine Interviews erklärt er. Schriftlich könne man präziser formulieren als mündlich. Müsse man reden, gebe man immer die Antworten, die man schon zehnmal gegeben hat. Die seien wenigstens formuliert. Voilà, man ist mitten im Thema.

In Ihrem neuen Buch geben Sie Journalisten einen Steilpass.

Charles Lewinsky: Ich wüsste nicht, welchen.

Den Fragebogen von Marcel Proust.

Passen Sie auf, dieser Fragebogen ist dazu gemacht, schriftlich beantwortet zu werden. Man muss Zeit zum Überlegen haben, um dann so zu tun, als hätte man einen spontanen Einfall gehabt.

Haben Sie keine schlauen Antworten vorbereitet?

Nein! (lacht) Aber Sie sind auch erst die dritte Journalistin, die mich auf den Fragebogen anspricht.

Das neue Buch ist Ihr zehnter Roman…

… ungefähr, ich müsste auf meiner Website nachschauen ...

… bereiten Sie sich noch auf Interviews vor?

Ich schaue, wann ich wo sein muss. Aber nein, ich habe mich noch nie auf ein Interview vorbereitet. Ich weiss ja nicht, was man mich fragt.

Offenbar immer dasselbe.

Oder doch sehr Ähnliches, das lässt sich wohl nicht vermeiden. Ich erinnere mich an einen Morgen in Amsterdam: Ich musste Interviews im Stundentakt geben und habe nur noch vollautomatisch geantwortet. Plötzlich fragt mich eine Journalistin: Wenn Sie keine Hände mehr hätten, was würden Sie machen? Boing – da bin ich aufgewacht. (lacht)

Ein guter Tipp. Sie gelten als vielseitiger Autor. Wollten Sie im neuen Buch Ihre Vielseitigkeit vorführen?

Ich bin ja kein Eiskunstläufer, der eine Kür mit dreifachem Salto zeigen muss. Aber: Jede Geschichte hat ihre eigene Form. Das Schwierigste ist für mich immer, die Form und die Sprache zu finden, die zu genau dieser Geschichte passen. Im Roman geht es um einen, der furchtbar stolz auf seine sprachlichen Fähigkeiten ist. Deshalb muss man diese Fähigkeiten zeigen. Das hat mit der Geschichte und mit der Figur zu tun.

Ursprünglich wollten – oder sollten – Sie etwas anderes schreiben. Was?

Mein Freund Thomas sagt mir seit Jahren, ich solle ein Buch darüber schreiben, wie die Seidenraupen im Mittelalter aus China rausgeschmuggelt wurden. Einmal haben wir zusammen spintisiert, was in einem solchen Roman drinstehen müsste. Dabei kam ich auf einen Verbrecher aus dem Mittelalter, der gelogen hatte und dem man deswegen die Zunge rausgeschnitten hat. Das war die Urzelle vom Stotterer. Von ihm blieb, dass er sich mündlich nicht mehr gut äussern konnte.

Schriftlich kann sich Ihr Stotterer enorm gut ausdrücken. Er bewegt sich zwischen zwei Polen: der Bibel und dem Philosophen Arthur Schopenhauer …

… um Ihre nächste Frage gerade zu beantworten: Nein, ich bin weder ein Bibel- noch ein Schopenhauer-Fachmann!

Okay, aber was für einen Bezug haben Sie zur Bibel?

Sie passt zu meiner Figur. Ich selbst kenne das Neue Testament nicht sehr gut. Es gehört für einen Juden nicht zur täglichen Lektüre.

Man muss die Bibel symbolisch oder metaphorisch lesen. Sie aber sind gegen eine symbolische Lesart von Geschichten, das haben Sie mir in einem früheren Interview gesagt.

Man kann die Bibel und einen Roman nicht miteinander vergleichen. Je weiter sich die Wissenschaft im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat, desto mehr hat man gemerkt, dass man mit einer wörtlichen Lektüre der Bibel nicht mehr durchkommt – nur schon wenn einer fragt: Wenn Adam nur Söhne gehabt hat, wen haben die geheiratet? Man hat die symbolische Lesart erfunden um die Bibel als Quelle aller Wahrheiten zu retten.

Wie lesen Sie die Bibel?

Das Alte Testament kenne ich recht gut, das sind wunderschöne, starke Geschichten.

Was macht für Sie eine starke Geschichte aus?

Dass man über sie nachdenken kann. Aber wenn ich ein Buch schreibe, will ich damit kein bestimmtes Denkergebnis erreichen. Dafür sind Bücher nicht gemacht. Wenn ich eine Botschaft verschicken will, gehe ich auf die Post.

Haben Sie sich in Schopenhauers Werk neu eingelesen?

Das musste ich halt, zum Schreiben gehören Hausaufgaben. Schopenhauer ist eine so schöne Gegentradition zur Bibel, deshalb war es sinnvoll, dass der Stotterer diese kennt.

Seine Gedankenwelt ist erbarmungslos. Wie stehen Sie dazu?

Die Bibel und Schopenhauer sind gar nicht so weit auseinander. Bloss: Schopenhauer erzählt nur seine Schlussfolgerungen. Die Bibel erzählt Geschichten. Deshalb ist eine Figur, die in diesen beiden so unterschiedlichen Welten zu Hause ist, interessant. Aber Sie können einen Autor nur fragen, wie die Figur dazu steht. Die Meinung des Autors kann eine ganz andere sein. Wenn man das nicht trennt, landet man irgendwann bei der wahnsinnigsten Frage, die mir tatsächlich einmal gestellt wurde: Die Hauptfigur Ihres Romans ist ein Pädophiler, fragte ein Moderator vor versammeltem Publikum, sind Sie das?

In diesem Fall ist die Hauptfigur allerdings ein Schriftsteller. Das dürfte Ihnen ja nah sein.

Das ganze Buch ist eigentlich eine Meditation über das Schreiben. Über die Macht vom Wort, von Formulierungen, von Geschichten. Klar, damit befasse ich mich jeden Tag.

Im Buch geht es auch stark um Sprache und Wahrheit.

Der Stotterer verwendet Sprache ohne Rücksicht auf Wahrheit. Er stellt Wahrheit her, wie er sie braucht.

Das ist ein philosophischer Standpunkt …

Das ist ein schriftstellerischer Standpunkt. Schriftsteller sind gesellschaftlich akzeptierte Lügner. Lukas Bärfuss hat einmal gesagt, es gebe eine Abmachung zwischen Schreiber und Leser: Du versprichst mir, dass du nicht fragst, ob die Geschichte wahr ist, ich verspreche dir, dass ich dich nicht langweile.

Darüber hinaus stellt Ihr Roman die Frage, wie sehr alle Arten von Erzählungen manipuliert sind.

Wer die Macht über die Publikation hat, hat auch die Macht über die Wahrheit. Das ist so. Deshalb wird Geschichte ja auch immer als Geschichte des Siegers erzählt, die anderen sind nicht mehr zu Wort gekommen.

Wie weit gibt es überhaupt Wirklichkeit jenseits der Sprache?

Wir sind nicht in der Lage, uns selber daran zu erinnern, wie etwas wirklich gewesen war. Wir können uns nur daran erinnern, wie wir etwas das letzte Mal erzählt haben. In dem Sinn gibt es eigentlich keine beschreibbare Wirklichkeit. Es gibt nur die eines jeden Einzelnen. Aber auch innerhalb der Sprache gibt es keine absolute Wahrheit. Wir stellen sie her, indem wir sie beschreiben. Wenn Sie zum Beispiel das viktorianische England nehmen: Das ist in unseren Köpfen unterdessen so, wie der Schriftsteller Charles Dickens es beschreibt, wir können es uns gar nicht mehr anders vorstellen. Aber es war natürlich nicht so, auch Frankreich war nicht so, wie es Balzac beschreibt und das Emmental nicht, wie es Gotthelf beschreibt. Die wirklich starken Schreiber schaffen eine neue Wirklichkeit.

Ihr Buch war schon fertig, als der «Spiegel»-Journalist Claas Relotius aufflog, der seine Reportagen gefälscht hatte.

Ich habe ihn nicht als Werbeträger angestellt. Ich habe auch nicht Herrn Trump ins Amt geführt, um über die Macht der publizierten Lüge etwas zu sagen. Relotius hat sehr gute Geschichten erzählt. Einen Kurzgeschichtenband von ihm hätten alle gelobt. Aber er hat behauptet, es sei die Wirklichkeit. Journalismus ist ein anderes Spiel als Literatur und hat andere Regeln.

Der Trend zum Storytelling in den Medien steht seit dem Auffliegen von Relotius in der Kritik.

Das Storytelling ist bloss Kulisse; jeden Bericht als Geschichte aufzumachen, kann der Geschichte nur schaden. Die Medien sollten Informationen und Analysen vermitteln. Aber das ist das Problem, wenn Journalismus nach Klickzahlen bestimmt wird.

Mit so einer Geschichte gewinnt Ihr Stotterer einen Wettbewerb.

Das ist die Geschichte, die meine Leser am meisten berührt, das weiss ich aus ersten Reaktionen. Obwohl im Buch deutlich gesagt wird, dass sie aus reinem Zynismus entstanden ist. Der Stotterer überlegt sich, auf was seine Leser besser reagieren, weil er etwas erreichen will.

Ist er eine böse Figur?

Man weiss ja nie bei ihm, was wahr und was nicht wahr ist. Ich weiss es auch nicht. Er hat gute Seiten und er hat ganz miese Seiten – er ist eine lebendige Figur. Nur in ganz schlechten Büchern gibt es gute Leute, die einmal in jedem Kapitel ein weisses Kätzchen aus dem Baum retten. Aber das ist uninteressant.

Mit seiner Manipulation erwirkt er eine Art höhere Gerechtigkeit. Was Recht ist und was Unrecht, ist ja auch eine Erzählung. Dem stellt er eine Gegenerzählung entgegen.

Der Mensch ist ein Wesen, das sich selber recht gibt und Gründe findet, warum richtig ist, was er gemacht hat.

Aus Ihrem Roman könnte man herauslesen, dass Schriftsteller dank ihren sprachlichen Fähigkeiten eine andere Wahrheit anregen können.

Das ist mir zu hoch. Es gibt diejenigen, die Geschichten schreiben, und dann gibt es Literaturseminare, die wahnsinnig kluge Dinge draus herauslesen. Wenn ich in so einem Seminar eingeladen bin, denke ich immer: Toll!, genial!, das habe ich mir nie überlegt.

Sie kommen von der Unterhaltung. Wo liegt für Sie der Unterschied zu Literatur?

Ich komme vom Theater und bin durch einen beruflichen Zufall ein paar Jahre bei der Unterhaltung gelandet. Aber die Trennung zwischen E und U ist Unfug. Das gibt es nur im deutschen Sprachraum. Wenn es einen Unterschied gibt, dann nur in den Bedingungen, unter denen ein Text entsteht. Wenn ich fürs Fernsehen geschrieben habe, hatte ich einen klar definierten Auftrag zu erfüllen. Wenn ich ein Buch schreibe, habe ich keine Vorgaben ausser denen, die ich mir selber gebe.

Welche sind das?

Das weiss ich doch vorher nicht! Ich fange mal an zu schreiben und denke, das ist eine Geschichte von 200 Seiten und irgendwann bin ich auf Seite 400 und staune immer noch. Ich bin dann auch mein eigener Abnehmer.

Sie schreiben für sich selber?

Ich schreibe schon für die Leser, aber ich würde sofort davonlaufen, wenn mir ein Verleger sagen wollte, was ich schreiben soll, wie lang es werden soll, wer das Zielpublikum sein soll. Und was ich auf der Bühne mache, ist wieder etwas völlig anderes. Das ist reines Hobby, reines Vergnügen! Dass die Zuschauer auch noch Freude daran haben, ist umso schöner.

In Ihrem neuen Bühnenprogramm singen Sie, wie ging das?

Überraschend gut! Ich bin jetzt bald 73 und es ist es doch schön, wenn man etwas macht, was man noch nie gemacht hat. Sonst kann man sich dann aufs Sortieren vom Briefmarkenalbum konzentrieren. (lacht)

Sprache und Macht haben Sie bereits in Ihrem letzten Buch, «Der Wille des Volkes», verhandelt ...

… das war einfach ein rein schweizerisches Buch. Ich hoffe, dass ich nie im Leben zweimal das gleiche Buch schreibe. Oder auch nur ähnlich. Oder mit der gleichen Sprache.

Hintergrund war die SVP. Ihr neues Buch greift das Thema auf universelle Art auf.

Mein eigentliches Thema ist etwas ganz anderes. Wenn Sie meine letzten zehn Bücher – zehn haben Sie gesagt, ja? – wenn Sie die durchschauen, geht es immer darum, wie sich die Leute darstellen. Wie sehen sich Leute selber und wie werden sie gesehen. Und was für Strategien wenden sie an, um so gesehen zu werden, wie sie gerne möchten. Welche Rollen können sie damit in der Gesellschaft spielen. Das fasziniert mich.

Kennen Sie von sich selbst den Rausch, mit der Macht der Sprache etwas beeinflussen zu können?

Das ist etwas für meine Figur.

Mit dem Roman haben Sie gute Chancen, ein drittes Mal für den Schweizer Buchpreis nominiert zu werden. Würden Sie noch mal mitmachen?

Der Verlag würde wohl drauf bestehen.

Was haben Ihnen Ihre letzten beiden Nominierungen gebracht?

Es ist keine erregende Tätigkeit, für den Buchpreis nominiert zu sein. Es freut einen, dass das Buch geschätzt wird, aber das Drumherum ist nicht wahnsinnig beglückend. Eher anstrengend. Vor allem ist es in der Zeit, in der ich mich eigentlich in Frankreich um meinen Garten kümmern will.

Sie sind neu bei Diogenes, dem mit Abstand grössten Literaturverlag der Schweiz. Wie kam es zu dem Wechsel?

Ganz einfach: Hanser, der ja der Besitzer meines vorherigen Verlages war und mit seiner grossen Organisation dahinter stand, hat Nagel&Kimche verkauft. Dadurch existierte das Backoffice nicht mehr. Nagel&Kimche ohne Hanser ist ein äusserst sympathischer kleiner Provinzverlag. Wenn man ein Buch gut verkaufen will, braucht man eine grössere Maschine dahinter. Ich würde sagen: Hanser hat mich rausgeschmissen zusammen mit dem ganzen Verlag. Ich wäre lieber geblieben, mir war wohl.

Nun meine Frage aus dem Fragebogen von Marcel Proust: Wer ist Ihr Held der Wirklichkeit?

Keine Ahnung!

Sie haben keine Helden?

Über die Frage, was ein Held ist, könnte man sich lang unterhalten. Aber das wäre ein anderes Interview.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1