Kultur

Das Böse malt er lieber als das Liebe

Der Maler und Zeichner Christoph Gloor inmitten seiner Ausstellung und neben seinem berühmten Schweizer mit Sackmessernase im Birsfelder Museum. Juri Junkov

Der Maler und Zeichner Christoph Gloor inmitten seiner Ausstellung und neben seinem berühmten Schweizer mit Sackmessernase im Birsfelder Museum. Juri Junkov

Der weltberühmte Birsfelder Künstler Christoph Gloor stellt zum Achtzigsten Altes und Neues aus

Er malt gerne Vögel und Schweine. Der seltsamste Vogel mit dem grössten Talent für Schweinereien ist der Mensch. Also malt Christoph Gloor am liebsten die Menschen, uns alle, und am Ende immer sich selbst. Ungeschönt, ja böse, in Nuancen von liebevoll böse bis bitterböse. «Letztlich kann ich nur zeichnen, wenn ich mich selber an der Nase nehmen kann», sagt er: «Man schwimmt ja mit in der allgemeinen Verblödung und Infantilität.» Sind auch die schwärzesten Karikaturen Selbstportraits? «Natürlich, die ganz besonders!»

«Selbstportrait» heisst Christoph Gloors neuste Ausstellung, welche die Gemeinde Birsfelden ihm widmet, ihm, dem berühmtesten Birsfelder Künstler. Anlass ist sein kommender 80. Geburtstag. Schon zum 70. und zum 75. öffnete ihm die örtliche Kulturkommission die Räume des Birsfelder Museums, und er habe neue Werke gezeichnet. So eine Ausstellung sei immer geeignet, einem «einen Tritt in Arsch zu geben».

Diesmal ist es ein wenig anders. «Zeig doch mal Dein altes Zeug», wurde er immer wieder gebeten. Also zog er seine alten Mappen hervor, Karikaturen für die einstige Basler Arbeiter-Zeitung, für das Basler Magazin, für den Nebelspalter. Viele dieser Zeichnungen habe er selber seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Er habe gestaunt und für sich gedacht: «Du warst ja gar nicht so schlecht.»

Wilde Weltreisen

Über 100 Originale, die er zwischen 1970 und 1990 zeichnete, die meisten für den Nebelspalter, hängen im ersten Stock des Museums. Satiren auf Gewalt, Korruption und Krieg. Supermächte, Diktaturen, Skandale. Eitelkeit, Dummheit, existenzielle Absurditäten. «Ich bin kein Menschenverächter. Aber ein Gesellschaftsverächter», sagt Gloor. Und auch: «Als Satiriker ist man wohl oder übel links, man kann nicht die Schwachen schwächer machen, man muss auf die Mächtigen los.»

Ob schwarz-weiss in Tusche, mit dem Graphitstift oder sehr farbig, in Acryl und Mischtechnik: Es sind schwere Themen wie von ganz leichter Hand gemalt. Je lockerer übers Blatt gewischt es ausschaut, desto härter hat Gloor vermutlich daran gearbeitet. Stundenlang landet bei ihm Papier um Papier im Abfall. «Meistens sitze ich neben mir und frage mich, was kommt da heraus, was machst du eigentlich?» Noch ein Blatt Papier, und noch eins. Bis manchmal plötzlich, in 10, 15 Minuten, ein Resultat da sei.

Gemalt und gezeichnet hat er schon immer, tut es bis heute täglich. «Eigentlich basiert mein ganzes Leben auf einem Blatt Papier», sagt Gloor. Oder hat er «passiert» gesagt, mit rundem, baseldeutschem p? Beides dürfte zutreffen. Aber wie hat er seinen Stil gefunden? «Ich habe nicht einen Stil gesucht, ich habe versucht, eine Persönlichkeit zu werden.»

Diese Ausstellung zum 80. ist bei weitem nicht nur eine Retrospektive: Im Erdgeschoss sind neuere und neuste Werke ausgestellt. Abgehalfterte Rockstars, fröhliche Rheinschwimmer, und für sich selber, zum Achtzigsten: ein Mann im welken Blumenstrauss. Wobei das seine Erklärung ist. Der Strauss schaut aus wie ein Feuerwerk, und ein Feuerwerk war Gloors Leben.

Mit seinem guten Freund, dem Fotografen Onorio Mansutti, sei er in kurzen Abständen um die ganze Welt «gerannt». Rio, Kairo, Colombo, New York, immer wieder New York. Selten nüchtern, selten abgesichert. «Man muss auf die Gasse und nicht einfach die Fifth Avenue rauf- und runterspazieren.» Spätnachts im Tribeca der 70er-Jahre sah es einmal ganz nach Prügel aus. «Die Farbigen» mit den Veloketten um den Hals guckten nicht eben freundlich. Doch da machte Mansutti, besoffen auf den Boden starrend und nichts bemerkend, wie aus dem Nichts einen seiner von Juchzern begleiteten Vorwärtssalti mit Ladung auf dem Hintern. Und die Gang brach in Gelächter aus: «Hey man, you are great!»

«Ich könnte da endlos erzählen», sagt Gloor und hört auf. Wir sitzen bei ihm zu Hause, in Birsfelden. Wir hatten ihn um Anekdoten gebeten. Er reist seit einigen Jahren nicht mehr. «Schon nur, wenn ich das Wort Flughafen höre, wird mir halb schlecht.» Statt wie früher durch Manhattan zu torkeln, sitzt er jetzt lieber im Lerchengarten und schaut den Spatzen zu. «Neben ihm ein Glas Rosé. Abends ein Pastis. Und Zigaretten. Darin ist er der Alte geblieben.

Seine Frau Rita bringt Kaffee. Ein Leben lang habe sie ihm den Rücken freigehalten. Er hätte mit Ende Dreissig als «zentraler Leiter der Dekorateure in Zürich» in den Olymp der Dekorateure aufsteigen können, entschied sich aber für ein Leben als selbstständiger Zeichner. Sie trug das Risiko mit. Dankbar ist er auch für die beiden Kinder und dafür, dass er nie in Supermärkte gehen musste. Sie habe es mit ihm nie leicht gehabt: «Als sogenannter Künstler bist du auf einem fürchterlichen Egotrip das Leben lang.»

Aus Dankbarkeit wollte er einmal ein richtig schönes Bild für seine Rita malen. Er habe angesetzt zu «einem Himmel wie bei Carl Spitzweg», dann Pflanzen, «etwas Freundliches». Am Ende habe er mit roter Farbe darunter geschrieben: «Natur ist Fressen und Gefressen werden.» Er zuckt die Schultern, lacht leise: «Ich habe es nicht fertiggebracht, habe es nicht hinbekommen.» Das Schöne, es liegt ihm nicht.

Liebt geniale Böswillige

«Ich habe gern geniale Böswillige.» Thomas Bernhard, Georg Christoph Lichtenberg, Saul Steinberg, Karl Kraus. Sie gehören zu seinen Inspirationen und Vorbildern. Selber verfiel er den Wutbildern. Die gingen ihm besser «aus Hand, Hirn und Bauch» als etwas Liebes. «Ich versuche meine Aggressionen nicht abzumildern, aber anders zu verpacken.» Dass er seine Wut auf dem Papier rauslassen kann, sei ein grosses Glück. «Man darf sie nicht in sein Gemüt reinlassen, darf nicht verbittern, und schon gar nicht zu hassen beginnen», sagt er. Und man merkt, dass es ihm gelungen ist.

Zu seinen Freunden zählten Jean Tinguely – mit ihm verfiel er der Fasnachtsclique Kuttlebutzer –, Künstler der Gruppe 33 und der Satiriker Georg Kreis, dessen Lieder er bebilderte, mit dem er gemeinsame Bücher herausgab. «Das ist das Wesentliche», sagt er, und meint die Menschen, den Austausch. Und die Liebe. Denn obschon seine gemalten Interpretationen von Schuberts Winterreisen oder grossen Meisterwerken wie Böcklins Toteninsel Parodien sind, schimmert doch der Romantiker durch.

Am Ende die Frage: Gibt es noch etwas, das Ihnen wichtig ist? «Was mir wichtig ist?», wiederholt Christoph Gloor. «Ein leeres Blatt Papier.»

Ähnlich zeitlos: Der Terror an der Olympiade in München 1972.

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Noch heute aktuell: Gloors Satire auf die Fussball-WM in Argentinien 1978.

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Autor

Susanna Petrin

Susanna Petrin

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