Anna knetet ihre Hände, massiert ihren rechten Oberarm. Ihre kinnlangen, braunen Locken hat sie mit Spangen am Hinterkopf gebändigt. So stören sie nicht, wenn Anna ihre Bratsche auf die Schulter legt. Langsam streicht sie den Bogen über die Saiten. Der Klang ihres Instrumentes verliert sich im Summen der 20 weiteren Streicher in einem Gruppenraum des Stadtcasinos.

Anna heisst nicht Anna. Sie will ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie hat einen Job und: «Man kennt sich in der Szene.» Wie die 21 anderen Kandidaten, die um sie herum ihre Instrumente stimmen, ist sie mit einem Ziel nach Basel gereist: Sie will sich die Stelle der Solo-Bratsche im Sinfonieorchester erspielen. 133 Musiker haben sich darauf beworben. 22 dürfen ihr Können einem Auswahlgremium zeigen. Diese Probespiele seien auch für routinierte Berufsmusiker sehr hart, sagt Anna: «Es ist eine unglaubliche Anspannung. Alles pocht, alles zittert, wenn ich auf die Bühne trete.»

Die ersten zwei Runden sind anonym. Das Los bestimmt die Reihenfolge. Versteckt hinter einer schwarzen Wand, bleiben den Kandidaten knappe fünf Minuten, um mit ihrem Können zu überzeugen. Erklingt aus den Zuschauerreihen des Stadtcasinos ein «Vielen Dank», kann das Spiel gar nur drei Minuten dauern. Das Repertoire ist vorgegeben: Stamitz oder F. A. Hoffmeister. Einige der Bewerber erscheinen lautlos hinter der Wand, andere treten schwer auf. Mehr erfahren die Zuhörer, neben dem Spiel, nicht über sie. Der Musiker, auf eine Nummer reduziert, beginnt zu spielen.

Orchester im Zuschauerraum

Backstage kümmern sich die beiden Techniker des Sinfonieorchesters, Beat Jenzer und Peter Bütler, um die Kandidaten. Sie holen sie im Gruppenraum ab, zeigen ihnen das Solistenzimmer, wo sie vor dem Auftritt einen kurzen Moment für sich haben, und führen sie dann auf die Bühne. «Wenn sie nach dem Probespiel an uns vorbeilaufen, können wir fast immer in ihren Gesichtern ablesen, ob sie weiterkommen oder nicht», sagt Jenzer. So auch bei Anna. Als sie an Jenzer und Bütler vorbei zurück ins Gruppenzimmer geht, wissen sowohl die Techniker wie auch sie: Dieser Traum ist geplatzt. «Die Pianistin hatte eine andere Version der Noten. Darin stand ein Takt mehr als in meinen. Was für ein Pech.» Anna hätte zwar noch reagieren können, doch die unliebsame Überraschung störte ihre Konzentration. Vier Wochen hat sie sich für dieses Probespiel vorbereitet, jede Minute in ihrer Freizeit dafür geopfert.

Die Mitglieder des Auswahlgremiums wissen, wie sich die Kandidaten fühlen. Fast alle von ihnen standen auch schon hinter der schwarzen Wand. Wer es ins Sinfonieorchester schafft, ist demokratisch gewählt. Die Hälfte des Orchesters und die Probespielkommission stimmen gemeinsam über neue Mitglieder ab. Deshalb sitzen die Musiker des Sinfonieorchesters für einmal auf den roten Polstersesseln im Zuschauerraum des Stadtcasinos. Am Rand ragen wie aufmerksame Zuschauer die Hälse von ein paar Cellos hervor. Während die Kandidaten spielen, notieren die Musiker ihre Eindrücke in ein Bewertungsraster. Der Ablauf des Probespiels ist eng getaktet: Alle paar Minuten beginnt ein neuer Bratschist sein Spiel.

Die Mitglieder des Auswahlgremiums folgen der Musik, wie andere ein Buch lesen: Sie entschlüsseln die Klänge, deuten den Ausdruck, verorten die Interpretation. Die technische Seite des Spiels sei einfach zu bewerten, sagt Veit Hertenstein. Er ist Solo-Bratschist beim Sinfonieorchester und leitet das Probespiel. Daneben bewertet das Gremium aber insbesondere den Klang des jeweiligen Bratschisten. «Das ist zwar Geschmacksache, doch wir alle haben ein Gespür dafür, wer musikalisch ins Orchester passt», sagt Hertenstein.

Keine Tränen, kein Jubel

Sieben Musiker überstehen die erste Runde: Sie erhalten die Gelegenheit, innert acht Minuten weitere Facetten ihres Könnens zu zeigen. Bei der Verkündung gibt es weder Tränen noch Jubel. Wer es in die zweite Runde schafft, greift zur Bratsche, übt Passagen. Die anderen packen ihre Instrumente ein, tippen SMS, umarmen eine Kollegin oder einen Kollegen und verschwinden mit ausdruckslosen Mienen. Auch Anna will so schnell wie möglich den nächsten Zug nach Zürich erwischen. Ein knappes «Tschüss» – und weg ist sie.

«Meistens klappt es nicht. Die Konkurrenz ist so gross. Für mich und für mein Orchester ist es aber wichtig, dass ich regelmässig an solchen Probespielen antrete», sagt Benno (Name geändert). Er ist extra aus Belgien angereist. Durch die intensive Vorbereitung verbessere er sein Spiel. Er nimmt sich dafür selber mit Video und Audio auf und spielt das Repertoire Freunden vor.

Benno hat es geschafft: Wieder spielt er hinter dem schwarzen Vorhang, wieder ist er eine Nummer. In der zweiten Runde spielen die Bewerber ein Solokonzert oder schwierige Stellen aus der Orchesterliteratur. Während sich das Gremium berät, ist die Stimmung im Gruppenraum erstmals aufgekratzt. Es wird gescherzt, gelacht – einige essen ein kleines Sandwich oder einen Apfel. «Bevor ich nicht das Resultat weiss, kriege ich keinen Bissen runter», sagt hingegen eine blonde Musikerin. Als der Sprecher des Auswahlgremiums durch die Tür tritt, herrscht auf einen Schlag absolute Stille.

Wie eingefroren bleiben die Kandidaten an Ort und Stelle und lauschen dem knappen Urteil: «Nummer eins und sechs sind weiter. Bei den Übrigen bedanke ich mich.» Niemand sagt etwas, die erschöpften Gesichter verraten keine Regung. Fünf Bratschen werden eingepackt, Handynummern ausgetauscht. «Wir haben neue Menschen kennen gelernt. Und die Musik bleibt uns sowieso», sagt Benno. Wenn er enttäuscht ist, verbirgt er dies gut. Er fahre heute noch zurück nach Belgien. «Das Leben geht weiter.»

In der Finalrunde werden aus den Nummern Menschen. Ein Finne und eine Chinesin spielen – ohne Wand – direkt vor dem Gremium. Die Pianistin begleitet sie, Applaus gibt es nicht. Eine Verbeugung, ein leises Dankeschön – dann bleibt den Kandidaten nur noch das Warten. Die beiden sitzen auf der Bank vor dem Fenster im Gruppenraum des Stadtcasinos. War der Raum am Morgen mit Menschen und Klängen überfüllt, verschluckt die Leere die beiden zierlichen Musiker beinahe. Nach einer halben Stunde Beratschlagung erhalten sie die Entscheidung. «Wir brechen an dieser Stelle das Probespiel ab. Es tut mir leid, Sie beide sind nicht die Personen, die wir suchen. Die Stelle wird neu ausgeschrieben.»

Zu diesem Zeitpunkt spielt Anna in Zürich bereits wieder auf ihrer Bratsche und übt das nächste Stück.