Theater

Daseinskatastrophe im Puppenhaus

Vegetiert vor sich hin: Myriam Schröder als Yerma. Lucia Hunziker

Vegetiert vor sich hin: Myriam Schröder als Yerma. Lucia Hunziker

Kein Ton, keine Geste zuviel: Mateja Koležnik inszeniert auf der Kleinen Bühne des Theater Basel Lorcas tragisches Gedicht «Yerma» als filigran gesponnenes Kammerspiel.

Mit einem schmalen Lächeln im Gesicht trägt sie die Blumenvase vom Esstisch zum Radiomöbel, von dort zum Kasten und wieder zurück zum Tisch. Es muss Ordnung sein im Leben. Nur ist eben nichts in Ordnung im Dasein von Yerma. Die Titelfigur in der gleichnamigen Tragödie von Federico García Lorca leidet und zerbricht schliesslich an ihrem unerfüllten Kinderwunsch.

Mehr noch als das. Am Schluss bringt sie ihren Ehemann, einen Kleinunternehmer, der ihren Kinderwunsch nicht erfüllen kann (und auch gar nicht will) und der sie im halbwegs goldenen Käfig gefangen halten will, um.

Es ist ein Ausweg, der keiner ist. Und das ist das Verstörende an Lorcas Tragödie. Yerma weiss, dass das Leben mit ihrem nicht geliebten Mann nur Frustration bringt. Trotzdem bricht sie nicht aus, so wie ihr ihre schwangeren und gar nicht schwanger sein wollenden Freundinnen raten.

Nicht im Geringsten weicht sie von den moralischen Konventionen ab. Ein Ausbruch? Ein anderer Mann? Kommt nicht infrage, obwohl mit dem Hausfreund Victor (Simon Zagermann) einer zur Verfügung stünde. Aber ebenso wenig kann sie sich mit der Tatsache abfinden, dass ihr zentraler Daseinszweck, Mutter zu sein, unerreichbar bleibt.

Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt sperrt Yerma in eine grosse Kiste ein, eingerichtet als eine Wohnküche im Stil der 1960er-Jahre. Ein graues ungemütliches Puppenhaus ist es, bevölkert von Figuren, die in ihren blassgrünen Kleidern (Kostüme: Alan Hranitelj) wie Chamäleone in einem Terrarium wirken. Ein Gazevorhang sorgt für zusätzliche Blässe des Gesamtbilds.

Es brodelt unter der Oberfläche

In diesem Raum also vegetiert Yerma vor sich hin. Myriam Schröder vermittelt das oberflächliche Bild der korrekten Ehefrau, stets ihrem Mann zu Diensten. Es ist ein stilles Funktionieren, dem aber der innere Zwang anzumerken ist. Unter der Oberfläche, hinter dem Lächeln brodelt es ganz ge-waltig.

Man spürt, dass die Frau alles herausschreien möchte, doch ihre Stimme bleibt beherrscht in einem leisen, säuselnden Ton. Man merkt, dass sie eigentlich alles kurz und klein schlagen möchte, aber ihre Bewegungen, ihre Gesten sind eingedämmt, als wäre sie von einer gewaltigen chemischen Keule geschlagen.

Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik offenbart sich in ihrer ersten Arbeit in Basel als Meisterin der Reduktion an der Oberfläche, um damit aber einen umso tieferen Blick in die diffusen Gefilde der Seele zu öffnen.

Das hat vor allem in den Dialogen zwischen Yerma und ihrem Mann grosse Sprengkraft. Immer und immer wieder äussert die Frau ihren Kinderwunsch – leise, aber bestimmt. Der Mann (Florian von Manteuffel) reagiert als gefühlloses Stück Mensch, der verstrickt in patriarchalen Strukturen ganz einfach seine Ruhe haben möchte. Der seine kinderlose Frau irgendwie doch ein bisschen zu lieben scheint und sie deshalb einsperrt.

Nichts und doch so viel

Anderthalb Stunden dauert der Theaterabend. Bis zum Gattenmord am Schluss und beim gelegentlich auftauchenden, traumwandlerischen Chor der Wäscherinnen passiert eigentlich nichts und doch so ungeheuer viel. Es sind die Sprachkunstwerke des dramatischen Lyrikers Lorca, die in diesem höchst dichten und konzentrierten Spiel die grosse Spannung aufrecht halten.

 

Theater Basel Kleine Bühne. Weitere Vorstellungen am 17. und 22. April sowie im Mai.

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