Theater Roxy

David Lynch in Birsfelden: Hier walten dunkle Kräfte

Der geheimnisvolle «Waldjunge» führt das Kommissarenduo auf die richtige Spur.

Der geheimnisvolle «Waldjunge» führt das Kommissarenduo auf die richtige Spur.

Das Theater Roxy zeigt den Lokalkrimi «Twin Speaks» – entwickelt vom Theaterkollektiv «vorschlag:hammer» und zahlreichen Birsfeldern.

Die Mächtigen von Birsfelden leben im Altersheim, glaubt man «Twin Speaks». Von der Kleinklasse bis zum Musikkorps, vom Jugendtreff Lava bis zum Hotel Waldhaus: Die freie Theatergruppe vorschlag:hammer hat Birsfelder Bürgerinnen und Bürger angeworben und macht die Gemeinde, die trotz ihrer Grösse wie ein Dorf funktioniere, zum Schauplatz der Krimi-Persiflage «Twin Speaks».

Birsfelden sei kein Ort, «wo man denkt, dass was passieren würde», führt der Schauspieler Stephan Stock in den Abend ein. Er wird später als Vater

des Opfers Tränen vergiessen, aber noch schlägt er seinen charakteristischen Ton an: Stock wirkt in vielen Stücken wie ein augenzwinkernder Präsident Kennedy. Er verbindet das Pathos einer Politikerrede mit Ironie.

Auch Gesine Hohmann und Kristofer Gudmundsson als Kommissarenduo stellen die Absurditäten so aus, dass der Gratgang funktioniert. Denn ein gemeinschaftliches Dorftheater beisst sich zumindest scheinbar mit der Ankündigung, die Ortsgemeinschaft sei «abgründiger, verschworener und zerrissener, als es zunächst anmutet». Aber Hohmann und Gudmundsson betonen jeden ihrer lächerlichen Ermittlungsfehler so stark, dass man auch nach der Vorstellung noch ohne Schaudern durch Birsfelden läuft und keine Leiche unter den Weidlingen am Flussufer vermutet.

Frei nach der Mystery-Serie «Twin Peaks»

Die Profis spielen hauptsächlich live. Sie interagieren mit der Filmleinwand in der Bühnenmitte. Auf der Leinwand erzählen die Birsfelder Laien, was sie (nicht) wissen, und beschwören, dass sie den Ermordeten kaum gekannt haben. Nur die mächtigen Rentnerinnen im Altersheim, die «Krähen von Birsfelden», wissen etwas: Sie beobachten und überwachen das Geschehen schon lange, erinnern sich sogar daran, dass einst ein Zeppelin auf dem Flugplatz gelandet ist. «Die Krähen hören den Waldjungen», sagen sie. Der Waldjunge erscheint auch in den Albträumen des Kommissars. Mit einer Pflanzenkrone auf dem Kopf und einem Geweih umgeschnallt, gibt der Bub wirre Hinweise auf eine dunkle Kraft, die in den Wäldern wirkt.

Dieser gleichermassen spannende und hanebüchene Theaterabend ist eine freie Entwicklung nach der Mystery-Fernsehserie «Twin Peaks» von David Lynch und wohl auch von neueren Serien wie «The Dark» inspiriert. Zu einem solchen Krimi gehören schaurige Musik und ein Vorspann, der Zweifel weckt, ob im Wasserkraftwerk Birsfelden alles mit rechten Dingen zugeht. Glaubt man dem filmischen Abspann von «Twin Speaks», war für «Costume Design» niemand aus der Modebranche verantwortlich, sondern die Brockenstube Birsfelden.

Selten war eine Theaterproduktion so geerdet, selten ein Premierenpublikum so durchmischt. In der letzten Reihe feixten und redeten Jugendliche während fast jeder Sprechpause. Ganz vorne sassen ältere Damen, darunter mehrere mächtige «Krähen von Birsfelden». Was alle verbindet, ist Birsfelden – dieses scheinbar harmlose Örtchen.

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