Der Architekturkanton Basel-Stadt erhält ein neues Wahrzeichen. Diesmal ist es keines, das sich in den Himmel streckt, sondern eines, das von Bäumen umarmt wird und sich in die Landschaft schmiegt. Peter Zumthors Erweiterungsprojekt der Fondation Beyeler ist gestern vorgestellt worden. Ein zartes Megaprojekt. Die Fondation lässt es sich rund 100 Millionen Franken kosten – die Hälfte des Geldes muss noch aufgetrieben werden.

Die Fondation Beyeler in Riehen hat nämlich ein Luxusproblem: Sie wird an manchen Tagen vom Publikum überrannt. Die Monet-Ausstellung wurde in den letzten dreieinhalb Monaten bereits von 200'000 Menschen besucht. Solche Rekordzahlen bescheren dem Kunstmuseum mitunter eine «Druggedde», wie man in Basel sagt.

Architekt Peter Zumthor baut für Fondation Beyeler

Architekt Peter Zumthor baut für Fondation Beyeler

Vor allem, wenn daneben ein Talk, ein Film oder ein Gala-Anlass durchgeführt wird und Gruppen für eine Spezialveranstaltung durch die Museumsräume geschleust werden müssen. Das Parkareal soll künftig doppelt so gross werden. «Denn heute herrscht oft auch in den Ruhezonen Betriebsamkeit», stellt Museumsdirektor Sam Keller fest.

Zumthors Herzensprojekt

Mehr Raum für Schulungen, die Administration, Veranstaltungen und Begegnungen braucht die Fondation 20 Jahre nach ihrer Eröffnung, aber auch mehr Raum für die Kunst. «Wir sammeln nicht für das Lager», sagt Keller. Deshalb erwarb man mehr Land und schrieb 100 Architekturbüros an, wovon elf zum Wettbewerb eingeladen wurden – darunter etwa das japanische Büro Sanaa, das bereits auf dem Novartis Campus oder dem Vitra-Gelände in Weil am Rhein gebaut hat.

Den Zuschlag erhielt ausgerechnet der einzige Kandidat mit Lokalbezug: Peter Zumthor kam 1943 in Basel zur Welt, machte in Oberwil eine Schreinerlehre, ehe er sich in Haldenstein (Graubünden) niederliess und weltbekannt wurde. Der breiten Öffentlichkeit fiel er erstmals durch die Therme in Vals auf. In den letzten 20 Jahren kamen Bauten wie das Kunsthaus Bregenz oder das Kolumba Museum in Köln hinzu – und er erhielt den renommierten Pritzker Preis.

Für Zumthor ist dieser neuste Auftrag eine Herzensangelegenheit, hat er doch in seiner Geburtsregion noch kein öffentliches Gebäude geschaffen (siehe Interview). Und für die Fondation Beyeler war er der Wunschpartner. Nicht seiner Herkunft, sondern seiner Handschrift wegen. Einstimmig habe man sich für das Projekt von Atelier Zumthor ausgesprochen, sagt Architekt und Jury-Mitglied Roger Diener.

Zumthors Projekt verbindet den einstigen Landsitz der Familie La Roche, wo heute das Museum steht, mit dem Gut der Familie Iselin-Weber. Die beiden Pärke werden durch mehrere Wege miteinander verbunden und öffentlich zugänglich. Bei den Bauten verzichtet der Architekt auf Verdichtung und Erhöhung, er trennt: In einem Gebäude sollen Technik und Administration unterkommen, in einem anderen die Kunst. Dazwischen plant er einen Pavillon für Veranstaltungen – Konzerte bis Workshops.

Während andere Architekturbüros All-in-one-Lösungen präsentierten, stach Zumthor mit seiner Entflechtung heraus. Gerne sei er dem Wunsch der bisherigen Gutsbesitzerin nachgekommen, die jahrhundertealten Bäume stehen zu lassen, sagt er.

Mit all dem hat er die Jury überzeugt: «Kein anderer Entwurf vermochte einen so interessanten Dialog zum Bestehenden herzustellen.» Auch Renzo Piano, der italienische Architekt, der den ersten Bau der Fondation Beyeler entwarf, soll sich klar für Zumthors Entwurf ausgesprochen haben – und begeistert sein von der Linienführung, die sein Werk mit dem Neuen verbinden wird.

Tageslicht, kein Oberlicht

Zentrum ist das «Museum im neuen Park», die Villa für Kunst, wie sie der Architekt nennt. Bewusst verzichtet Zumthor auf Oberlichter, er setzt auf grosse Fenster, den Blick in die Natur – wie ein zusätzliches Gemälde. «Ich bin der Meinung, Kunst liebt Tageslicht», sagt er. Und er liebt warme, naturverbundene Materialien. Der Monolith wartet mit den hellen, warmen Farben des Jurakalks auf.

Die Natur als Kunst und die Kunst im Naturlicht: Peter Zumthor arbeitet mit grossen Seitenfenstern.

Die Natur als Kunst und die Kunst im Naturlicht: Peter Zumthor arbeitet mit grossen Seitenfenstern.

1000 Quadratmeter Platz für die Kunst wünschte sich Direktor Sam Keller, 1500 Quadratmeter hat Peter Zumthor vorgesehen. Mehr als vom Museum erhofft. «Das kostet dann extra», sagt er am Rande der Projektpräsentation scherzend.

Die Erweiterung hat ihren Preis: Schrieb die Fondation noch letzten September, Kosten für Bau und Inbetriebnahme des Projekts beliefen sich auf 80 Millionen Franken, rechnet der Kunstmäzen und Präsident der Beyeler-Stiftung, Hansjörg Wyss, nun mit den 100 Millionen Franken. Darin enthalten seien allerdings neben den effektiven Baukosten sowie dem Erwerb von Land und Liegenschaften auch die Betriebskosten für die ersten zehn Jahre.

Seine Wyss Foundation sowie die Zürcher Daros Collection (Familie Stefan Schmidheiny) legten mit Schenkungen einen Grundstein. Offenbar haben auch Basler Kunst-Mäzeninnen und -Mäzene bereits Unterstützung versprochen. Dennoch gilt es für die Stiftung, noch rund
40 Millionen Franken aufzutreiben.

Übersichtsplan: ganz links das bisherige Museum, in der Mitte der neue Pavillon, rechts davon die Villa für die Kunst und gegenüber die Anlieferung.

Übersichtsplan: ganz links das bisherige Museum, in der Mitte der neue Pavillon, rechts davon die Villa für die Kunst und gegenüber die Anlieferung.

2021 soll, so der Wunsch, der neue Anziehungspunkt für die Kunstwelt eröffnet werden. Noch muss die Gemeinde Riehen Ja sagen, aber die Bewilligung dieses von privater Hand finanzierten Projekts scheint eine reine Formsache zu sein.

Für Zumthor bedeutet dieser Auftrag auch ein Pendeln zwischen den Kontinenten. Im kalifornischen Los Angeles realisiert er ebenfalls ein Kunstmuseum. Das County Museum of Art (LACMA), das grösste staatlich subventionierte Museum der USA. Das Budget dort: 600 Millionen Dollar.

Der neue Park ist für die Bewohner von Riehen am 5. Mai zugänglich. Die Pläne und Modelle werden bis zum 7. Mai in der Fondation Beyeler präsentiert, vom 10. bis 23. Mai im Gemeindehaus Riehen, jeweils werktags von 8 bis 12 und 14 bis 16.30 Uhr.