Drei Erinnerungen an drei verschiedene Inszenierungen von Thom Luz: Rauchkringel wabern wie Riesenquallen durch die Luft, weiter vorne spielt eine Frau mit wasserbenetzten Fingern auf einer Glasharfe – Goethes «Werther», rückwärts erzählt. In einem eingenebelten Treppenhaus tropft das Schmelzwasser eines an einer Stange aufgespiessten Eisklotzes auf eine Kesselpauke – «Atlas der abgelegenen Inseln», auf drei Stockwerken einer Treppe kartografiert. Aus der Bodenluke einer von Klavieren und Harmonien gesäumten Theaterbühne lugt ein Kopf ins gelbliche Licht einer wankenden Glühbirne; seltsame Geräusche, es ist dunkel und neblig – «der Zauberberg».

Luz schafft Räume aus Licht und Dunkel, aus Klang und Stille, in denen der Zuschauer für jeweils ein, zwei Stunden die Zeit vergisst. Feingliedrige Installationen, um die sich heute viele reissen: Theaterleute, Festivalveranstalter, die Zuschauer. Luz, ein 33-jähriger Zürcher, ist 2014 von der Fachzeitschrift «Theater heute» zum «Nachwuchsregisseur des Jahres» ernannt worden. Dieses Jahr wurde er mit dem «Atlas» als einziger Schweizer an das wichtigste deutschsprachige Theaterfestival eingeladen, ans Berliner Theatertreffen. Und der «Spiegel» fragt: «Ist er der neue Marthaler?»

Der Vergleich mit Marthaler fällt in jeder zweiten Theaterkritik seiner Stücke. Stört ihn das? «Stören würde mich, wenn jemand mich einen Charakterlump nennen würde», antwortet er. Marthaler habe ihm – wie vielen weiteren Künstlern – gezeigt, wo auch Geschichten stattfinden können. «Uns verbindet die Musikalität, eine gewisse Rätselhaftigkeit und vielleicht, dass es ab und zu etwas langweilig ist.»

Als Kind mit Nebel hantiert

Wenn sein einstiger Cevi-Leiter an Thom Luz als Kind zurückdenkt, dann sieht er ihn mitten im Qualm des eben gelöschten Lagerfeuers stehen. Luz habe schon damals Geschichten mit Feuer und Rauch inszeniert, Spezialeffekte geliebt und sogar eine Nebelmaschine besessen.

Hat Luz es geschafft, die Spiele seiner Kindheit zum Beruf zu machen? «Das würde ich selbst so nicht sagen, weil es kitschig tönt», antwortet er. Aber es sei schon so, er habe immer inszenatorisch gedacht, habe bereits als Kind gern «ein Erlebnis für andere Leute gestaltet». Prägend sei damals auch eine Vorstellung am Zürcher Theaterspektakel gewesen: Fünf Typen im Overall «machten so praktische Poesie», es involvierte viel Asche und einen Tornado aus Rauch. Diesen erzeugten sie, in dem sie zehn Minuten im Kreis um ein Feuer rannten. «Es beeindruckte mich, dass fünf Männer sich ernsthaft mit so etwas beschäftigen», sagt Luz, «dass man sich die Natur nach eigenen Vorstellungen einrichten kann, dass das ein Beruf sein kann.»

Im Programmheft zu «Atlas der abgelegenen Inseln» steht nicht «Regie: Thom Luz», sondern: «eingerichtet von Thom Luz». Sein nächstes Stück handelt von LSD und trägt den Untertitel: «Eine Kette glücklicher Zufälle, organisiert von Thom Luz». Er komme halt aus dem Machen, dem Probieren, aus dem «praktischen Winkel». Luz hat eine Schauspielausbildung, aber keine als Regisseur – und darüber ist er froh. Zu viel Theorie, zu viel Wissen, das hätte ihn womöglich verdorben. Die «Süddeutsche» nannte ihn einen «Bastler», er empfindet das nicht als abwertend. Sein nächstes Bühneninstrument lässt er patentieren; ein Klavier, aus dem beim Spielen Farbe treten wird.

Luncht wie Lynch

Wir haben uns zum Mittagessen im «Monsieur Vuong» in Berlin getroffen. Thom Luz kommt herangeeilt. Ein grosser, schlanker, schöner Mann. Er hat Zeit gefunden, trotz des ganzen «Theatertreffensvorbereitungswahns», wie er es nennt. In der Hektik gibt ihm dieses Lokal Ruhe: Hier geht er seit Jahren regelmässig hin und bestellt immer dasselbe: Mangolassi und Rotes Hühner-Ananas-Curry. David Lynch habe zum Lunch zwölf Jahre stets dasselbe bestellt, sagt Luz: «Das hält den Kopf frei für andere Sachen.»

Im Moment laufen viele andere Sachen. Doch den Hype um ihn hält er für übertrieben. Es sei in der Theaterwelt wie an der Börse: Mal werde ein Künstler, der mit seiner eigenen Handschrift auffalle, zu einem Wert gehandelt, den er gar nicht besitze – ein halbes Jahr später tief unter seinem Wert. Übertriebene Euphorie wechsle auf übertriebene Ablehnung. Er kenne das schon aus Erfahrung mit seiner Band «My Heart Belongs to Cecilia Winter». Die jetzige Hochphase als Regisseur versuche er zu geniessen, «denn auch das kann schnell vorübergehen». Das Einzige, was er tun könne: «Sorgfältig bleiben – bei der ganzen Durchgeknalltheit, die dieser Beruf hat.»

Im Moment steht er im Hoch. Luz ist vom neuen Intendanten des Theaters Basel, Andreas Beck, als einer von vier Hausregisseuren engagiert worden. Das kommende LSD-Stück wird also in Basel Premiere feiern, am Ort, wo die Droge 1943 vom Chemiker Albert Hofmann entdeckt worden ist. Luz beginnt dieser Tage mit den Proben. Der Anfang sei seine liebste Phase, noch sei alles möglich.

LSD aus Sicht des Nüchternen

Er wolle etwas erzählen «über reale Wahrnehmung und über Zufälle, die zu Entdeckungen führen». Er wolle «etwas vorstellen, das man sich nicht vorstellen kann» und dabei «Klischees von psychedelischen Darstellungen um jeden Preis vermeiden». Er wolle das alles «aus der melancholischen Sicht des Nüchterngebliebenen» erzählen. Hat er LSD probiert? «Nein, ich glaube, das ist nicht meine Droge. Dafür bin ich zu kontrolliert und zu anständig.»

Derzeit werden viele Angebote an ihn herangetragen, er muss vieles ablehnen. Fast entschuldigend sagt er: «Ich brauche viel Zeit, ich mache nur zwei Produktionen im Jahr.» Denn was auch immer es sei: «Je länger man sich mit etwas beschäftigt, desto komplexer wird es.»

Dabei wäre es seltsam, wenn einer, der auf der Bühne die Langsamkeit zelebriert, im Leben ein Eiltempo anschlüge. Zu seinem «Atlas», bei dem jeder Zuschauer nur einen Teil des Werkes sehen kann, sagt er selber: «Man muss eigentlich nicht Angst haben, etwas zu verpassen. Vielmehr darf man sich zurücklehnen und merken: Es kommt alles zu einem. Eine Gegenposition zum Zeitgeist. Das sind so ein bisschen meine geheimen Überlegungen.»

Wenig später steht er ruhig auf und geht zurück in den Vorbereitungswahn.