Sie lesen diesen Text in einem alten Speichermedium: Papier und Druckerschwärze. Oder Sie lesen online, in einem elektronischen Speicher. Die Ausstellung, über die Sie hier lesen, ist jedoch auf einem biologischen Speicher verewigt, auf einer DNA-Sequenz.

Den Auftrag dafür hat die US-amerikanische Künstlerin Lynn Hershman Leeson gegeben. Realisiert hat den Speichervorgang das kalifornische Unternehmen Twist Biology. Die Firma ist spezialisiert darauf, die Datenstränge der DNA, also den biologischen Träger aller Erbinformation, für die Datenspeicherung zu nutzen.

Digitale Bilder, Texte oder Filme werden in biologische Daten umgewandelt, und können bei Bedarf wieder in elektronische rücktransferiert werden. Willkommen in der schönen neuen Welt der Bio-Ingenieure! Willkommen im Haus der elektronischen Künste (HEK), das ab heute die erste Einzelausstellung von Hershman Leeson in der Schweiz präsentiert.

Allen eine Meile voraus

Lynn Hershman Leeson ist eine Pionierin, in mehrerer Hinsicht. Die heute 77-jährige Grande Dame der Medienkunst entwickelt ihr Werk seit den frühen Sechzigerjahren an den Rändern des Kunstbetriebs. Kein Wunder, denn thematisch ist sie diesem meist ein paar Jahre voraus. Bereits 1964 entwickelte sie den ersten Cyborg, eine Kreuzung von Mensch und Maschine.

Seit damals geht sie der Frage nach, wie sich Identität und öffentliche Wahrnehmung eigentlich bilden. Beispielsweise diejenige einer Künstlerin. Als ihre ersten Arbeiten von der Kunstkritik ignoriert wurden, entwarf sie flugs drei Kritikeridentitäten, die über das Werk von Hershman Leeson berichteten.

In den Siebzigerjahren sorgte sie mit der fiktiven Figur Roberta Breitmore für Verwirrung. Die Frau checkte 1974 im Dante Hotel in San Francisco ein und lebte dort vier Jahre, machte eine Fahrprüfung, ging zum Psychiater und beteiligte sich an Blind-Datings, bevor sie 1978 in Florenz für immer verschwand.

1984 präsentierte die Künstlerin die weltweite erste interaktive Videoinstallation. Jahre vor Social Media sagte sie damals: «Interaktive Technologie ist die Antithese zur Kommunikation, wie wir sie kennen. Die Einweg-Kommunikation der Medien wird durch neue Kanäle eine neue Art der politischen Beteiligung ermöglichen.»

2004 kreierte sie den ersten künstlerischen Online-Virus. Seit nunmehr elf Jahren setzt sie sich mit Biotechnologien auseinander. Das liege vielleicht daran, dass sie aus einer Wissenschaftlerfamilie komme, sagt die Künstlerin bei der Präsentation ihrer Ausstellung im HEK. «Sicher liegt es aber daran, dass ich nahe am Silikon-Valley arbeite.» Sie lebt und arbeitet abwechslungsweise in New York und Kalifornien. Und zwar meist allein, auch wenn es um langjährige Projekte geht. «Sonst wird es zu kompliziert.»

Kooperation mit Novartis-Labor

Kompliziert tönt auf den ersten Blick die Ankündigung, dass hier eine Künstlerin am Werk ist, die ihre neusten Arbeiten zum Thema biologischer Fortschritt, künstliche Intelligenz und Antikörperforschung vorstellt. Handfest und theatralisch ist der Einstieg in ihre Ausstellung mit dem Titel «Anti-Bodies».

Die Besucher werden dazu aufgefordert einen weissen Kittel überzuziehen. Durch eine Videoinstallation, die das Innere eines Forschungsgebäudes zeigt, geht es in die erste Kammer zum Thema Bioprinting, also Haut, Leberzellen oder Herzklappen aus dem Drucker. Im Video kommen der Erfinder der Technologie und zwei Patienten, die davon profitiert haben, zu Wort. Eine gezüchtete Nasenhaut wird unter Plexiglas skulptural präsentiert. An den Wänden Bilder von zwei Spritzen die sich aufeinander zu bewegen. Eine ironische Anspielung auf Michelangelos Gottesfinger, der den Menschen erweckt.

Auf einem Tisch laden Ordner zum Lesen. In den Dokumenten geht es um ethische und juristische Fragen betreffend Gentechnologie. Eine riesige Wandtapete zeigt unzählige Bilder von Hybridkulturen und gentechnisch veränderten Lebewesen. In Videos kommen Forscherinnen und Forscher zu Wort, die Pioniere dieser neuen Technologien.

Im Hauptraum, einem Labor nachempfunden, wird Herman Leesons gemeinsame Forschungsarbeit mit dem Biologics Center der Novartis gezeigt. Die Künstlerin liess einen Anti-Körper entwickeln, in welchen ihr Name eingeschrieben ist. Die 20 Aminosäuren, aus welchen Anti-Körper bestehen, sind nach dem Alphabet benannt. Können also wie die Buchstaben des Namens kombiniert werden. Der so entstandene Lynn-Hershman-Anti-Körper wurde vom Forschungsteam der Novartis auf seine Eigenschaften hin untersucht. Seine Entwicklung ist dokumentiert. Er ist in 3-D zu sehen.

In einer Vitrine hinter einer Sicherheitstüre stehen zwei Fläschchen, religiösen Reliquien gleich. Im einen ist die kristalline Variante des Antikörpers aufbewahrt. Im anderen jene DNA-Sequenz, auf der alle Dokumente der Ausstellung abgespeichert sind. «Das ist wie ein Haiku. Es ist die poetische Essenz von elf Jahren Arbeit», sagt die Künstlerin dazu und lächelt. Sie tue eben Dinge, die andere Leute nicht tun.

Eine gute und kluge Recherche

Ist das jetzt Kunst oder mehr eine Wissenschaftspräsentation? Bestimmt handelt es sich um eine gute, aufwendige und klug präsentierte Recherche. Und es ist eben keine Wissenschaftlerin, sondern eine Künstlerin, die das Material aus so unterschiedlichen Perspektiven zeigt und unverfroren damit spielt.

Weder der Wissenschaftler noch der Journalist würden einen Anti-Körper aus ihrem Namen entwickeln lassen. Hershmann Leeson geht es genau darum, wie wir mit diesen Technologien umgehen. «Sie könnten gut sein für die Menschheit und den Planeten», sagt sie. Kommt jedoch darauf an, wer sie in den Händen hat. Klar ist, dass sie unsere Zukunft prägen werden. Das Jazz Festival Montreux ist bereits dabei, sein gesamtes Archiv auf DNA-Speicher transferieren zu lassen.

Einen interessanten Überblick über die rasende Entwicklung dieser unheimlichen Technologien bietet die Ausstellung allemal. Als Wermutstropfen ist zu verzeichnen, dass alle Interviews und Infotafeln Englischkenntnisse erfordern. Mit dem Zusammengehen von Wissenschaft und Kunst wollen HEK und Novartis neue Publika erschliessen. Da ist es schade, wenn Sprachbarrieren genau dies erschweren.