Das Erste, was ich von Katja Fusek las, war eine Erzählung. Die Veröffentlichung hing mit einem Wettbewerb zusammen, und sie hat mich so überrascht und berührt, dass ich mir den Namen der Autorin merkte. Ihre Ernsthaftigkeit gefiel mir und ihr eigenständiger Ton: Der musikalische Sprachfluss, die randscharfen Bilder und das poetische Insistieren auf der Darstellung einer Wirklichkeit, die die Sprache braucht, um sichtbar werden zu können.

Fusek hat in den letzten 15 Jahren drei Romane veröffentlicht: «Novemberfäden» (2002), «Die stumme Erzählerin» (2006) und soeben «Aus dem Schatten». Zu den dreien kam 2011 ein halber, den zusammen mit Valentin Herzog verfassten Roman «Mare blu. Eine Liebesgeschichte mit Homer». Daneben schrieb Fusek zahlreiche Erzählungen, die zum Teil auch im Band «Der Drachenbaum» (2005) vorliegen, und drei Theaterstücke, die aufgeführt wurden. «Der Kurzschluss» beispielsweise 2005 im Miller’s Studio in Zürich und am Schauspielhaus Basel.

Im Team der Riehener Literaturinitiative «Arena» widmet sie sich der Vermittlung. Sie hat Familie und arbeitet als Sprachlehrerin. Gibt sie Ausländern vielleicht auch deshalb so gerne Unterricht, weil sie sich die deutsche Sprache einst selber aneignen musste?

Die Sehnsucht nach Heimat

1978 kam Fusek mit der Mutter und der Schwester nach Basel, «ganz legal», aber «ungefragt». Da war sie zehn Jahre alt. Das heimatliche Prag blieb zurück: die Grosseltern, die Freunde und Spielkameraden, das grosse, lebhafte Familienhaus mit Garten, die von der kommunistischen Gesellschaft gesetzten Regeln und Rituale sowie die tschechische Sprache. Die fehlte am sichtbarsten.

Fusek hatte aber den festen Willen, möglichst schnell «perfekt» Deutsch zu lernen, «insbesondere die Schimpfwörter», um gewappnet zu sein, doch die Sehnsucht nach wirklichem Ankommen blieb, schreibt sie: «Nach einem Ort, wohin ich gehöre. Nicht mehr eilen, ausweichen, erklären, sich rechtfertigen: nur sein. Sich nicht teilen zwischen meiner alten und meiner neuen Heimat.» An dieser Sehnsucht tragen auch viele ihrer Figuren. Fuseks Texte entstehen aus selbst Erfahrenem, aus Erinnerungen und historischen Reminiszenzen, die dann mit Fiktionen ergänzt, überschrieben, variiert und befragt werden und das Autobiografische ins Existenzielle weiten. «Die stumme Erzählerin» beispielsweise ist eine namenlose Flüchtlingsfrau, die sich das Leben des gelähmten alten Mannes, dem sie die Wohnung putzt, so intensiv und detailliert ausdenkt, bis es mit ihrer eigenen Vergangenheit zu korrespondieren beginnt.

Unverheilte Wunden

«Manchmal bemühe ich mich, eine lustige Geschichte zu schreiben», sagt die Autorin, «aber es geht nicht. Das Thema Einsamkeit muss in mir drin stecken.» Und die Gegenwart hängt an der Vergangenheit fest. Auch im neuen Roman «Aus dem Schatten», der soeben herausgekommen ist. Er hat – wie der Erstling – eine Protagonistin mit tschechischer Vergangenheit, die seit einer Weile in der Schweiz lebt.

War es damals die junge Zita, die nach zehn Jahren Abwesenheit die Heimatstadt wieder aufsucht und dabei von Erinnerungen und Gefühlen eingeholt wird, ist es im neuen Roman Dagmar, die seit Längerem in Basel wohnt, arbeitet und verheiratet ist, und die über die Weihnachtstage von ihrer tschechischen Familie aufgesucht wird. Und während, wie jedes Jahr, heftig gekocht, gegessen, getrunken und gestritten wird, setzt das plötzliche Verschwinden der Grossmutter eine unheilvolle Dynamik in Gang.

Bisher Verschwiegenes wird ans Licht gezerrt und ist nicht mehr zu überspielen. Auch hier sind es besonders die Konflikte zwischen Mutter und Tochter und die Rivalität zwischen den Geschwistern. Sichtbar werden Lebenslügen, alte Wunden und Versäumnisse, Sehnsüchte und Träume. Keine Figur bleibt davon verschont. Und darüber gesprochen werden kann auch nicht wirklich, weder in der einen noch in der anderen Sprache. Die Wunden sind zu alt und zu tief.

Letztlich sind es die Körper, welche die Wahrheit einfordern. Im sexuellen Begehren, vor allem in den ungelebten, nur heimlich ausgelebten oder auch bloss herbeifantasierten Liebschaften sind die Figuren noch am ehesten bei sich. Fusek zeigt das eindringlich und mit verständnisvoll sanfter, aber ungeschönter Genauigkeit.

Katja Fusek: «Aus dem Schatten», Edition 8, 160 Seiten, 23 Franken. Buchvernissage: 7. September, 19 Uhr, Literaturhaus Basel.