Auktionen
Die Kunst des Kunsthandels: Zwei Schweizer Sammlungen unter dem Hammer

Der Kunsthandel macht Schlagzeilen mit Rekorden, Umsatzsteigerungen und Fabelpreisen: So interessant wie das Verkaufsgeschäft sind die Marketing-Strategien der Auktionshäuser. Zu sehen an zwei Schweizer Sammlungen, die in London verkauft werden.

Sabine Altorfer
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Aus der Sammlung Giedion: Ausschnitt aus Juan Gris' «Nature morte à la nappe à carreaux» von 1915

Aus der Sammlung Giedion: Ausschnitt aus Juan Gris' «Nature morte à la nappe à carreaux» von 1915

Christie's

Auktionshäuser müssen Kunstwerke ins beste Licht rücken, ihnen nicht nur höchste Qualität, sondern jedem einzelnen auch immer wieder einen exklusiven Touch verleihen. Wenn das über den Künstler schwierig wird – bei Picasso etwa macht die Menge des zwar grössten, aber eben auch unerhört produktiven Künstlers den Händlern das Leben schwer – dann erreicht man das am besten über den Hinweis, das Bild sei seit Jahrzehnten nicht mehr im Handel aufgetaucht.

Oder noch besser: Es stamme aus einer hochkarätigen Privatsammlung, sei also von Kennern – am besten beim Künstler selber – ausgewählt worden. Das verbürgt gute Herkunft, Exklusivität. Und wenn sich noch ein Foto findet, das den Sammler mit dem Künstler, egal in welcher Situation zeigt, ist das schon der halbe Erfolg. So weckt man Begehrlichkeiten, so kickt man die heutigen Sammler an, auch so ein grosser, hochkarätiger zu werden, sich vielleicht gar in einen Bieterkampf zu stürzen und für das besondere Werk ein bisschen über dem Mittel zu zahlen.

Grosse Namen

Zwei anstehende Verkäufe zeigen exemplarisch, wie das geht. Aber auch, wo die Tücken und Grenzen für die Auktionshäuser liegen. Am 4. und 5. Februar wird es in London ein zweifaches Auktions-Schaulaufen mit Kunst aus Schweizer Privatbesitz geben. Nicht nur die Namen der Künstler – von Picasso über Juan Gris und Alberto Giacometti bis Piet Mondrian – sind mehr als illuster, sondern auch die diejenigen der Besitzer. Zum einen ist es der legendäre Genfer Galerist Jan Krugier (1928–2008) zum anderen ein als anonym bezeichnetes Schweizer Sammler-Paar.

Anonym? Das tut doch dem Geschäft nicht gut! Es sei denn, man verrate zu den Bildern Angaben über Ort und Art des Erwerbs, über Beruf, Lebensumfeld und Kontakte der Sammler, sodass sie für Insider erkennbar sind. Olivier Camu, Deputy Chairman, Impressionist and Modern Art von Christie’s schwärmt andeutungsreich: «Dieses ausserordentliche Zeitzeugnis wurde von passionierten «connoisseurs» geformt. Sie gehörten zu den besten und grosszügigsten Kennern der Architektur- und Kunstwelt der 1920er- bis 1970er-Jahre.»

Diese Kenner können niemand anders sein als das Zürcher Kunsthistoriker-Paar Sigfried Giedion (1888–1968) und Carola Giedion-Wecker (1893–1979). Christie’s will – oder darf – das aber weder bestätigen noch kommentieren, auch wenn es die «NZZ» öffentlich gemacht hat. «Die Sammlung ist anonym», schrieb man auf Nachfrage der «Schweiz am Sonntag». Der anonyme Verkauf war aber kaum die Idee des Auktionshauses. Es hatte sich wohl den Erben zu fügen, um an die Werke zu kommen. Die Sammlung soll immerhin 30 Millionen Pfund (45 Mio. Franken) einbringen.

Tolle Anekdoten

Die Giedions waren nicht nur Sammler, sondern Wegbereiter der Moderne. Er war Professor in Harvard, an der ETH und dem Massachusetts Institute of Technology in den USA. Er gründete den Wohnbedarf und liess u. a. die Doldertalhäuser in Zürich nicht nur für sich, sondern als Zeichen für modernes Bauen errichten. Dort wohnte das Paar auch. Die in Köln geborenen Carola Giedion-Welcker (1893–1979) war Kunsthistorikerin und Kuratorin, mit ihren Schriften ebnete sie den Weg für neue Kunstströmungen und Künstler wie Paul Klee, Sophie Taeuber-Arp oder Kurt Schwitters. Das Kunsthaus Zürich widmete ihr und ihrer Wirkung 2007 gar eine Ausstellung.

Der kapitalste Brocken, der unter den Hammer kommt, ist das Stillleben «Nature morte à la nappe à carreaux» von Juan Gris. Alleine für dieses Werk von 1915 erwartet das Auktionshaus 12 bis 18 Millionen Pfund. Eine ungeheure Summe und ein Mehrfaches des ursprünglichen Preises. Trotzdem habe das Bild die finanziellen Mittel des Paares damals überstiegen, heisst es im Werbe-Text des Auktionshauses. Die Sammler hätten Professor Doktor Wilhelm Löffler überzeugt das Gemälde zu kaufen – und der hätte es dem Paar nach seinem Tod geschenkt. Welche tolle Geschichte, um den Wert eines Gemäldes zu steigern.

Toll liest sich auch die Anekdote wie das Sammlerpaar 1933 zusammen mit Le Corbusier, dem Bauhaus-Pionier Laszlo Moholy-Nagy und anderen Grössen der Moderne auf dem Schiff Paris von Marseille nach Athen reiste. Nicht zum Vergnügen, sondern weil auf dem Schiff der von Sigfried Giedion mitbegründete Congrès Internationale d’Architecture Moderne stattfand. Erzählt wird diese Geschichte zum Beweis, wie eng der Kontakt der Giedions zu Kunst-, Architektur- und Designkreisen war und warum sie Werke von Konstruktivisten kauften. Etwa von Piet Mondrian (Composition No. 2, 1930. Schätzpreis: 8–12 Mio. Pfund), von Georges Vantongerloo oder Theo van Doesburg.

Der Holocaust-Überlebende

So spektakulär wie die Ankündigung der Giedion-Sammlung bei Christie’s ist auch jene bei Sotheby’s mit Werken aus dem Nachlass von Jan Krugier. Hier wird auf den Namen gesetzt. Denn der Name ist Programm: Der Genfer Galerist stand bis zu seinem Tode 2008 über Jahre an der Art Basel in seiner dezent abgedunkelten Koje inmitten seiner sanft angeleuchteten Werke von Picasso, Braque, Morandi oder Klassikern aus dem 19. Jahrhundert. Seine Galerien in Genf und New York gehörten zu den weltweit bekanntesten. Zu seinem Nimbus trug auch seine Lebensgeschichte bei. Der in Polen geborene jüdische Bub überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen und kam 1945 mit einem Kinderhilfsprogramm in die Schweiz. In Zürich ermöglichten ihm Pflegeeltern die Ausbildung zum Künstler, doch nicht zuletzt auf Rat von Alberto Giacometti wurde er Kunsthändler. 1962 eröffnete er seine Galerie in Genf. 1973 übertrugen ihm Picassos Muse Marie-Thérèse Walter und 1976 Picassos Enkelin Marina die Verwertung ihrer Sammlungen.

Jan Krugier war mit der polnischen Adligen Marie-Anne Poniatowski verheiratet. Diese, sowie Tochter Tzila und Sohn Aviel (beide aus der ersten Ehe mit der Genferin Eva Spierer) sind neben einer Stiftung die Erben. Teile der Kollektion Krugier wurden noch zu Lebzeiten des Händlers, in grossen Museen gezeigt. Es wurde gar über einen Verbleib in einem Berliner Museum spekuliert. Davon wisse sie nichts, sagt Caroline Lang, Leiterin von Sotheby’s Schweiz, gegenüber «Schweiz am Sonntag». Sie kenne Jan seit über zwanzig Jahren. «Er hat selber entschieden, dass Werke aus seinem Besitz öffentlich verkauft werden sollen.» Auch aus der Überzeugung, dass nur Schönheit die Welt retten könne.

Die Tücken

Die Versteigerung bei Sotheby’s ist bereits die zweite Krugier-Nachlass-Auktion. Eine erste mit kapitalen Gemälden bei Christie’s in New York floppte im letzten Herbst. 27 Prozent der Lose wurden nicht verkauft, statt der erwarteten 160 bis 220 Millionen Dollar, ergab die Auktion 92,5 Mio. Dollar. Zu hohe Schätzungen, zu anspruchsvolle Kunst statt dekorativer Ware und vor allem zu viele Werke, die in den letzten Jahrzehnten in der Galerie oder bei anderen Auktionen schon auf dem Markt waren, nannten Experten als Gründe. Kam es wegen des Flops zum Wechsel des Auktionshauses? Caroline Lang gibt sich diplomatisch: «Jan hat immer mit beiden Häusern gearbeitet, es war ein Entscheid der Familie». Und, fügt sie an, Sotheby’s freue sich riesig, mit dieser fabelhaften Sammlung betraut zu sein.

Über hundert Werke – von Goya bis Picasso – kommen unter den Hammer, vor allem Arbeiten auf Papier. Ein zentrales Werk ist eine Minotaurus-Zeichnung (1,8–2,5 Mio. Pfund), aber auch Porträts aus allen Schaffensperioden von Pablo Picasso mit Schätzungen zwischen 350 000 bis 2,9 Millionen Pfund. Dazu Zeichnungen von Cézanne, Ingres, Goya und eine Plastik von Alberto Giacometti: «Homme traversant une place par un matin de soleil» von 1950 (3–5 Mio. Pfund). Insgesamt erwartet Sotheby’s 24 Millionen Pfund (35,5 Mio. Franken).

Mit einer Prise Leidenschaft

Aber, und diese Frage muss noch gestellt sein: Ist es eigentlich nicht schade, eine Sammlung auseinander zu reissen, jedes Stück einzeln zu veräussern? Auch bei dieser Antwort beruft sich Caroline Lang auf Jan Krugier: «Er war selber weltweit an Auktionen tätig. Er hätte sich gefreut, dass diese Werke ein neues Zuhause bei Sammlern oder Museen finden, welche seine Leidenschaft für Kunst mit ihm teilen.»

Genau, das hätten wir fast vergessen: Es geht bei Auktionen ja nicht um Geld, sondern um Kunst, nicht um Gewinn oder Wertanlagen, sondern um Leidenschaft. Diese Argumentation ist die wichtigste Marketingschiene im Kunsthandel. Und für viele der Käufer mag sie ja sogar zutreffen.

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