Die Volta hat das schönste Damen-WC aller Messen. Ob die Männer die Installation aus Hunderten Schwarz-Weiss-Karten mit Badezimmer-Selfies auch sehen? Zu gönnen wäre es ihnen.

    

Denn Dana Dal Bo bedient mit diesen von allen möglichen Internet-Kanälen gesammelten und mit groben Strichen verfremdeten Selfies nicht nur unseren Voyeurismus. Sie verwandelt mit dem über die Wände wuchernden, irritierend gespiegelten Werk, das WC in einen Kunstraum.

Wem das zu viel ist, kann die Arbeit auch bei dc3 art projects, Kanada, anschauen. Ist es Anklage, Verwunderung oder Ironie über die grassierende Bildersucht? Das wird jede Besucherin, jeder Besucher anders interpretieren. Offenheit und Mehrdeutigkeit sind schliesslich Grundpfeiler jeder Kunst.

Wollte man streng sein, passt nicht alles an dieser Volta unter diese Definition, es gibt da Einiges, das eher banal oder altbacken wirkt – oder sich zu nahe beim Kunsthandwerk ansiedelt: Schmetterlinge aus Geldscheinen, wilde Malerei, die sich zu sehr ans Idol Basquiat anlehnt, Collagen aus Teppichen…

Aber nichts gegen Teppiche: Der in Paris lebende Marokkaner Mounir Fatmi imitiert gekonnt Kultur-Grenzen überschreitend ein Tropfbild von Jackson Pollock auf einem alten Orient-Teppich. Fatmi sei schon anerkannt, der Preis von 48'000 Euro also gerechtfertigt, sagt uns Galeristin Conrads, Düsseldorf, fast entschuldigend.

13 bringt kein Unglück

Die Volta als Ganzes scheint nach 13 Jahren immer besser zu werden. Wem der Rummel in den Messehallen der Art Basel zu gross, die Kojen, Treppen und Gänge der Liste im Warteck zu eng ist, der sollte sich eine oder zwei Stunden in der Markthalle gönnen. Keine Schlange am Eingang, die Galeristinnen und Galeristen haben Zeit, der Kaffee ist gut…

Das Angebot der 70, oft jungen Galerien aus vier Kontinenten, ist breit. «Keine hoch gesockelte Kunst, kein Schielen auf Blue Chips», verspricht VOLTA-Direktorin Amanda Coulson. Das Preislevel ist deutlich unter jenem der Art Basel: Die Volta ist also die perfekte Messe für Einsteiger und Normalos.

Weil die Galerien konsequent auf aktuelle Werke setzen, kann man hier breit beobachten, wie die Künstlerinnen und Künstler in einer Kunstwelt, in der schon alles erfunden, gemalt oder fotografiert ist, neue Wege suchen. Wie sie ohne Hemmschwellen Digitales und Analoges, Tradition und Aktualität oder Kulturen mixen.

Monica Miranda bringt in ihren überstickten Pflanzenfotografien portugiesischen Frauenalltag und Ansichten aus den ehemaligen Kolonien gekonnt zusammen (3800 Euro bei Carlos Carvalho, Lissabon).

Aus alt mach neu

Kann man Malerei neu erfinden? Schwierig. Aber man kann eine eigenen Handschrift entwickeln, wie Niek Hendrix. In altertümlich anmutender Grisaille-Malerei verquickt er alte Kunst mit Aktualität, bedient so das allgegenwärtig hochgelobte Narrative.

Unter einer Szene von Hieronymus Bosch aus dem Mittelalter, die den Menschen auf dem Scheideweg zwischen Gut und Böse darstellt, lässt er Kriegsflugzeuge über Pyramiden brausen und schafft so ein beklemmendes Ganzes (2000 Euro kosten die Kleinformate bei Roger Katwijk, Amsterdam).

Über Seiten aus Bibel, Koran und Talmud lässt der italienische Künstler Tindar zeichnerisch einen gemeinsamen Baum wachsen und wurzeln. Die monumentale Arbeit mit ihrer überaus positiven Botschaft und ihrem visuellem Reiz ist bei T&L, Paris, für 28'000 Euro zu haben.

   

Was aber machen süsse Rokoko-Porzellanfigürchen an einer Kunstmesse? Muss doch Kitsch sein! Aber tatsächlich schafft es die Australierin Penny Byrne, dass wir ihre bearbeitete Figurengrüppchen nicht nur als bissige Kommentare zur Weltgeschichte lesen, sondern auch als künstlerische Position.

   

Aneignung, Veränderung, Altes mit neuen Botschaften aufladen: Das ist doch typisch für die Kunst unserer Zeit. Byrne’s Kleinstplastiken «Charlie l’Hebdo», «Machthaber Muammar Gaddafi und seine bewaffneten Amazonen» oder das süss-sittsame Pärchen «Mother Russia und Uncle Sam» (4200 britische Pfund bei Coates & Scarry) würden wir gerne zu Hause aufstellen – nicht nur auf der Toilette.

 

Volta Markthalle Basel, bis Samstag, 17. Juni, 10 bis 19 Uhr.

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