Als Pipilotti Rist 1998 ihre Ideen für die Expo 01 in der Tracht präsentierte, gab ihre Kleidung mehr zu reden als ihre Pläne. Machte sich die kurzzeitige Direktorin lustig über die Tradition – oder wurde sie missverstanden? Trachtenvereine fürchteten um die Reinheit ihres Gewandes und kritischen Geistern schwante Hurra-Patriotismus. Kein anderes Kleidungsstück hätte so widersprüchliche Signale aussenden und so emotionale Reaktionen auslösen können wie die Tracht. Denn was heute als Festkleid für Traditionsanlässe getragen wird, hat eine faszinierende und widersprüchliche Geschichte. Zu sehen ist das im Kunstmuseum Solothurn unter dem Titel «Die Pracht der Tracht».

Den chronologischen Leitfaden von 1800 bis heute bilden Gemälde und Zeichnungen. Zusammen mit Plakaten, kunstgewerblichen Objekten und Filmausschnitten machen die Kuratoren Marcel Just und Christoph Vögele die komplizierten Wechselwirkungen von Gesellschaft und Politik, Tourismus und Zeitgeist sichtbar.

Politik und Tourismus

Einem strammen Republikaner aus Aarau verdanken wir eine frühe systematische Darstellung der Trachten der Regionen und Kantone. Johann Rudolf Meyer, Sympathisant der Französischen Revolution und Präsident der Helvetischen Gesellschaft, schickte Josef Reinhard 1793 auf Schweizerreise, um je ein Paar in regionaler Tracht zu malen. Das sei eine hoch politische, quasi enzyklopädische Gesamtschau des «Homo Helveticus», heisst es im Katalog. Die Trachtenpaare waren für Meyer Sinnbild für die moderne, föderalistische Schweiz, für Einheit trotz Unterschiedlichkeit.

Josef Reinhard erfand bald lustige Szenen wie eine melkende Frau oder ein schäkerndes Paar mit einem Apfelkorb. Für solch folkloristisch verklärte Darstellungen gab es Abnehmer, war die romantische Begeisterung für das freie, reine Volk der Bergler im 18. Jahrhundert durch Schriftsteller wie Goethe, Haller, Schiller und Rousseau so richtig lanciert worden. Nicht nur Touristen kauften diese Bilder, sondern auch die Einheimischen, sodass sie die Schweiz bald selber mit dem verklärten Blick der Fremden wahrnahmen.

Drucke mit der schönen Schifferin vom Brienzersee, mit wehender Schürze und Trachtenhut, waren gut verkäufliche Souvenirs. Lieblingssujets der Romantiker waren Schwingfeste vor heroischer Alpenkulisse, fröhliche Stubete auf Alpweiden oder Prozessionen. Die «Urner Standeswallfahrt zur Tellskapelle» von Ludwig Vogel (1848) zeigt die Boote der Kantone beim Anlegen. Wo Flaggen fehlen, lässt sich die Herkunft an den Trachten ablesen.

Dargestellt sind vor allem Frauen. Die Maler, fast ausnahmslos Männer, konnten ihre Fantasien in die Porträts und Szenen projizieren. Wie eine Madonna wirkt Louis Niederbergers Nidwaldnerin von 1850 mit ihrem sanften Gesicht, dem hochgeschlossenen Goldkragen, mit Bibel und Rosenkranz in der Hand. Freizügigkeit sagte man den Guggisbergerinnen in ihren kurzen Trachtenröcken nach. Sigmund Freudenberger benutzte 1781 eine Magd bei der Toilette am Brunnen, um rokokohaft vertändelt viel Décolleté und etwas Bein zu zeigen.

Veraltet und modern

Bereits im 19. Jahrhundert symbolisierte die Tracht nicht nur die Herkunft, sondern wurde zum Signal für die soziale Stellung: Industrialisierung und Verstädterung bewirkten, dass nur noch Bauern, Dienstmädchen und arme Leute trachtartige Kleidung trugen. Touristen und Städterinnen gaben sich in Anzug und modischer Kleidung aufgeschlossen. Friedrich Nietzsche schrieb 1876 gar: «Überall, wo noch die Unwissenheit, die Unreinlichkeit, der Aberglaube im Schwange sind, wo der Verkehr lahm, die Landwirtschaft armselig, die Priesterschaft mächtig ist, da finden sich noch die Nationaltrachten.»

Gegen 1900 sorgten nationalistische Tendenzen für einen neuen Schub Trachten in der Kunst. Überraschenderweise auch bei Wegbereitern der Moderne. Giovanni Segantinis wassertrinkende Bündnerin trägt Tracht wie Otto Wylers Aargauer Mädchen in prächtiger Jugendstilmanier. Über die Landesgrenzen hinaus als Moderner galt Cuno Amiet. Doch womit gewann er 1900 die Silbermedaille an der Weltausstellung in Paris? Mit fünf Trachtenfrauen, die in «Richesse du soir» über eine Margeritenwiese gehen, ja darüber zu schweben scheinen.

Werbung und Ideologie

All diese Motive und Klischees schwappten über in die Werbung, auf Plakate, Postkarten, aber auch in den Film. An der Landi 1939 sind Trachten das «Kleid der Heimat», Volkstum und Mythen der Humus für die geistige Landesverteidigung. Nach dem Krieg aber setzte das Schweizervolk auf Fortschritt, Mobilität und neue Technik. Trachten? Kein Thema, ausser streng reglementiert an Jodel- und Trachtenfesten. Bis sie von rechts politisch vereinnahmt wurden – was wiederum eine Gegenbewegung provozierte. Heute ist Swissness in, Volkstümliches sowieso und Trachten erleben ein Revival – nicht nur als billige Dirndl-Kopien und Lederhosen zur Bierfest-Zeit.

Selbst in der zeitgenössischen Kunst trägt man – oder genauer – trägt Frau wieder Tracht. Franziska Bieri absolviert einen Marathon auf dem Laufband in Bernertracht, Filmerin Anka Schmid lässt ein Trachtenpaar zu Boris Blanks Techno tändeln und kämpfen und bei Roman Signer bläst der Appenzeller Trachtenträgerin der Wind streng entgegen.

Wie kontrovers die Tracht heute noch wirkt, illustriert die Organisation der Ausstellung. Noch selten sei eine grosse thematische Ausstellung so schwierig zu finanzieren gewesen, sagt Direktor Christoph Vögele. «Das Thema fällt bei den Sponsoren zwischen Stuhl und Bank.» Die einen fürchteten eine zu folkloristische Swissness-Veranstaltung, die anderen eine zu kritische Ausstellung. Da half auch Pipilotti Rist nicht, die auf der Einladungskarte zwischen den Sponsorenlogos als Superwoman «Help» verspricht. Mit der St. Galler Trachtenhaube auf dem Kopf betont sie ihre Wurzeln, das rote Kleid steht für die moderne Powerfrau, die Arme hat sie heldinnenhaft hochgereckt wie Hodlers Wilhelm Tell. Aber vielleicht hat diesmal das Menstruationsblut an ihrem Unterschenkel Sponsoren noch mehr abgeschreckt als die Tracht anno 1998.

Kunstmuseum Solothurn

Parallel zu «Die Pracht der Tracht» zeigt das Kunstmuseum Solothurn eine Hommage an den Sammler, seinen ersten Direktor und grossen Förderer Josef Müller (1887-1977). Er sammelte nicht nur mutig zeitgenössische französische und Schweizer Kunst, sondern auch ethnografische Werke aus allen Kontinenten. Diese «Weltkunst» stiftete er dem Musée Barbier-Müller in Genf, das heuer seinen 40. Geburtstag feiert.
Hommage an Josef Müller, bis 4. Februar

Die Pracht der Tracht. Schweizer Trachten in Kunst und Kunstgewerbe, bis 7. Januar. Vernissage: Sa, 2. September