Die besten Sachen im Leben sind gratis. Luft, Lust, Liebe, das Meer – und der Art Parcours. Bei Letzterem, diesem allen frei zugänglichen Kunstrundgang während der Art-Woche, kommen all diese schönen Sachen zusammen. Erst recht, wenn der neue Kurator des Parcours dabei ist, Samuel Leuenberger. Der 42-Jährige ist der erste Basler, dem diese prestigeträchtige Aufgabe anvertraut worden ist. Man muss ihn nicht fragen, ob er glücklich ist mit dem Resultat, man sieht es ihm an. Und verliebt ist er auch: In die Kunst und in Claudia, die er jeden möglichen Moment an der Hand hält. Claudia und der bz zeigt er an diesem Montag zum ersten Mal einige Höhepunkte des Parcours – kurz vor dessen Eröffnung am selben Abend, zwei Tage früher als bisher.

Position Nummer eins von 19: St. Alban Vorstadt 12, ein leerstehendes Stadthaus. Draussen regnets, drinnen rauscht das Meer. Sechs Zimmer, sechs Lautsprecherboxen, sonst nichts. Aus jeder Box rauscht das Meer, aus jeder etwas anders. Der Künstler Daniel Gustav Cramer hat das schönste aller Geräusche in den letzten zehn Jahren an diversen Küsten aufgenommen. Man kann sich jedes Meeresrauschen für sich anhören. Oder durch die Wohnung laufen und erfahren, wie sich die Aufnahmen überlagern, wie Wellen. Hier würde man am liebsten einen Liegestuhl aufstellen und bleiben, sich der Sehnsucht nach dem Meer hingeben, und nach Sonne.

Vom Hochwasser gefährdet

Der viele Regen habe ein Werk dieses Parcours gefährdet, erzählt Samuel Leuenberger unterwegs dahin. Iván Navarros «Traffic» hätte im Birsigtunnel bei der Schifflände hängen sollen. Allein, das Wasser steht zu hoch. Im letzten Moment konnten er und sein Team einen neuen Standort finden: Das Mobile aus Verkehrsampeln schwankt nun unterhalb der Wettsteinbrücke im Wind. «Hier bewegt es sich stärker, das ist fast noch der bessere Ort», sagt Leuenberger. Jetzt sieht man die zum Teil wild durcheinander blinkenden Lichter sogar von der Mittleren Brücke aus. Die Ampel erinnert an Gesetze, an Vortrittsregeln. Aber in dieser Dysfunktionalität auch an eine ausser Kontrolle geratene Macht. Vielleicht an die korrupte chilenische, unter der Navarro aufgewachsen ist. Der Künstler überlässt solche Deutungen den Betrachtern.

Art Basel: Das gibt es 2016 zu sehen

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Vom 16. bis 19. Juni gibts an der Art Basel wieder Kunst von Weltformat zu sehen. VIP-Sammler, Kuratoren und Medienschaffende durften sich die Highlights schon am Mittwoch an den Previews anschauen. Hier die ersten Impressionen von der Ausgabe 2016.

Käfig-Labyrinth vor dem Münster

Der Kunst-Rundgang gleicht dieses Jahr einer Geraden – von der St. Alban-Vorstadt über den Münsterhügel bis zum Rheinsprung. Das Münster ist sein Mittelpunkt. Davor gemahnt ein labyrinthförmiger Käfig ebenso an die überfüllten Gefängnisse in den USA wie an die Grenzzäune, die Flüchtlinge abschrecken sollen. Sam Durant hat «The Labyrinth» mit Insassen entwickelt.

Mitten auf dem Münsterplatz entfalten Hans Josephsons 16 Messingskulpturen «dieselbe Kraft wie ein Jahr zuvor der riesige Steinmann», findet Samuel Leuenberger. Erst später habe ihn der Nachlassverwalter darauf hingewiesen, dass auch im Münster selber ganz kleine Josephsohn-Figuren die Metallstreben vor der Orgel tragen. So kommen zu den geplanten auch unerwartete Zusammenhänge ins Spiel.

Art Basel: Vier Tage Kunst vom Feinsten

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Ganz direkt auf die Beschaffenheit des Münsters reagiert Michael Wang. Aus demselben Sandstein hat er seine Werke in der Katharinen-Kapelle geschaffen. Hinzu kommt ein Fundstück aus der Zeit des grossen Erdbebens von 1356: Ein Torso, der damals vom Münster fiel, steht nun vor dem Altar.

Die 19 Positionen für den Parcours durfte Samuel Leuenberger aus den 286 an dieser Art ausstellenden Galerien auswählen. Sicher 40, 50 mal sei er über den Münsterhügel gelaufen, habe sich überlegt, was wo entstehen könnte. «Grundsätzliche Existenzfragen» seien thematisch ein roter Faden. Und so entwickelte er nach und nach den Parcours – im Gespräch mit Künstlern, Galerien und den Zuständigen für die diversen Standorte.

Diese sind abwechslungsreich: von der Lichthalle der Baudirektion bis zum obersten Stock des Naturhistorischen Museums. Wie bei einer Schnitzeljagd betritt man zum Teil unbekanntes oder lang nicht mehr begangenes Terrain – und sucht dort das besondere Werk. So bietet der Parcours auch die Neuentdeckung der eigenen Heimat. Am Montagabend allerdings hielten der Regen und die Fussball-EM noch viele Menschen davon ab. Wer aber immer wieder da und dort auftauchte: Samuel Leuenberger, mit Claudia an der Hand.