Roxy Birsfelden

Die Städter fahren mit dem Sexträmli nach Baselland ins Kino

Ein Theaterstück über die Filmgeschichte kommt nicht ohne Jack Nicholson aus.

Ein Theaterstück über die Filmgeschichte kommt nicht ohne Jack Nicholson aus.

Das neugierige Basler Publikum reiste Ende der sechziger Jahre aus dem prüden Stadtkanton aufs Land, um im Birsfelder Kino Roxy «entsittlichte Filme» anzuschauen. Nun interessiert das ehemalige Kino wieder das Theater.

1968 war das Land progressiver als die Stadt, die Stadt verklemmter als das Land. Jedenfalls was Filme angeht. «Wunder der Liebe» von Oswald Kolle beispielsweise verstörte die Zensurbehörde des Kantons Basel-Stadt dermassen, dass sie den Stadtkinos verbot, diesen «entsittlichenden Film» zu zeigen. Die Zensurbehörde des Kantons Baselland dagegen fand denselben Film «in keiner Szene zu beanstanden». Und so durfte ihn das Birsfelder Kino Roxy zeigen, ebenso wie später die supersanft-pornographischen «Emanuelle»-Folgen.

Das wollten sich die Baselstädter nicht entgehen lassen. Für einmal war jedem klar, wie pervers nah Baselland lag. Das oft mit Kinogängern gestossen volle 3er-Tram, Endstation Birsfelden, bekam bald den Übernamen «Sexexpress».

Das Traumkino auch für Italiener

Diese und viele weitere Anekdoten aus der Zeit, als das Roxy in Birsfelden noch ein Kino war, sind Teil des Theaterabends «Kino Marie». Es feiert heute in der Region Basel Premiere. Wo? Am ehemaligen Tatort, im Roxy. Das heutige Theater war von 1926 bis 1986 ein Kino. In den 1930er-Jahren galt es gar als «eines der modernsten» der Schweiz, wie auf der Internetseite für Kinonostalgiker, «Traumkinobasel.ch», nachzulesen ist. In den 50er-Jahren war das Kino Roxy bei den Gastarbeitern aus Italien beliebt für die italienischen Kinoabende, bei Jugendlichen für seine «Revolverfilme».

Die Macher des Stücks haben mit zahlreichen Birsfeldern über die alten Kinozeiten gesprochen. Ausschnitte aus diesen Interviews werden mit einem Lautsprecher ins Stück montiert. Komplett nachzuhören sind sie zudem im Foyer.

Vom Sterben der Landkinos

Das Roxy ist Koproduzent des Abends. Entstanden ist das Stück aber auf Initiative der neuen Vierer-Leitung des Theaters Marie im aargauischen Suhr. Ein Theater, das ebenfalls mal ein Dorfkino war. «Wir wollten unsere erste Produktion dem Ort widmen», sagt der Dramaturg Patric Bachmann, einer der vier Theater-Co-Leiter. Seither ist das Stück schon an mehreren Orten adaptiert und mit zusätzlichem Lokalkolorit angereichert worden. Denn das Sterben der Landkinos war und ist nicht nur ein Baselbieter Phänomen.

Kino Marie ist denn auch nicht nur eine Geschichte über das Kino Roxy, sondern eine Geschichte der Schweizer Landkinos, des Films und der Annäherung zwischen Film und Theater. Der Abend changiert zwischen Filmprojektionen und Schauspiel. Und mindestens zwei der Schauspieler, Manuel Löwensberg und Sandra Utzinger, kennen beide Medien: Film und Theater. Sie lassen ihre persönlichen Erfahrungen ins Stück einfliessen, sprechen über die Unterschiede zwischen der Arbeit am Filmset und auf der Bühne.

Antoine Griezmann (links) mit seinem engsten Rivalen und Arsenal-Star Olivier Giroud, den er aus der Startformation verdrängt hatte.

Antoine Griezmann (links) mit seinem engsten Rivalen und Arsenal-Star Olivier Giroud, den er aus der Startformation verdrängt hatte.

«Das Theater ist das Kino der Zukunft», lautet die These zum Stück. Derweil technisch immer bessere Heimkinos den öffentlichen Kinos den Rang ablaufen, werde sich Theater in der eigenen Stube wohl nie reproduzieren lassen, sagt Bachmann. «Sich zu treffen, um gemeinsam einen Live-Moment zu erleben, das bietet künftig vor allem das Schauspiel.» Und in diesem Theater gibts während der Vorstellung sogar Popcorn! Wie im Kino.

Kino Marie. 18., 19. und 21. Juni im Theater Roxy Birsfelden.

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