Lange Gänge, schicke Fassaden, gähnende Leere: Das Stücki Einkaufszentrum zählt wohl zu den trostlosesten Orten, die in Basel in jüngster Vergangenheit gebaut wurden. Überdimensioniert und am falschen Standort wird derzeit bereits über alternative Nutzungen nachgedacht. Wer sich in den vergangenen Wochen hinein verirrte, konnte jedoch eine Überraschung erleben. Mit zielstrebigen und schnellen Schritten bewegten sich vier auffällig geschminkte Schauspieler durch die Ladenstrassen wie ferngesteuerte Puppen. Martin M. Hahnemann, Ann Klemann, Dominique Lüdi und Christian Heller waren die Vorboten von
«iThink», dem neuen Stück der Medien- und TheaterFalle.

Ihr Ziel ist es, der Menschheit die App nahezubringen, die ihnen ein perfektes Leben ermöglicht. Silicon Valley in Basel-Nord. Wo sonst das Waren-
paradies auf Erden winkt, wird für einmal am wahren Paradies für jedermann laboriert. Wozu noch einkaufen gehen, wenn «iThink» schon vorher weiss, welche Kleidung dir am Besten steht? Wozu Politiker wählen, wenn «iThink» den Staat schon perfekt organisieren kann? Wozu selber denken, wenn «iThink» es viel besser und schneller tut.

Hinter den Kulissen von Starbucks und Co wird dem Publikum die revolutionäre App von vier sehr unterschiedlichen Typen vorgestellt: Populist, Gutmensch, Rebell, Elitenvertreter. Jeder möchte «iThink» für seine Zwecke einsetzen. Doch je nachdem, wem sie in die Hände fällt, entwickelt sie eine unterschiedliche Dynamik. Die Zuschauer werden zu Probanden und die Schauspieler zu windigen App-
Verkäufern. Doch lässt sich «iThink» wirklich beherrschen? Oder hat es sich längst verselbstständigt? Macht es uns zu besseren Menschen oder eher zu fremdbestimmten Zombies?

Im moralischen Dilemma

«Inspiriert von den allgegenwärtigen Fitnessbändern, Navigationsgeräten und Online-Partnerbörsen, die uns bereits heute das Leben scheinbar erleichtern sollen, stellt sich das Stück als humorvolle Posse zur Gegenwart dar», erklärt die künstlerische Leiterin Ruth Widmer im Gespräch. Doch auch die moralische Dimension wird bei der rund zweistündigen Führung an unterschiedliche Orte im Einkaufszentrum nicht zu kurz kommen. Wie viele grossen Erfindungen birgt «iThink» ein Dilemma in sich. Sie kann Gutes bringen, Freiheit versprechen, «aber sie kann auch zerstören und als Machtinstrument eingesetzt werden», erklären Sarah Gärtner und Roland Suter, die für Text und Regie verantwortlich zeichnen.

In diesem Sinne ist «iThink» eine universelle Metapher. Als dritter Teil der Serie «Elysium», welche in insgesamt fünf Stücken die Vertreibung aus dem Paradies thematisiert, symbolisiert sie das menschliche Streben nach Erkenntnis. Eva wird zu der coolen App-Entwicklerin «Eve» und propagiert den Einsatz von «iThink». Der Zyklus begann im Sommer mit 2016 mit «Songlines» und der Vertreibung aus dem Paradies als interaktive Live-Performance auf der Wasserfallen im Baselbiet.

Nachfolge gesucht

Theater ausserhalb vom Theater zu machen ist bereits seit über 20 Jahren die Spezialität der Medien- und TheaterFalle. In den letzten Jahren hat sich das Programmieren im öffentlichen Raum und an ungewöhnlichen Orten zum Trend entwickelt. Ruth Widmer sieht sich als «Pionierin für massgeschneiderte Projekte». Nun sucht sie nach einer Nachfolge für ihre Institution, die sie seit über 30 Jahren leitet. Mit dem Abschluss von «Elysium» wird sie sich 2019 von der Theaterleitung zurückziehen.

Wehmut schwingt bei der 62-jährigen deshalb aber nicht mit. Sie sei immer ganz im Hier und Jetzt. Auch an Ideen würde es ihr nicht mangeln. Aber der permanente Kampf um die Finanzmittel sei ihr doch an die Substanz gegangen, das gibt sie zu. Positiv an der Ressourcenknappheit sieht sie jedoch die kurzen Entscheidungswege im Team. Auch das grosse persönliche Engagement und der kreative Zugriff im Organisieren der speziellen Produktionen ist mit Sicherheit ein Erfolgskriterium.

Ohne dies wäre auch «iThink» im Stücki nicht möglich gewesen. Die Betreiber des Einkaufszentrums seien in der Vorbereitung überaus kooperativ gewesen, erzählt Widmer. Wo bereits während der Zwischennutzung der alten Stück-Färberei Kunst und alternativer Lebensstil stattfanden, kehrt nun die Kultur zurück. Widmer wolle die Besucherinnen und Besucher «auch für den Umgang mit Stadtraum und Stadtentwicklung sensibilisieren».

«iThink»: Premiere, 19. Mai (ausverkauft) bis 16. Juni, Lobby Hotel Stücki. Basel.