Versailles

Die «Vagina der Königin» wurde geschändet

Vandalismus: Die umstrittene Skulptur von Anish Kapoor wurde im Schlossgarten von Versailles mit Graffiti verschmiert. Der Künstler lehnt eine Entfernung der Schmierereien kategorisch ab, obschon sie ihn traurig machen.

Es ist vielleicht nicht der geeignetste Ort für zeitgenössische Kunst. In Versailles flanieren am Sonntagnachmittag unter anderem fernöstliche Touristen und französische Royalisten.

Die wenigsten Besucher hatten anfangs Verständnis für das unförmige Riesending, das die zentrale Achse des Versailler Schlossparks ausfüllt.

Durch schwere Felsbrocken zwängt sich ein 60 Meter langes Eisenrohr, das sich an seinem Ende wie ein riesiger Blumenkelch öffnet. Ein dumpfes Brummen liegt dazu über dem Park, von einem fünf Meter tiefen Loch stammend, in dem quirlendes Wasser wie durch den Wirbel in der Badewanne verschwindet, um alsbald wieder hochzuschäumen.

Von der Schmutzecke zu Vagina

«Dirty Corner» (Schmutzecke) heisst das Ensemble, der Volksmund nennt es unverblümter «le vagin de la reine» – die Vagina der Königin. Ihr Autor, der britische Starkünstler Anish Kapoor, hat es selbst als «sehr sexuell» bezeichnet.

Mehr musste er nicht sagen. Zum Beispiel, dass die Skulptur jetzt, wo Frankreich den 300. Todestag von Ludwig XIV. begeht, an das ausschweifende Leben des Sonnenkönigs erinnert.

Kapoor macht den Schlossgarten zu einem einzigen Boudoir, zu einer Spielwiese des Monarchen, aus der sich der rostrote Kelch verdingter Mägde, versuchender Mätressen oder der korsettierten Königin zum Schloss hoch richtet.

Aber diese Symbolik war nicht allen genehm. Schon kurz nach ihrer Errichtung wurde das Opus ein erstes Mal Opfer eines Vandalenaktes. Anfang September verschmierten es Unbekannte mit teils verwirrten, teils antisemitischen Graffiti – Kapoor hat eine irakisch-jüdische Mutter und einen hinduistischen Vater aus Indien. «SS Blutiges Opfer» heisst es da, oder «Zweite Vergewaltigung der Nation durch den Aktivismus des abweichenden Juden».

Kapoor besuchte den Tatort umgehend und erklärte, er sei vor allem traurig. Begleiter erinnerten daran, dass vor einem Jahr schon Paul McCarthys aufblasbare Plastik in Form eines Sexspielzeugs auf dem schicken Pariser Venöse-Platz zerstört worden war.

«Was ist nur mit Frankreich los? Das ist doch das Land von Mai 1968, der Atem der Freiheit!», meinte Kapoor. Zugleich weigerte er sich kategorisch, die Schmierereien entfernen zu lassen.

«In diesen schwierigen Zeiten, in denen überall auf der Welt Kunstwerke Zielscheiben des Hasses werden, ist es unsere Pflicht, die Skulptur bis zum Ende der Ausstellung im November beizubehalten», erklärte der 61-jährige Brite.

Reinigen nein, überwachen ja

Schlossverwalterin Catherine Begard brachte immerhin ein Schild an, auf dem der «untolerierbare Akt» verurteilt wird. Nach einer dritten Verschandelung vergangene Woche wünscht Kapoor nun immerhin eine Überwachung des Ortes. Aber die Entfernung der Graffiti kommt für ihn nicht infrage.

Offenbar trage die Skulptur den Namen «Schmutzecke» zu Recht, meinte er. Frankreich fällt es zwar schwer, die hingepinselten oder -gesprayten Sprüche stehen zu lassen – immerhin erfüllen sie einen vom Gesetz mit bis zu sieben Jahren Haft bestraften Rechtstatbestand, wie Kulturministerin Fleur Pellerin betonte. Aber sie prangen nun weiter in weisser Farbe auf der Skulptur.

Zum Teil angezogen von Schlagzeilen in der französischen Presse bleiben die Besucher auf ihrem Sonntagsspaziergang nun vor dem Kunstwerk stehen. Ganze Gruppen bilden sich, um zu diskutieren – und nun äussern die meisten Besucher Wohlwollen für Kapoors Werk.

Die einen finden, der anstössige Riesenkelch wirke in der noch viel gewaltigeren Parklandschaft gar nicht mehr so übertrieben gross; andere können der eindeutig anregenden Installation gar ein Schmunzeln abgewinnen.

Alle aber schütteln den Kopf über die unflätigen Inschriften. Deren Absicht wurde durch Kapoors Insistieren gegenüber den reinigungswilligen Behörden in ihr Gegenteil verkehrt: Mit einem Mal entdecken die Sonntagsgäste ganz ungewohnte Aspekte in der herrlichen Kulisse des Versailler Schlossparks.

Wer weiss, hätte sogar Kunstliebhaber Ludwig XIV. seine helle Freude daran gehabt.

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