Kunst in der bz

Die Zeitung macht Platz für die Kunst

«Kunst in der bz» von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger

«Kunst in der bz» von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger

Heute startet unsere Zeitung mit der Reihe «Kunst in der bz». Die Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Baselland und dem Kunstmuseum Basel reiht sich in eine lange Traditionslinie ein.

Heute lohnt sich der Spaziergang an den Kiosk, um dort eine Ausgabe der «bz» zu kaufen. Darin gibt es ein Geschenk für unsere Leserinnen und Leser. Im Kulturteil finden Sie das ganzseitige Bild einer Frau mit einer Krone aus Brot. Das Künstlerpaar Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger hat dieses Werk extra für diese Ausgabe entworfen. Es ist der Auftakt zur Reihe «Kunst in der bz». Bis zum 4. Juni werden sieben weitere Künstlerinnen und Künstler es Steiner/Lenzlinger gleichtun. Damit wird die Kunst für einmal nicht zum Gegenstand der Kritik, sondern zum eigentlichen Inhalt der Zeitung.

Kuratiert wird die achtteilige Reihe von Ines Goldbach, Direktorin am Kunsthaus Baselland und von Anita Haldemann, Leiterin des Kupferstichkabinetts und Kuratorin am Kunstmuseum Basel.

Die gemeinsame Aktion macht diese Zeitung zum öffentlichen Raum für die Kunst, bewusstermassen gerade jetzt, wo die Räume der Kunst geschlossen sind. Die Reihe bietet den Künstlerinnen und Künstlern Gelegenheit, sich mit dem Medium Zeitung in Zeiten von Corona auseinanderzusetzen und sie als Plattform zu nutzen. Damit setzen sie und die Zeitungsmacher eine Tradition fort, welche die Medien seit ihrer Entstehung begleitet.

Die Wechselwirkung zwischen Presse und Kunst

Zeitungen sind seit gut 200 Jahren massgeblich an der Verbreitung kultureller Inhalte beteiligt. Schon die ersten Ausgaben enthielten Kunst-, Theater oder Literaturbesprechungen. Seither trägt der Kulturteil wesentlich zum Diskurs und zur Sichtbarmachung der Künste bei. Als willkommene Nebenwirkung wurde der gepflegte Feuilleton für Jahrzehnte zum intellektuellen Aushängeschild anspruchsvoller Medienprodukte.

Ob dies im Zuge der Digitalisierung weiterhin so bleibt, wird die Zeit weisen. Dass ein Traditionsblatt wie der «Tages Anzeiger» aufgrund von Klickzahlen dem Ressort Kultur die Autonomie nimmt und es dem Ressort Leben unterstellt, zeigt zumindest, dass auch die Tradition des Feuilletons endlich ist. Gerade darum lohnt der Blick zurück auf die bewegte Beziehung von Kunst und Presse.

Genauso wie die Kunst Inhalt der Zeitung geworden ist, wurde die Zeitung mit den Jahren zum Inhalt der Kunst. Lovis Corinth oder Paul Cezanne rückten den Zeitungsleser bereits im 19. Jahrhundert ins Bild. Pablo Picasso, George Braque oder Kurt Schwitters verwendeten Zeitungen als Collage-Element. Dieter Roth fertigte aus ihnen Würste, Christo hat den «Spiegel» verpackt, Barbara Kruger die Schlagzeile zur Kunst erhoben, Mario Merz fertigte aus Zeitungsbündeln Skulpturen, Christian Boltanski hat Fotoarchive von Zeitungen in Installationen verwandelt. Die wenigen Beispiele zeigen, wie weitläufig das Feld der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Printmedien ist.

Die Presse schafft die Öffentlichkeit, welche die Kunst sucht. Die Kunst wiederum reflektiert Funktion und Mittel der Presse. Ab den Siebzigerjahren wurde diese Wechselwirkung von geschriebenem Wort und bildender Kunst nochmals erweitert. Zeitungen wurden zur Plattform der Kunst. Eine Pionierrolle im deutschsprachigen Raum spielte dabei Basel.

Ein Kunstmuseum im Zeitungsformat

1972 startete die Basler «National Zeitung» mit einem aufsehenerregenden Projekt. Auf Anregung des Künstlers Herbert Distel erschienen über den Zeitraum von 52 Wochen ebensoviele ganzseitige Arbeiten von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern. Alles, was Rang und Namen hatte, war dabei: Meret Oppenheim, H.R. Giger, Samuel Buri, Franz Eggenschwiler, Dieter Meier oder Jean Tinguely. Die Serie wurde zu einer Bestandesaufnahme der damaligen Schweizer Kunst, zu einem Museum im Zeitungsformat und wurde Gegenstand musealer Ausstellungen, wie 1974 im Bündner Kunstmuseum.

Die «National Zeitung» bezeichnete die Aktion als «eine einzigartige Chance, die langersehnte Öffnung nach aussen herzustellen». Dass Kunst helfen kann, ein zeitgenössisches Selbstverständnis zu portieren, entdeckten in der Folge auch andere Medienhäuser.

Das Basler Beispiel macht Schule

Seit 1990 übergibt die «Süddeutsche Zeitung» einmal pro Jahr die komplette Gestaltung einer Ausgabe ihres Magazins einem zeitgenössischen Künstler, jeweils in der 46. Kalenderwoche, deshalb der Name «Edition 46». Die «Frankfurter Rundschau» publizierte in den Jahren 1978 bis 2001 regelmässig Künstlerbeiträge. Zur Jahrtausendwende startete die grösste deutsche Boulevardzeitung mit der jahrelang fortgesetzten Reihe «Bild im BILD».

Zeitungen wie «Die Welt» oder «Die Frankfurter Allgemeine Zeitung» laden regelmässig Künstler zur Gestaltung des Bildteils ein. Dieselbe Tradition pflegt das internationale Monatsmagazin «Le Monde Diplomatique». Die «NZZ» kennt die Reihe «Kunst für die NZZ», die «Südostschweiz» realisierte 2014 eine zwölfteilige Serie von Künstlerseiten.

Das Zusammenwirken von Zeitung und Kunst wurde in den letzten Jahren auch in grossen Ausstellungen reflektiert. 2010 präsentierte das Kunstmuseum St. Gallen unter dem Titel «Press-Art» die umfangreiche Sammlung des Ostschweizer Paares Annette und Peter Nobel, die ausschliesslich diesem Thema gewidmet ist. 2012 zeigten der Martin-Gropius-Bau Berlin und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe eine umfangreiche Schau mit dem Titel «Art and Press – Kunst, Wahrheit, Wirklichkeit».

«Kunst in der bz» reiht sich nun in diese weitläufige Tradition ein. In den kommenden acht Wochen wird der tägliche Nachrichtenfluss immer donnerstags unterbrochen mit Beiträgen von Franziska Furter, Rochelle Feinstein, Roza El-Hassan, Sophie Jung, Catharina van Eetvelde, Piero Golia und Daniela Keiser.

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