Eröffnung Kunstmuseum Basel

Direktor Bernhard Mendes Bürgi: «Marketing ist im Kunstbetrieb zu wichtig geworden»

Bernhard Mendes Bürgi im lang ersehnten Neubau.

Bernhard Mendes Bürgi im lang ersehnten Neubau.

Der Traum eines Neubaus erfüllt sich nun für Direktor Bernhard Mendes Bürgi. Trotzdem geht er nach der Eröffnung gerne in Pension. Er erklärt, was er vermissen wird und warum dieser Neubau so wichtig ist.

Herr Bürgi, Sie eröffnen den Neubau und sagen danach Adieu. Haben Sie die Eröffnung als Höhepunkt vor dem Abschied geplant?

Bernhard Mendes Bürgi: Das hat sich sehr gut ergeben, ist aber reiner Zufall.

Schmerzt es, gehen zu müssen, wenn es gerade am schönsten ist?

Generell finde ich es richtig, dass ich nach 15 Jahren intensivster Tätigkeit in Pension gehe. Natürlich trete ich auf einem Höhepunkt ab; ich habe mir diesen Neubau von Anfang an erträumt. Es wäre schon schön gewesen, das neue Instrument mehr auszuprobieren. Wenigstens kann ich es einmal so richtig auskosten.

Was ist für Sie das Beste an diesem «neuen Instrument»?

Wir wollten diesen Neubau unbedingt. Schon als ich neu gekommen bin, habe ich gesehen, dass wir für Sonderausstellungen keine passende Infrastruktur haben. Wir mussten ständig die Sammlung ab- und aufbauen, um Platz zu schaffen.

Wo sind die Knackpunkte?

Es hat erstaunlich wenige. Meine Erfahrung beim Einrichten war, dass alles sehr schön aufgeht – so wie ich es mir vorher im Kopf vorgestellt hatte. Diese Materialisierung von Vorstellungen löst Glücksgefühle aus.

Ist die Grösse fürs Publikum noch machbar?

Bei dieser Grösse kann man auswählen. Man muss nicht das Gefühl haben, alles gesehen haben zu müssen. Der Besucher kann sich auf etwas konzentrieren und findet nun für jeden Bereich beste Bedingungen vor.

Horizonterweiternd: Drohnenflug über den Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel

Horizonterweiternd: Drohnenflug über den Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel

Sie haben 2001 mit «Painting on the Move» Ihren Einstand gegeben. Nun schliessen Sie mit «Sculpture on the Move». War diese Klammer geplant?

Nein. Als ich mit «Painting on the Move» begonnen habe, hat sich die Beschäftigung mit der Malerei aufgedrängt: Weil die Sammlung hierfür so viel bietet. Ich dachte aber schon damals, dass ich das gern irgendwann mit Skulpturen, die im Kunstmuseum immer ein wenig im Schatten standen, weiterführen möchte. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Skulpturbegriff stark geöffnet: Richtung Installation, Land Art, Warenprodukt, und, und, und. Als ich über die Eröffnung des Neubaus nachdachte, hat sich das plötzlich als genau die richtige Ausstellung angeboten. Die Klammer zeigt eine gewisse Konsequenz, dazwischen habe ich Einiges zu formulieren versucht.

Was war denn Ihre wichtigste Formulierung in den 15 Jahren?

Letztlich war die Sammlungs- und Ankaufspolitik meine wichtigste Aufgabe. Mir scheint es wichtig, die Sammeltätigkeit hinter den Kulissen durch Ausstellungen auch fürs Publikum sichtbar zu machen. Zugleich sollen Werke neu betrachtet werden können.

Wie haben Sie die Ankaufspolitik gestaltet, was wurde gesammelt?

Den Schwerpunkt habe ich auf die Gegenwartskunst und Neue Medien gelegt. Mich interessierte der Moment, als die Fotografie so richtig in die Mitte des künstlerischen Schaffens gelangte. Hier konnten wir eine neue Sammlung anlegen: Das hat begonnen mit Olafur Eliasson, Andreas Gursky, Wolfgang Tillmans. Dann, das sieht man nun im Neubau, haben wir praktisch das ganze frühe Fotowerk von Ed Ruscha erworben und die letzte Chance genutzt, Werke von Bernd und Hilla Becher zu kaufen. Hinzu kommen Videoinstallationen, etwa von Pierre Huyghe, Douglas Gordon und Steve Mc Queen. Das paart sich stark mit der Emanuel Hofmann-Stiftung, deren Präsidentin Maja Oeri auch in unserer Kunstkommission sitzt; zusammen konnten wir viel erwerben.

Bei Ihrem Antritt kündigten Sie Gespräche mit Sammlern an: der Daros Stiftung, Staechelin und Im Obersteg. Daros ist nun bei der Fondation Beyeler, Staechelin hat seine Sammlung abgezogen, nur Im Obersteg ist Ihnen treu.

Das ist ein sehr vereinfachtes Fazit! Unser Hauptfokus besteht nicht darin, irgendwelche Privatsammlungen zu akquirieren. Wir sammeln selber. In den letzten Jahren konnten wir mithilfe von Stiftungen und Privatpersonen einige sehr bedeutende Werke kaufen: Ich erinnere etwa an die Verkündigungsbilder von Gerhard Richter. Die Deposita, Werke die uns nicht gehören, sind ein eher schwieriges Kapitel. Ich bin erschrocken, als ich gemerkt habe, wie viele das Museum hat. Meist sind sie unproblematisch, Aber ja, der Abzug der Sammlung Staechelin war spektakuläres Futter für die Journalisten.

Aber der Verlust der 18 Werke tut schon weh.

Ja, natürlich. Aber wir bestehen nicht nur aus dem.

Was sollen Kunstinteressierte in zehn Jahren über die Ära Mendes Bürgi sagen?

(lacht) Vielleicht: Er hat die Sammlung so ausgebaut, dass die höchste Qualität, die das Haus immer hatte, in der Gegenwartskunst weitergeführt wurde.

Sie sind ja kein Fan von Alten Meistern.

Wieso sagen Sie das?

Diese waren weniger häufig in grossen Ausstellungen präsent.

Da muss ich widersprechen. Den Ursprung der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, das Amerbach-Kabinett, halte ich für einzigartig. Mir war wichtig, dass wir mit unseren grossen Stärken im Altmeister-Bereich, Hans Holbein d. J. und Konrad Witz, grosse Sonderausstellungen machen. Dafür musste ich mich stark einbringen, viel Herzblut dreingeben.

Die Fondation Beyeler expandiert nun auch. Die Konkurrenz wächst und wächst.

Wir sind ganz verschiedene Häuser mit ganz anderen Voraussetzungen. Allein das Kupferstichkabinett besteht aus rund 300 000 Arbeiten! Wir sind ein Sammlungshaus, das auch aktiv Ausstellungen macht. Beyeler hat im Gegenzug eine Minisammlung von 280 Werken und konzentriert sich stark aufs Ausstellen.

Überall werden tendenziell immer mehr Ausstellungen gemacht. Läuft man – gerade in Basel – nicht in Gefahr einer Übersättigung, einer Kunstblase?

In jeder grossen Stadt gibt es mehrere Institutionen, die auf einem Feld aktiv sind. Das ist auch belebend. Die Qualität unserer Sammlung ist so hervorragend, dass wir endlich zusätzliche Aspekte zeigen können.

Museen machen mehr Marketing, kämpfen stärker ums Publikum. Das Kunstmuseum ist da eher diskret. Forschen und Sammeln sind nicht primär sexy: Ist das ein Hindernis fürs Haus?

Marketing ist im Kunstbetrieb wichtiger, für meine Begriffe zu wichtig geworden. Man muss sich fragen: Will man nur das Publikumsinteresse ins Zentrum stellen – oder eben auch die anderen Aufträge? Mir war immer wichtig, diesen ganzen Bogen zu bearbeiten. Forschung – auch im Bereich der Alten Meister – zu fördern, Projekte zu verfolgen, die vielleicht nicht so populär sind, aber relevant. Und bei populäreren Ausstellungen hatten wir den Anspruch, eine neue Sicht oder eine Vertiefung und wissenschaftliche Begleitung zu bieten.

Wie hat sich Ihr Job-Profil geändert? Sind Sie vom Kurator zum Manager geworden?

Ich habe mir das Recht und die Freude, Ausstellungen zu machen, nie nehmen lassen. Es gibt viele Kollegen, die vor lauter Repräsentation und Fundraising keine Zeit mehr dafür haben. Man verliert so das Gefühl für den Betrieb. Ein künstlerisch denkender Mensch sollte eine solche Institution leiten! Selbst in den USA passiert im Moment eher eine Umkehr: weg von den PR-Leuten und Managern, wieder hin zu künstlerisch geprägten Direktoren.

Als Leiter der Kunsthalle Zürich konnten Sie Zürich als Hotspot der zeitgenössischen Kunst stärken. Sie sagten nach Ihrem Wechsel, Basel könne hier Terrain gutmachen. Ist das passiert?

Teil, teils. Die institutionelle Vermittlung funktioniert hier sehr, sehr gut. Der Kunstmarkt, die Galerien und die Szene der jungen spannenden Künstler ist in Zürich aber viel interessanter und grösser. In Basel sind in den letzten Jahren aber einige interessante Artist Spaces aufgeblüht, in Zürich haben sie eher abgenommen.

Wenn Sie nun pensioniert werden, gibt es Dinge von denen Sie sagen: Gott sei Dank, muss ich das nicht mehr machen?

(lacht) Das gibts. Die Auflagen beim Leihverkehr, bei Verträgen, bei der Sicherheit und beim Personal brauchen immer mehr Zeit. Ich freue mich darauf, diesen administrativen Rucksack abzulegen, und mich nun ganz nach eigener Lust und Laune mit Kunst zu beschäftigen.

Was werden Sie vermissen?

Die Sammlung. Mit solchen Werken zu leben, ist grossartig. Vermissen werde ich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wenn Sie ein einziges Werk der Sammlung vor der Sintflut retten könnten. Welches wäre das?

Das ist sehr schwer … (zögert) Ich würde (zögert) Ich würde in den Saal mit der klassischen Moderne gehen und … und das «Dschungelbild» von Henri Rousseau retten.

Warum?

Es hat eine archaische Kraft, etwas Geheimnisvolles. Vielleicht müsste ich sagen, als Direktor des Kunstmuseums rette ich den «toten Christus» von Holbein. Es ist ein wunderbares, wichtiges Bild, es geht mir durch Mark und Bein. Aber als mein Begleiter auf die einsame Insel möchte ich nicht den Tod mitnehmen.

Wenn Sie ein beliebiges Werk fürs Kunstmuseum wünschen könnten. Was würden Sie wählen?

«La danse» von Henri Matisse. So ein richtig grosser, beschwingter Matisse fehlt uns.

Was ist für Sie das Essenzielle an der Kunst? Warum haben Sie ihr Ihr Leben gewidmet?

Das war kein rationaler Entscheid. Sie hat mich angezogen, auch weil sie ein Korrektiv zu unserer rational ausgerichteten Gesellschaft ist. Kunst ist ein Gegenmodell, sie war für mich in jungen Jahren gar eine Art Versprechen für eine bessere Welt. Künstler kreieren und produzieren, das sind positive Impulsive. Der Dialog mit ihnen ist spannend und lehrreich. Diese Faszination hält bis heute. Kunst ist ein Teil von mir.

Bei Ihrer Wahl 2001 war der Basler Daig not amused. Fühlen Sie sich unterdessen als «Schwiegersohn» akzeptiert?

Ich glaube, ich bin sehr akzeptiert in Basel. Ich bin nicht vehement eingefahren, sondern habe mich gleitend eingefügt.

Bleiben Sie in Basel wohnen?

Nein… (zögert) ich werde nach Zürich ziehen.

Das ist ein Schlusssatz!

(Gelächter) Es ist nicht als Affront gemeint. Mein Lebenspartner und ich haben in Zürich eine Wohnung, er arbeitet dort. Und vielleicht tut ein bisschen Distanz zu Basel und zum Museum gut, um mich abzunabeln. Wie oft werde ich heute im Alltag, beim Einkaufen doch angesprochen. Zürich ist viel anonymer.

360°-Video: Sehen Sie sich im neuen Kunstmuseum-Bau um:

Das neue Kunstmuseum 360 Grad

Das neue Kunstmuseum im 360 Grad-Video

Wie das geht? Wenn Sie am Computer oder Laptop sitzen, dann starten Sie das Video (am besten im Internetbrowser von Google Chrome) und navigieren sie mit klicken und ziehen oder mit der Steuerung oben links, um sich in den Räumen umzusehen.

Mit Tablet oder Smartphone macht es aber noch viel mehr Spass. Hier können Sie einfach ihr Gerät bewegen, ums sich während des Abspielen des Videos in den Kunstmuseum-Räumen umzusehen. Wichtig dabei: Öffnen Sie das Video immer mit der Youtube-App, indem Sie auf das Youtube-Symbol in der rechten unteren Ecke des Videos klicken.

Die Youtube-App herunterladen:

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