Zürich

Direktor Christoph Becker: «Das neue Kunsthaus wird kein Moloch à la Louvre»

Baustellen prägen das Bild des Kunsthauses Zürich: Hinten wächst der Neubau, vorne sperren Baumaschinen den Altbau. Direktor Christoph Becker sieht es als Durststrecke.

Baustellen prägen das Bild des Kunsthauses Zürich: Hinten wächst der Neubau, vorne sperren Baumaschinen den Altbau. Direktor Christoph Becker sieht es als Durststrecke.

Christoph Becker, Direktor des Kunsthauses Zürich, erklärt, warum Museen wachsen müssen, wie er eine Defizit-Falle vermeidet und was das Publikum heute erwartet.

Christoph Becker, seit 18 Jahren Direktor des Kunsthauses Zürich, ist auch Baumanager. Zuerst sanierte er den Altbau, jetzt ragt die Erweiterung als Rohbau in den Zürcher Nebel und umklammert das Kunsthaus mit einer Baustelle. Im Moment eine Belastung, für die Zukunft eine grosse Chance, wie Becker auf dem Dach der Villa Tobler erklärt. Sein Büro liegt in der bel étage der Villa, ist gross, aber karger eingerichtet als man es bei diesem Mann vermutet, der seine schicken Anzüge gerne mit farbigen Akzenten und nichtschwarzen Socken trägt.

Herr Becker, beginnen wir mit dem Unangenehmen: 2017 verlor das Kunsthaus 90 000 Besucher und fuhr ein Defizit von 122 000 Franken ein. Wie sieht es aktuell aus?

Christoph Becker: Die Baustelle ist ein Synonym für die Durststrecke, die das Haus durchläuft. Erst Mitte 2019 wird sich die Baustelle auflösen und den Haupteingang wieder freigeben. Dann hat der Erweiterungsbau eine elegante, einladende Fassade und sieht nicht mehr aus wie ein Ungetüm. Es ist ein Problem, aber das kennt jede Metzgerei, die eine Baustelle vor der Tür hat.

Die Metzgerei produziert in einer solchen Situation weniger Würste oder macht Aktionen. Und Sie?

Wir drehen nicht auf Sparflamme. Auch weil wir finden, wir müssen den Besucherinnen und Besuchern gleich viel bieten, auf gleich hohem Niveau – auch wenn es weniger sind.

Im Juli war der Rohbau fertig, aber Sie eröffnen den Erweiterungsbau von David Chipperfield erst Ende 2020. Warum dauert das so lange?

Erstens steckt hinter den schlicht und edel anmutenden Räumen ein technisches Ungetüm. Wir werden Milliardenwerte für Jahrzehnte, vielleicht für Jahrhunderte darin aufbewahren. Es muss halten, muss sicher sein. Diese komplexe Technik kann man nicht in einigen Wochen hineinbugsieren. Zweitens soll es eine hohe ästhetische Qualität haben. Museen sollen auch zeigen, wie schön Architektur sein kann. Aber bedenken Sie, die Erweiterung hat fast zwanzig Jahre gedauert, nun kommt es auf ein paar Monate nicht mehr drauf an.

Bleiben wir im Jetzt: Der Blockbuster 2018, die Ausstellung «Robert Delaunay und Paris», schliesst am 18. November. Zufrieden?

Wir hatten ein grossartiges Echo in den Medien, was aber nicht heisst, dass uns die Leute die Bude einrennen. Es bleibt schwierig. Der Jahrhundertsommer hat zudem vielen Kulturinstitutionen zugesetzt – aber das darf keine Ausrede sein. Das gute Wetter wird uns erhalten bleiben und wir müssen schauen, wie wir Leute trotz 30 Grad ins Kunsthaus oder ins Kino bringen.

Wie?

Wir müssen den Leuten zeigen, dass es angenehm und kühler ist im Kunsthaus. Und der Weg ins Museum muss der Jahreszeit angemessen sein. Stichworte: Schatten, schattiges Café … Das Museum muss sich stärker aufs Ankommen und Weggehen ausrichten.

So wird das neue Museum! Der englische Architekt David Chipperfield (links) und Kunsthausdirektor Christoph Becker präsentieren im September 2009 das Modell des Erweiterungsbaus. Es wird eine richtige und monumentale «Schweizer Kiste» mit Sandsteinfassade und grossen Fenstern.

So wird das neue Museum! Der englische Architekt David Chipperfield (links) und Kunsthausdirektor Christoph Becker präsentieren im September 2009 das Modell des Erweiterungsbaus. Es wird eine richtige und monumentale «Schweizer Kiste» mit Sandsteinfassade und grossen Fenstern.

Man generiert also Besucherzahlen mit dem Drum und Dran?

Das Ambiente ist heute viel wichtiger als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Museen brauchen heute eine gute und schnell funktionierende Gastronomie, da haben wir noch Nachholbedarf.

Und wie generieren Sie Eintrittszahlen mit der Kunst?

Das Kunsthausprogramm ist immer eine wilde Mischung aus leicht und schwierig: Eingängiges und Sperriges und Kunst, die zum Widerstand anregt, sehen wir als unsere Aufgabe. Die Kunstgesellschaft hat es immer so gemacht – und es war ein guter Weg. Unser Profil hat sich geschärft mit Veranstaltungen, die nicht ganz Mainstream waren. (zögert) Aber natürlich machen wir auch Mainstream.

Was ist Mainstream?

(lacht) Die Frage musste jetzt kommen! Ja, was ist Mainstream? Ist «Delaunay und Paris» schon Mainstream – oder zeigen wir nicht doch einen Aspekt auf, den man so nicht kannte? Wir würden nicht einfach eine Retrospektive machen, um Leute anzuziehen.

Die Zürcher Kunstgesellschaft, ein Verein, trägt das Kunsthaus. Mit Walter Kielholz haben Sie einen starken Präsidenten. Wie stark entscheidet der Vorstand mit?

Der Vorstand der Kunstgesellschaft mischt sich traditionell nicht in das operative und das künstlerische Geschäft ein. Er hat eine Aufsichtsfunktion und eine vermittelnde Funktion im politischen Gefüge.

Und könnte ein Veto kommen? Im Sinne von: Diese Ausstellung dürft ihr nicht machen, damit fährt ihr den Betrieb an die Wand.

Wir wissen schon selber, wann die Zahlen kritisch werden. Im Ausstellungswesen haben wir eine über 100-jährige Erfahrung. Länger als die meisten Museen in Europa. Wenn wir etwas machen, das wenig Publikum bringt, dann müssen wir es nicht nur wollen, sondern es uns auch leisten können. Ebenso die Kritik oder das Anecken.

Zum Beispiel mit zeitgenössischer Kunst.

Ja. Aber der Vorstand sagt nicht, ihr dürft keine zeitgenössische Kunst zeigen, da kommen zu wenig Leute. Er funktioniert wie ein Sounding Board: Es sind Leute aus der Wirtschaft, der Politik, Sammler. Er wird informiert über das Programm und es kann sein, dass ein Vorschlag kommt. Wenn er die Kuratorinnen und Kuratoren aber nicht interessiert, nehmen wir ihn nicht auf.

Wie stark redet Ihr Team mit?

Wir gehen bei der Programmierung sehr teamorientiert vor, weil es ein praktischer Umgang mit den Ressourcen ist. Die Kuratorinnen und Kuratoren haben Themen in ihrem Portfolio, die sie gut beherrschen. Da wäre es falsch zu verlangen, mache was, was dich nicht interessiert. Ein Projekt hat einen Vorlauf von ein bis drei Jahren, diese intensive Arbeit muss Spass machen, sonst ist das Resultat nicht lustig und nicht interessant für das Publikum.

Wie haben sich die Erwartungen des Publikums an die Kunst geändert?

Die Erwartung an die Kunst hat sich wenig geändert. Aber das Publikumsverhalten gegenüber der Kunst hat sich stark verändert. Noch vor einer Generation kamen die Besucherinnen und Besucher meist allein. Heute verabredet man sich, geht in einer Gruppe oder zu einer Führung. Das Museum als ein Ort der besinnlichen Einkehr ist nicht mehr so in Mode. Was nicht heisst, dass die Kommunikation zwischen den Betrachtern und dem Kunstwerk sich fundamental geändert hat. Der Reiz des Originals ist ungebrochen.

Trotz Digitalisierung?

Im Gegenteil. Die Digitalisierung führt eher dazu, dass die Leute den analogen Zugang neu schätzen lernen. Dass sie neugierig sind, sich unmittelbar mit einem Objekt zu beschäftigen, das nicht durch einen technischen Kanal vermittelt wird. Unsere Aufgabe ist es, diese Sinnlichkeit stärker zu betonen.

An die Lust der Besucher, Selfies zu machen, haben Sie sich gewöhnt?

Das alte Fotografierverbot, das eigentlich ein bisschen blöd war, ist aus den Museen so gut wie verschwunden. Man hat sich daran gewöhnt – und es ist auch nichts Schlechtes dabei.

Bei der Programmierung brauchen Sie bis drei Jahre Vorlauf. Der Erweiterungsbau wird in zwei Jahren eröffnet. Was zeigen Sie?

Zur Eröffnung wollen wir erst mal zeigen, wie das Haus von David Chipperfield aussieht. Schauen, ob es den Leuten gefällt, ob es funktioniert, ob sich unsere Arbeit, bestimmte Sammler ans Kunsthaus zu binden, gelohnt hat.

Also die Sammlungen Bührle, Looser und Merzbacher, die Sie schon mal gezeigt haben?

Ja, das war wichtig. Wenn sie nicht auf Neugier, Zustimmung, ja Begeisterung gestossen wären, hätte das Konsequenzen gehabt, für die Erweiterung und die Verträge mit den Sammlern.

Die drei Sammlungen zeigen Sie im Neubau …

… und dazu sehr viel von unserer eigenen Sammlung. Wir sind kein Museum für private Sammler, sondern kooperieren mit ihnen, weil ihre Werke für Zürich, für die Schweiz und für unsere Sammlung besonders wertvoll sind.

Wie weit reden diese drei Sammler, Sammlungsvertreter mit?

Sammler sind starke Persönlichkeiten, sonst wären sie nicht Sammler geworden. Solche Persönlichkeiten müssen ein starkes Gegenüber haben, gelegentlich gibt es Krach und es braucht auch klare Worte und eine Linie. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass Sammler ihre Werke der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Heute sammeln Museen Sammler, sagte ein deutscher Museumsdirektor, weil Museen sich im Kunstmarkt kaum mehr Ankäufe leisten können. Sammeln Sie so weiter?

80 Prozent unserer Sammlung bestehen aus Donationen von Privaten. Die Kunstgesellschaft war nie in der Lage, grossen Besitz anzuhäufen, und in Zürich fehlen aristokratische Sammlungen. Viele Menschen waren bereit, dem Verein Kunst zu schenken. Dem Staat oder der Stadt hätte man sie wohl weniger anvertraut.

Was Sie noch nicht beantwortet haben: Mit welchem grossen Thema eröffnen Sie den Neubau?

Braucht es eine grosse Wechselausstellung zur Eröffnung? Sie sind anspruchsvoll, teuer und brauchen Aufmerksamkeit. Ist das neben den Sammlungen, beim grossen Zulauf am Anfang, nicht zu viel? Wir wollen aber mit einer kleinen Ausstellung zeigen, dass hier auch Sonderschauen stattfinden.

Als Gegensatz zu den Sammlungen könnte es etwas Zeitgenössisches, Interaktives sein wie die mutige Schau mit Abraham Cruzvillegas.

Wir haben nächste Woche eine Retraite mit den Kuratorinnen und Kuratoren über die Eröffnung. Danach sollte es klar sein. Eine Idee ist, etwas über die Wechselwirkung von Kunst und Publikum zu machen. Denn wir fragen uns ja, wie kommen wir mit den Menschen in Kontakt, wie nehmen wir ihre Erwartungen auf und wie begeistern wir sie künftig für Kunst, fürs Museum?

In den letzten beiden Jahren haben Sie damit experimentiert …

… genau! Wir haben verschiedene Formen ausprobiert, um mit unterschiedlichen Gruppen zu interagieren. Dabei haben wir festgestellt, dass die Idee der sogenannten Zielgruppen ein soziologischer Unfug ist. Die Gesellschaft ist in ihren Vorlieben, Abneigungen, ihrem Altersverhalten sehr durchlässig geworden. Das macht das Marketing wie die Programmierung anspruchsvoller.

In der Schweiz definieren Sie sich als das grösste Museum. Wo stehen Sie im internationalen Vergleich?

Wir haben vor 15 Jahren intensiv untersucht, welches Potenzial unser Haus hat, aber auch die Stadt. International spielt unser Institut eine herausragende Rolle: Wir kooperieren mit allen grossen Häusern in Europa und den USA, auch in Asien. Wir sind ein sehr gefragter Partner wegen unserer Zuverlässigkeit, schnellen Entscheiden und unserer Beweglichkeit.

Wenn ich von grossen Häusern rede, rede ich vom Louvre, der Tate Modern. Spielen Sie in dieser Liga?

Das ist schwer zu vergleichen. Tate und Louvre sind uns quantitativ um ein Mehrfaches überlegen. Qualitativ können wir durchaus mithalten, sowohl was das Ausstellungsprogramm, die kuratorische Leistung oder die Spitzen unserer Sammlung angeht. Für mich war wichtig, die Sammlung so zu profilieren, dass sie uns Renommee bringt und uns als Leihgeberin attraktiv macht. Wir sind oft schlagkräftiger als Institutionen, die durch ihre schiere Grösse schwerfällig geworden sind. Das wird sich auch mit dem neuen Haus nicht ändern, das Kunsthaus wird kein Moloch à la Louvre oder Metropolitan.

Was man oft verdrängt, ist der teurere Betrieb nach einer Erweiterung. Jetzt haben Sie 22 Millionen Franken Betriebsaufwand. Wie vermeiden Sie eine Defizitfalle, wie sie dem Kunstmuseum Basel passierte?

Wir brauchen ungefähr 30 Prozent mehr Geld. Diese zusätzlichen Betriebskosten waren Teil der Volksabstimmung. Die rund 30 Millionen sind auf einer soliden Grundlage kalkuliert.

Weltweit wie auch in der Schweiz boomen Museumserweiterungen. Ist das sinnvoll?

Die Museen sind aus kleinsten Anfängen entstanden und immer weiter gewachsen. Als man vor 110 Jahren das Museum hier baute, hat eine Eingangshalle von lediglich 150 Quadratmetern genügt. Eigentlich bestimmt das Publikum die Erweiterung: Will es einen stillen Tempel des Guten und des Schönen oder einen Ort des Austausches, der Integration und der gesellschaftlichen Teilhabe? Wir plädieren für die zweite Identität – als Kinder unserer Zeit.

Wenn wir über Identität sprechen: Was ist Ihre Kernaufgabe? Baumanager, Chefkurator, Sammlerjäger?

Meine Aufgabe als Direktor ist, etwas zu ermöglichen. Das macht mir am meisten Spass. Wir haben einen Pool von kreativen Ideen und Menschen – aus diesen vielen Ideen eine grosse Idee zu formen und sie Realität werden zu lassen, dafür versuche ich die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. Dabei halte ich mich übrigens gerne im Hintergrund – und verschwinde hinter dem Werk.

War das nun eine verkappte Rücktritts-Erklärung?

Die Eröffnung und das Funktionieren der Erweiterung will ich sehen. Dann habe ich gezeigt, dass es geht – und dann gibt es keinen Grund, ewig weiterzumachen. Mir hat es hier immer gut gefallen. Die Möglichkeit, aus dem beschaulichen Kunsthaus eine grosse Institution zu machen, hat mich davon abgehalten, Zürich zu verlassen. Ich glaube, in Europa ist es der beste Job.

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