2010. Er hatte gerade so viele neue, aufregende Zukunftspläne. Seinen Brotjob als Zeichenlehrer hatte er nach zehn Jahren zu kündigen gewagt. Nun streckte Reto Gloor seinen Stift in Richtung des grossen französischen Comicmarkts aus. Er hatte ein vielversprechendes Projekt in Aussicht. «Ich begann zu zeichnen. Ich war voller Motivation. Es fühlte sich gut an. So hatte ich es mir vorgestellt», schreibt er in der Graphic Novel «Das Karma-Problem». Dann, auf derselben Comicseite, zuunterst in einem flachgedrängten, schwarzen Feld, folgt die Beobachtung, deren Ursache er nicht mehr lange verdrängen konnte: «Warum bloss brachte ich keine gerade Linie mehr zustande?»

«Ligne Claire» heisst der klassische Zeichenstil, an dem sich Reto Gloor bis dahin orientiert hatte. «Bleistift, Feder, Pinsel, schwarze Tusche auf weissem Papier, damit zeichnete ich in über dreissig Jahren ein paar Hundert Comicseiten.» Zum Beispiel die Geschichte des Aargauer Ein- und Ausbrecherkönigs Bernhard Matter. Oder diejenige von «Meyer & Meyer», zwei einflussreichen Aarauer Persönlichkeiten zur Zeit, als Aarau 1798 ein halbes Jahr die Hauptstadt der Schweiz war. Dieser Band erscheint diesen November neu.

Von der Tusche zur Maus

2011 konnte Reto Gloor den Stift nicht mehr kontrolliert führen. Ein Neurologe hatte ihm schon das Jahr zuvor eine Diagnose gestellt, «so übel, dass ich sie lange Zeit nicht an mich heranliess»: MS, Multiple Sklerose. «Zwei hässliche Wörter bilden den Namen für eine hässliche Krankheit.» MS greift das zentrale Nervensystem an. Reto Gloor bekam zunehmend Probleme mit dem Gleichgewicht. Er fiel wiederholt vom Fahrrad, er musste das Tangotanzen aufgeben, er brauchte beim Treppensteigen ein Geländer; bald lief er am Stock. Als er nicht mehr zeichnen konnte, hatte er das Gefühl, seine Identität zu verlieren.

Nun liegt trotzdem ein neuer Comicband von Reto Gloor vor. Er ist umgestiegen: von Tusche und Feder auf Bildschirm und Maus. Er hat sich das Zeichnen neu beigebracht. Heute sieht er das als Weiterentwicklung seines Schaffens an. Er zeichne nicht auf dem Computer, «nur weil es nicht anders geht», sondern weil es «Spannung» bringe. Es sei, als stünde er am Anfang – aber mit allen gesammelten Erfahrungen. Neu ist auch, dass er den Text zu den Bildern selbst verfasst hat. Das liegt nahe: Er hat die Geschichte seiner Erkrankung dokumentiert.

MS gilt als unheilbar. Man weiss wenig über die Krankheit, ihre Ursache ist unbekannt. Gloor ist von einer stetig fortschreitenden Form betroffen, gegen die es keine Medikamente gibt. Gloor beschreibt, wie er es mit Homöopathie, Algenpräparaten und Akupunktur versuchte. Wie ihn Verzweiflung und Depression überkamen. Und wie er inzwischen mit seiner Situation umzugehen gelernt hat.

«Ich lebe im Augenblick»

Er bleibt seinem schlichten, klaren Stil treu. Die Bilder sind schwarz-weiss, dazu kommt als einzige Farbe ein Aquamarinblau. Auch sprachlich hält er sich zurück. Er habe diese Arbeit nur mit einer gewissen Distanz machen können – und sie habe ihm geholfen, Distanz zu gewinnen. Es möge klischiert klingen, doch er geniesse nun die kleinen Dinge. Seine Prognose sei nicht rosig. «Aber ich versuche, möglichst wenig zu grübeln und ganz im Augenblick zu leben.»

Reto Gloor Das Karma Problem. Edition Moderne, Zürich 2015. 96 S., 35 Fr.
Vernissage Sa, 5. 9., 15–17 Uhr, Comix Shop, Basel.