Politiker-Serie (2/20)

«Ein Buch, das mich geprägt hat» – Thierry Burkart über Dürrenmatts Kriminalroman «Justiz»

Thierry Burkart (43), Nationalrat, Aargau. Mario Heller

Thierry Burkart (43), Nationalrat, Aargau. Mario Heller

Der Aargauer FDP-Nationalrat Thierry Burkart (43) stellt Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman «Justiz» vor: «Ein heiterer und aufrüttelnder Schock.»

Ein Politiker erschiesst in einem Restaurant vor illustrer Zeugenschaft einen Germanistik-Professor und wird zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Gefängnis lässt er einen jungen Anwalt zu sich kommen und erteilt ihm den Auftrag, den Fall unter der Annahme neu zu untersuchen, er sei nicht der Mörder gewesen. Es ist der scheinbar sinnlose Auftrag, die Unschuld eines Schuldigen genauer zu untersuchen. Schliesslich obsiegt nicht die Gerechtigkeit. Die Justiz wird Spielball machtvoll vertretener Einzelinteressen.

Der grosse Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt nutzt nicht einfach die Gelegenheit zur Gesellschaftskritik. Vielmehr zeichnet er in seinem mitunter skurrilen und witzig geschriebenen Roman erschreckend nüchtern die Realität nach. Das Werk ist in seinen Aussagen gnadenlos. Recht ist nicht immer gerecht. Vielmehr: Recht ist oft auch ungerecht. Dürrenmatt schloss 1985 die Arbeiten an «Justiz» ab. 33 Jahre später hat das Buch nichts an Aktualität verloren. Die Thematik hat sich vielmehr akzentuiert.

Ich habe «Justiz» zum ersten Mal als Gymnasiast gelesen. Der Roman liest sich aufs Erste wie ein Krimi, geht aber weit über das Genre des Kriminalromans hinaus. Es ist ein Gesellschaftsroman und ein philosophisches Werk über Recht und Gerechtigkeit, über Mögliches und Wirkliches und über die Wahrheit hinter der Wahrheit. Diese Themen treiben mich seit meinen Jugendjahren um und begleiten mich heute sowohl als Rechtsanwalt wie auch als Politiker und Staatsbürger. Dürrenmatts «Justiz» versetzte mir einen wohl heiteren, aber eben auch aufrüttelnden Schock.

Als Parlamentarier weiss ich um die Verantwortung als Gesetzgeber. Raison d’être aller Parlamentarier ist der gemeinsame Wille, den rechtlichen Rahmen unserer Gesellschaft so zu schaffen, dass die Werte Freiheit und Gerechtigkeit garantiert sind. Die Umsetzung wird aber je nach ideologischem Weltbild und vertretenen Interessen unterschiedlich interpretiert. Was für die einen übers Recht zu vermeintlich mehr Gerechtigkeit führt, ist für die anderen eine Fessel, die Entwicklungen behindert oder verunmöglicht. Der Trend zu mehr Regulierung ist nicht zu übersehen. Damit gerät die freie Gesellschaft zunehmend unter Druck. Da die Wirklichkeit komplexer ist, als dass sie präzise in Gesetzen abgebildet werden könnte, ergeben sich bei der Gesetzgebung gewollte Unschärfen der Regelung, die den nötigen Interpretationsspielraum schaffen. Es ist Aufgabe der Justiz, diesen Spielraum zu nutzen, ohne den gesetzgeberischen Willen zu missachten. Als Rechtsanwalt habe ich mich regelmässig damit auseinanderzusetzen. Es ist schliesslich aber eine gesellschaftliche Aufgabe.

Die Parallelen zur Politik

«Die Justiz wohnt in einer Etage, in der die Gerechtigkeit keinen Zutritt hat.» Diese Kernaussage des Romans ist zugespitzt und in dieser Absolutheit sicher nicht richtig. Recht kann und muss ausgelegt werden. Dabei geht es nicht einzig um Gerechtigkeit, sondern auch um Interessenabwägungen und Ermessen. Das liegt in der Natur der Sache, ist weder verwerflich noch ungerecht, wird aber subjektiv oft so empfunden. Gerechtigkeit ist im Einzelfall in höchstem Masse subjektiv – ganz im Gegensatz zum Recht im juristischen Sinne.

Dürrenmatts «Justiz» regt zum Nachdenken an. Dem Leser führt Dürrenmatt vor Augen, wie man sich in einer komplexen Welt verlieren kann und die wahrgenommene Wirklichkeit plötzlich zur Wahrheit wird. Die Politik erlebe ich nicht anders: Es geht auch hier um Definitionsmacht und Wirklichkeit und wie durch geschickte Argumentation die eigene subjektive Sicht der Dinge sich durchsetzt und für eine Mehrheit zur akzeptierten Wirklichkeit wird.

Ich empfehle das Buch «Justiz» nicht nur all jenen, die gerne Krimis lesen, sondern auch jenen, die sich gerne ein paar philosophische Gedanken rund ums Thema Recht und Gerechtigkeit machen. Für mich ist das Buch stets Mahnmal und Motivation, in Politik und Juristerei die Gerechtigkeit im Wald der rechtlichen Normen nie aus den Augen zu verlieren.

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