Attentat auf Charlie Hebdo
Ein Buch im Sog des Terrors: Um was gehts in Houellebecqs Roman?

Der Roman «Soumission», zu deutsch «Unterwerfung», des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq über ein Frankreich, das dem Islam unterworfen ist, erschien am Tag des Terrors -und er ist Gegenstand der aktuellen «Charlie Hebdo»-Ausgabe.

Max Dohner
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«Ich lehne jede Verantwortung ab.» Michel Houellebecq, Schriftsteller, Sympathisant der Raëlianer, Nihilist.

«Ich lehne jede Verantwortung ab.» Michel Houellebecq, Schriftsteller, Sympathisant der Raëlianer, Nihilist.

AFP

Diese zeitliche Koinzidenz! Enger lassen sich Fiktion und Realität wohl nicht überdecken: Am Mittwoch erschien Michel Houellebecqs Roman «Soumission» («Unterwerfung»), der eine muslimische Präsidentschaft in Frankreich zum Thema hat. Und am gleichen Tag verübten mutmassliche Islamisten in Paris einen mörderischen Anschlag auf die Satire-Zeitschrift «Charlie Hebdo», deren jüngste Titelseite wiederum den Romancier Houellebecq als Druidenzauberer und Plauderer karikiert.

Das Cover der jüngsten Ausgabe von «Charlie Hebdo» zeigt Michel Houellebecq.

Das Cover der jüngsten Ausgabe von «Charlie Hebdo» zeigt Michel Houellebecq.

Keystone

Es ist wirklich frappant

Aber lässt sich von einer zeitlichen Überschneidung eine fatale Verkettung herleiten? Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) tat das gestern in einem Feuilleton-Artikel online, wenngleich indirekt, in Form einer Frage: «Houellebecqs neuer Roman hat seit Wochen zu schweren politischen Auseinandersetzungen geführt. War er jetzt sogar Anlass zu den brutalen Morden?»

Worum geht es im Roman?

Um einen Blick in die Zukunft, ins Jahr 2022. Da unterstützt eine abgehalfterte eingeschüchterte Linke einen muslimischen Präsidentschaftskandidaten, nur um die rechte Kandidatin Marine Le Pen zu verhindern. Diesen Plot erläuterte Houellebecq im Magazin «L’Obs» so: In Frankreich könnten Muslime nicht links wählen, weil die Linke die Homo-Ehe eingeführt habe. Aber auch nicht rechts, weil die Rechte die Muslime aus dem Land werfen wolle. Also bleibe als einzige Lösung «die Gründung einer muslimischen Partei».

Ist das Prophetie, nur Idee zu einem Plot oder ein Spiel mit Feuer?

Houellebecq besitzt innerhalb der Gilde «Autor» den Spezialstatus «Skandalautor». Der haftet ihm seit Anfang an, seit seinem ersten Roman «Ausweitung der Kampfzone» (1994). Darin widmet er sich den Verlierern der Globalisierung und Liberalisierung. Verlierer haben keine Chance, neue Freiheiten zu nutzen, und gehen daran zugrunde. Vor allem die sexuelle Revolution war eine Party für Gewinner mit Protz und Glamour. Die Heerscharen knapp bemittelter bleicher Würstchen konnten sich nur die Nase plattdrücken.

Das war zweifellos aktuell

Das Thema Islam und Europa jetzt ist dazu noch provokant. Für die FAZ ist Houellebecq «der radikalste Schriftsteller unserer Zeit». Radikal wäre der Autor dann, wenn er ganz genau um die Brisanz seines Themas weiss. Ohne sich freilich gleich vorzustellen, dass der Konflikt, im Roman zur Sprache gebracht, reale Folgen haben könnte, zeitgleich zur Publikation.

Was sagt Houellebecq dazu?

Seit dem Anschlag nichts, soweit wir jedenfalls das Netz durchforstet haben. Indes war Houellebecqs Roman schon vor der Publikation heftig umstritten. Bereits vor Wochen fragte ihn der Journalist Sylvain Bourmeau nach den möglichen Folgen seines Romans. Und Houellebecq sagte: «Ich lehne jede Verantwortung ab.» Er schüre Ängste vor einer Islamisierung Europas, warf man ihm vor, er mache das Thema grösser, als es sei. Grösser als die Medien könne er das Thema gar nicht mehr machen, erklärte Houellebecq darauf.

Ist er ein Wiederholungstäter?

2001 erschien Houellebecqs Roman «Plattform». Damals sagte er im Literaturmagazin «Lire»: «Die dämlichste Religion ist auf jeden Fall der Islam. Wenn man den Koran liest, dann bricht man zusammen ...». Und im «Figaro»: «Die Natur des Islam besteht darin, zu unterwerfen. Es handelt sich um eine kriegerische, intolerante Religion, die die Menschen unglücklich macht.» Viel später räumte er ein: «Der Koran ist besser, als ich dachte, jetzt, wo ich ihn gelesen habe.»

Zum Roman «Unterwerfung» sagte er neulich: «Nein, ich kann nicht sagen, dass er eine Provokation ist, da ich nicht Dinge sage, die ich für fundamental falsch halte, nur um zu nerven. Ich verdichte eine Entwicklung, die meiner Meinung nach im Bereich des Wahrscheinlichen liegt.»