Theater
Ein Experiment, das glücklich macht

Die junge Gruppe El Conde de Torrefiel aus Barcelona gehört zu den Neuentdeckungen der internationalen Festivallandschaft. In ihrem Theater machen sie den Text zum Hauptakteur – zutiefst philosophisch und unglaublich witzig zugleich.

Boris Nikitin*
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«Die Möglichkeit, die angesichts der Landschaft verschwindet» läuft kommenden Sonntag und Montag am Theaterfestival Basel.

«Die Möglichkeit, die angesichts der Landschaft verschwindet» läuft kommenden Sonntag und Montag am Theaterfestival Basel.

Ainara Pardal

Es passiert nicht allzu oft, dass man im Theater etwas Neues sieht. Zum Glück, muss man sagen. Würde sich das Theater permanent selbst überschreiten, würde es sich sehr bald auflösen und käme an sein Ende. Aber, wie gesagt, das geschieht glücklicherweise nicht.

Vielmehr befindet sich das Theater, oder befinden sich dessen Künstlerinnen und Künstler, in einer fortwährenden Auseinandersetzung mit Formen und Inhalten. Sie experimentieren entlang der Grenzen zwischen Konformismus und Non-Konformismus, und manchmal bringt das Experiment dann auch eine Überraschung hervor, ein Resultat, das man so nicht erwartet hätte, das man so nicht hätte planen können.

In diesen Momenten findet das Experiment, vermutlich das Hauptwesensmerkmal des zeitgenössischen Theaters, zu sich selbst. Es «glückt». Und macht glücklich.

Philosophisch und lustig dazu

Als einen solchen Fall eines geglückten und glücklich machenden Experiments kann man das Stück «Die Möglichkeit, die angesichts der Landschaft verschwindet» von El Conde de Torrefiel bezeichnen.

Die junge Gruppe aus Barcelona, die sich um das Künstlerpaar Tanya Beyeler und Pablo Gispert versammelt, gehört zu den Neuentdeckungen der internationalen Festivallandschaft. Tatsächlich hat die Gruppe spätestens seit der Aufführung ihres Stücks «Szenen für ein Gespräch nach dem Anschauen eines Films von Michael Haneke» 2015 beim «kunstenfestival» in Brüssel einen unglaublichen Aufstieg erfahren. Und doch ist es sicherlich richtiger zu sagen: entdeckt haben sie sich selbst. Und nicht nur das. Ihre Stücke sind gewissermassen eine Art Wiederentdeckung eines Elements, das insbesondere im zeitgenössischen Performance-Theater seit längerem vernachlässigt wurde: den Text.

Im Theater von El Conde de Torrefiel ist er der Hauptakteur. Er ist das grosse Andere. Und, wie in «Die Möglichkeit ...», ist er grandios geschrieben, zutiefst philosophisch und unglaublich witzig zugleich. Er schneidet einem wie mit einem Seziermesser durch das Bewusstsein und schafft Öffnungen für neue, eigene und überraschende Gedanken.

Pro Stadt eine Situation

Unterteilt ist der Text, wie immer von Pablo Gispert geschrieben, in zehn Szenen, die in zehn unterschiedlichen europäischen Städten spielen. Die Namen dieser Städte strukturieren den Theaterabend und geben zugleich ein Panorama des Krisenkontinents: Madrid, Berlin, Paris, Lissabon, Kiew, Athen, Warschau, Brüssel, Lanzarote, Florenz.

Jeder dieser Städte ist eine Situation zugeordnet, die von einer Stimme aus dem Off erzählt wird. Es sind Situationen und Szenen, die dokumentarischen Charakter haben und deren Protagonistinnen und Protagonisten dem realen Leben entnommen sind.

So beschreibt beispielsweise «Berlin» ein Fotoshooting des amerikanischen Fotografen Spencer Tunick am Holocaust-Mahnmal in Berlin, in «Paris» liegt Michel Houellebecq mit einer Prostituierten im Bett und sinniert über den Sinn der Kunst, in «Kiev» schreibt die Dichterin Olga Bogdànova einen zutiefst berührenden Text über das Altern und das Sterben und in «Brüssel» nimmt eine Gruppe von hundertdreissig Menschen an einer interaktiven Theaterperformance im öffentlichen Raum teil: «Unter diesen hundertdreissig Menschen gibt es welche, die keine Ahnung haben, was sie erwartet. Zunächst sind sie genervt, weil sie dachten, sie würden sich hinsetzen und sich etwas in Ruhe anschauen können. Aber nach einer Weile entspannen sie sich ...»

Jeder dieser Texte ist ein kleines literarisches Meisterwerk, geschrieben in einem nüchternen, fast journalistischen Stil, mit einer Sprachökonomie, bei der kein Wort zu viel ist. Diese Sparsamkeit macht die Komik und manchmal auch die abgrundtiefe Traurigkeit der Texte aus. Eine Gratwanderung zwischen Nüchternheit und Ironie, Plakativität und Analyse prägt den ganzen Abend.

Auf der visuellen Ebene ist jeder der zehn Texte mit einem Tableau vivant verbunden, minimalistische, lakonische Choreografien, mit einer genialen Trockenheit von den vier Performern Albert Pérez, Nicolás Carbajal, Tirso Drive und David Malloks dargestellt und von Beyeler und Gispert in Szene gesetzt.

Autonome Bilder

Die Bilder verweigern jegliche Illustration des Textes, sind komplett autonom. Es ist gerade diese Autonomie von Text und Bild, die dem Abend seinen Aberwitz und seine intelligente Sinnlichkeit verschafft und dem Publikum einen Raum für Imagination und Denken öffnet.

«Die Möglichkeit, die angesichts der Landschaft verschwindet» von El Conde de Torrefiel am 4. und 5. September 2016 im Theater Basel (Kleine Bühne)

«Die Möglichkeit ...» kartografiert auf tragikomische Weise eine Gesellschaft, die Kunst, Kultur, Geschichte und Wohlstand in grosse, soziale Institutionen zu formen vermochte und die nun, ein bisschen wie Albrecht Dürers «Melancholia», von all den Gütern umzingelt, dazu verdammt ist, den Blick ins sich selbst zu versenken. Gispert und Beyeler widerstehen dabei der Versuchung, das Ganze in eine Dekadenzkritik kulminieren zu lassen. Bis zum Schluss halten sie die Spannung zwischen trockenem Sarkasmus und liebevollem Blick und schaffen dabei eine einzigartige Leichtigkeit, die im Theater selten ist.

*Boris Nikitin, 1979 in Basel geboren, ist Theaterautor und -regisseur und Leiter des Festivals «It’s the real thing - Basler Dokumentartage», dessen dritte Ausgabe im April 2017 stattfindet.