Zwei Worte stehen in grossen Lettern auf dem Begleitkatalog: «NOT VITAL». Das könnte ein Label sein. Not Vital ist aber natürlich auch der Name eines international bekannten Engadiner Künstlers, dessen Werk nun erstmals in der Schweiz eine umfassende Ausstellung zuteilwird, im Bündner Kunstmuseum. Und wenn der bald 70-jährige Künstler dort Kamelköpfe in Bronze giesst oder einen überdimensionierten Darmabschnitt weiss und nüchtern an einer Chromstahlstange baumeln lässt, scheint not vital – in diesem Fall: die Absenz des Vitalen – auch Programm.

Etwas Rätselhaftes umgibt das Werk des Künstlers Not Vital. Ganz transparent in ihrer Beschaffenheit, rühren seine Dinge an die rohe Kraft der Arte Povera. In ihrer geheimnisvollen Isolation schüren sie ein surreales Befremden. Ausgehend von der Frage nach dem Standort der heutigen Skulptur, schweift Not Vital zu Zeichnung und Malerei aus, in Drucktechniken und Architektur.

Aus Graubünden in die Welt

Nur eine Bedingung habe er gestellt, als er dem Kunstmuseum Zugang verschaffte auch zu bisher nie öffentlich gezeigten Werken aus seinem frühesten Schaffen: Nicht zu voll dürfe die Ausstellung werden. Das ist gut so. Denn wo Stefan Kunz, unterstützt von Kurator Lynn Kost, nun einen Weg bahnt durch das umfangreiche Œuvre, liegt ihm weniger daran, die Erwartungen an diesen Bündner Monolithen zu bedienen als das Leichte, Bewegliche, ja Poetische von Not Vitals Kunst freizulegen.

In einer grosszügigen, präzis dosierten Auswahl auch bisher nie veröffentlichter Werke stellt sich heraus, was Not Vital seit den Anfängen anzutreiben scheint. Eine biografisch in den Bündner Bergen verwurzelte Gegenständlichkeit durchläuft in fernen Regionen der Welt neue Produktionsprozesse, wobei sich ihre stumme Gegenwart zur individuellen Mythologie auflädt. «Not Vital» trügt, und das ist ein Markenzeichen seiner Kunst: Was im archaischen Zeichen – Haus, Kopf, Tier, Berg – gegen äussere Einflüsse immun erscheint, ist in Tat und Wahrheit durchdrungen vom Leben und Gedächtnis, das der Künstler in anderen Kulturen als Eigenes erkennt.

Als Not Vitals Übersichtsausstellung vor sechs Jahren in Chur erstmals zur Sprache kam, sei ganz schnell klar geworden: Das Projekt müsste sich gedulden. Denn im Vorgängerbau oder in der historischen Villa Planta hätte diese Kunst weder den Raum noch die Licht- und Materialverhältnisse angetroffen, die Chur inzwischen bieten kann. Äusserst reduziert ist ihre Farbigkeit – im Weiss, Grau, Silber, sporadisch Schwarz von Bronze mutiert jeder Gegenstand zum Modell seiner selbst.

Insbesondere der grosse Ausstellungsraum im zweiten Untergeschoss ist hoch genug, um den Blick wie aus dem Tal zu den Bergspitzen zu richten: zu einem Geweih mit den elterlichen Masken oder entlang eines schlanken Schafts zum Selbstbildnis aus Marmor, das Not Vital, sockellos wie immer, ein fragiles Denkmal setzt. Bodenhaftung und Anlehnung sind wichtig für seine Skulpturen. Eine grosse Tatze testet den Spitzentanz ebenso wie die Schuhe einer Ballerina, Schneebälle sind aus Glas oder – in einer neuen, ortspezifischen Wandarbeit – aus der Erinnerung an kindliche Spiele im Dorf.

Heimat ist überall

Das Unterengadin, wo Not Vital aufwuchs und bis heute ein Atelier unterhält, bleibt ein Rückgrat seines Schaffens. Suchend hat er sich früh zuerst nach Paris, dann nach Rom und weiter nach New York fortbewegt. In Sent, Peking und Rio de Janeiro ist Not Vital inzwischen zu Hause, um zu kultivieren, was der Ausstellungstitel treffend als «univers privat» zusammenfasst. Und wenn man in Chur nicht den ganzen Vital zu sehen bekommt, hat das seine Richtigkeit.

Ein chronologisches Aufgebot möglichst aller Schlüsselwerke hätte erstickt, was wir so erfahren: dass eine weltweit mäandernde Heimat sein biografisches Substrat auf Dauer am Leben erhält. Und mit dem Buch folgen wir dem Künstler in seiner Wahrnehmung und seinem Tun: nach New York der 1980er-Jahre, in einen ägyptischen Schlachthof oder in die Zusammenarbeit des Studios in China: Auch dort hebt man den Blick. Auch Lotusblüten tragen in sich die Erinnerung an Berge.

NOT VITAL: univers privat

Bündner Kunstmuseum (bis 19. November). Der Begleitkatalog ist bei Scheidegger & Spiess erschienen.