Schade, macht das Wetter nicht mit. Es wäre gestern eigentlich lustig gewesen, in Oscar Tuazons seltsamen, offenen Häuschen auf dem Messeplatz zu sitzen – und den VIP beim Schaulaufen und Schlangenstehen für ihre exklusive Art-Preview zuzuschauen. Aber erstens hat der Bau, so interessant das Konstruktionsprinzip der erweiterbaren Kuppelformen auch ist, drei Fehler. Es zieht durch alle Räume, die Bänke aus Sandsäcken fühlen sich kalt an – und Kaffee gibt’s keinen. Da war das Favela-Dörfchen gemütlicher.

Dass es überhaupt zu Schlangen kam, liegt an restriktiveren Eingangskontrollen für alle. Grosse Taschen sind nicht erlaubt, und was man dabei hat, wird gescannt wie am Flughafen. Die Zeiten haben sich eben geändert – früher schauten einem die Securitas-Leute höchstens mal beim Rausgehen in die zu prall gefüllten Taschen.

Art Basel: Vier Tage Kunst vom Feinsten

Art Basel: Vier Tage Kunst vom Feinsten

Kunst in der Stadt

Aber eigentlich ist dumm, wer den VIP zuschaut. Denn es gibt genug anderes zu sehen. Art Basel fürs Volk? Am Kunstfest für die ganze Stadt arbeiten die Messen, die Stadt und die Kulturinstitutionen. Und selbst wer nichts mit Kunst am Hut hat, wird von der Art-Laune erfasst oder betroffen. Die Drämmli sind voller, der Kleider-Schick ist höher, baseldeutsch nicht mehr alleinige Umgangssprache und hinter einer ungewohnten Absperrung vermutete eine Basler Dame gestern wie selbstverständlich die Art.

Stünde das Gitter auf dem Münsterplatz hätte sie Recht und das Gitter wäre ein Teil des Art Parcours («Labyrinth» von Sam Durant). 19 Werke findet man auf einem Gratis-Rundgang um den Münsterplatz: Eindrücklich die Skulpturen von Hans Josephson auf dem mittelalterlichen Platz, witzig das Autowrack von Virginia Overton neben archäologischen Ausgrabungen. Und weil einem Werke von Alberto Garutti und Bernar Vernet Zutritt zum privaten Vischer-Garten wie zum Ramsteinerhof verschaffen, fühlt man sich hier very privilegiert.

Chance für andere

Gerade weil sich die Art Basel am Dienstag und Mittwoch so exklusiv gebärdet, ist die Chance für die Konkurrenz. Für die Liste, die Volta und die Scope etwa, die sich im Windschatten der Art etabliert haben.

«Basel ist super, weil man hier in der ganzen Stadt spürt, dass Kunstmesse ist», sagte uns Amanda Coulson, Direktorin der Volta. «In New York sind die Armory und die Frieze zwar wieder Top-Messen, aber sie finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.» Aber, schränkt sie ein: «Es wird schwieriger, die amerikanischen und asiatischen Sammler nach Basel zu locken, weil es weltweit immer mehr Messen gibt.» Zum Glück sei Basel ein so guter Brand.

Ratespiel im Warteck

Die Liste und die Volta – Kunstmessen mit je eigenem Charakter – hatten am Montag full house für ihre Previews – und die Vernissage der Liste am Montagabend ist ein Volksfest. Sich im Warteck, in der ehemaligen Brauerei, über die schmalen Treppen zu zwängen und in den engen Räumen das bunte Durcheinander von Galerien und Künstlerinnen zu entwirren, ist ein Abenteuer.

Die Liste ist die eigenwilligste Messe und die Kunst dort ist fast ausschliesslich Insider-Sache. Keine bekannten Namen, nichts Gesichertes – dafür viel Experiment, viel Bricolage. Warum also soll man hin? Nur wegen der guten Laune und wegen der schönen Aussicht auf Basel von den Terrassen?

Nein. Man kann hier beste Kunst-Ratespiele machen. Ergiebig ist die Frage nach der Herkunft. Seit einigen Jahren wird ja behauptet, zeitgenössische Kunst sei internationalisiert. All over the world würden die jungen, internetbasierten und in standardisierten Kunsthochschulen ausgebildeten Künstlerinnen und Künstler dasselbe machen.

Aber es ist doch kein Zufall dass Fotos von antiken Statuen, denen liebevoll bunte Pflästerli auf ihre steinernen Wunden geklebt werden von einer Italienerin (Nicole Gobbetto) in einer italienischen Galerie (Fonti Neapel) hängen oder dass Aluplatten mit streng changierenden Mustern aus Deutschland stammen (Tobias Kaspar, bei Silber Kuppe, Berlin). Plakative Messer à la Pop Art kommen aus Los Angeles (Erika Vogt bei Overduin &Co) und ironische Bearbeitungen scheinbar klassischer Bildhauerköpfen aus Prag (Anna Hulacova bei Hunt Kastner).

Versuchung an der Volta

Mehrheitsfähiger ist die Kunst in der Volta. Die Messe in der Markthalle ist so schön aufgeräumt und fast so gediegen wie die Art. Die Kunst im Schnitt aber deutlich günstiger. Fast wäre ich bei den malerisch-raffiniert Bildtäfelchen von Pius Fox (je 1300 Euro) bei Conrads schwach geworden.

Spürt man auch hier den ungeheuren Boom des Kunstmarktes? Amanda Coulson meint ja. Aber man spüre auch Spannung und Nervosität wegen der unsicheren Weltlage. Begeistert lässt sie uns dann aber am Dienstagnachmittag Verkaufserfolge von Galeristen vermelden.

Art Basel: Das gibt es 2016 zu sehen

Art Basel: Das gibt es 2016 zu sehen

Vom 16. bis 19. Juni gibts an der Art Basel wieder Kunst von Weltformat zu sehen. VIP-Sammler, Kuratoren und Medienschaffende durften sich die Highlights schon am Mittwoch an den Previews anschauen. Hier die ersten Impressionen von der Ausgabe 2016.

Schweizer Hoffnung

Wenn die Kunstwelt in die Schweiz kommt, zeigt sich auch die Schweiz. Nach diesem Motto organisiert das Bundesamt für Kultur (BAK) jeweils seine Förderschau. In der Halle 3 der Messe werden die Swiss Art Awards, in der Halle 4 die Swiss Design Awards gezeigt.

Die Feiern sind enorm formell, doch das verhindert nicht, dass der Anlass zu einem bunten Treffen von Künstlerinnen, Kuratoren und Kunstfreuden wird.

Und die Kunst dort? Schwierig! Im Vergleich zu den Messen ist die Halle zu leer, irgendwie hängt und steht alles wenig inspirierend nebeneinander. Man freut sich über den Gratis-Eintritt und wundert sich, dass Glasscheiben in Katzenform (Jan Kiefer) förderungswürdig sind.

Welch ein Gegensatz auch, wenn man von den etwas gar braven Swiss Design Awards zur Design Miami Basel wechselt. Hier werden heisse Neukreationen, schnittige Tische von Zaha Hadid, edle Vintage-Möbel und neuerdings gar legendäre italienische Sportwagen verkauft.

Unbegrenzte Kunst

Ans Kaufen denkt in der Art Unlimited wohl kein normaler Mensch. Die Grösse der Arbeiten wie der Zeitbogen von gut 60 Jahren macht die Schau mit den 88 von Galerien organisierten Werken eindrücklich. Noch immer begeistert, wie Martha Rosler in den 1960er-Jahren Bilder von Vietnam mit grossbürgerlichen Häusern collagierte, Heidi Bucher Häuser häutete oder Dieter Roth seinen «flachen Abfall» in Ordnern sammelte.

Zu den grossen – und gelungenen – Hinguckern gehören Ai Weiweis «White House», ein Tempel auf Glaskugeln, die an roten Seilen tanzenden Koffer von Chiharu Shiota oder der mit weissem und schwarzem Styropor ausgelegte Raum von Sol LeWitt.

Aber man fragt sich in diesem Jahr besonders: Wo bleibt die Poesie, wo die subtilen Überraschungen? In den vielen Videos mag man sie irgendwie nicht suchen. Aber siehe da: Hans Op de Beeck beschert uns in seinem «Collector’s House» aus dem er jede Farbe unter einem stumpfen Grau versteckt hat, einen magischen Raum. El Anatsui’s Vorhang ist nicht nur schön, sondern erzählt mit seinen tausenden Ringli aus Getränkedosen auch Geschichten. Und wer vor den beiden weissen Blättern von Ariel Schlesinger, die wie von Geisterhand bewegt miteinander tanzen, nicht ins Schwärmen gerät, dem ist mit keiner Kunst mehr zu helfen.