Kunst

Ein zweites Leben für Zeitungsbilder

Ueli Sager legt Zeitungsseiten nicht ins Altpapier. Fotos werden zu Collagen, die über den Tag hinaus halten.

Da zerreisst einer «Ansichtssachen» – und man dankt

Von Max Dohner

Da draussen, denkt man, ist jemand, der nichts von deinen Beiträgen einfach stehen lässt. Nichts hinnimmt von dem, was «schwarz auf weiss» geschrieben steht. Ein Mann mit Schere, Doppelsinn und Leim. Kaum ein Tag, da in dieser Zeitung nicht eine «Ansichtssache» erscheint. Kaum eine Woche, da der besagte Leser diese «Ansichtssache» nicht zerreisst, Wörter umgruppiert, anders verklebt, alles bricht und neue Schichten dahinter legt.

Das empfinde ich als Autor der «Ansichtssache» – ohne Wenn und Aber – als Auszeichnung. Ueli Sager ist der raffinierte Umgestalter dessen, was schwarz auf weiss feste Gestalt zu haben scheint. Alle Festigkeit im Geist aber ist Zwängerei, Prätention, ein Missverständnis. Sogar bei der «Ansichtssache», die das gerade unterlaufen will. Die «Ansichtssache» sollte vorgefasste Urteile, Denkmuster, übernommenes Gefühl spielerisch lockern, sofern an ihr manchmal etwas glückt. Für nichts als zum Vergnügen. Allfällig mit der Hoffnung auf einen neuen Erkenntnisblitz, der die Scheinbalance in Kopf und Herz einen Moment lang aus dem Tritt und Trott bringen kann.

Zeitung in der Kunstmappe

Wie soll man als Autor nicht dankbar sein, wenn Ueli Sager ungerührt manche «Ansichtssache» zerpflückt? Das Ganze aus den Angeln hebt, kunstvoll zerfasert, dann neu – und schön! – zusammensetzt. Was Sager gelingt, sind ungleich luftigere, ironischere, vielschichtigere Gebilde als das Original. Bilder, die partiell zu deuten sind, nie aber erschöpfend. Das Momentane vom Tag legt man nicht einfach ab in Kunstmappen; Ueli Sagers «Ausrisse» gehören dahin – mit Fug und Recht.

Die Methode ist lupenrein «postmodern». Durch mediale Überreizung, stets raffiniertere Lügen nahezu aller Protagonisten, die länger in der Öffentlichkeit stehen – egal ob Politik, Wirtschaft, Medien, Sport, Kultur – «kaufen» die Leute kaum mehr jemandem direkt und naiv irgendeine Masche in der Darstellung ab. Ausser die Darstellung enthielte eine intelligente Brechung, einen Blick für die Wahrheit des Paradoxen, etwas tief Spielerisches (nicht nur alberne Gags), eine uneitle kerngesunde Ironie. Den «postmodernen» Geschmack hat wohl das Kino am breitesten unter die Leute gebracht; sogar Kindertrickfilme sind heute voll davon. Aber natürlich hat die Kunst das längst vorgemacht.

Ueli Sager tut es beispielhaft. Er affirmiert im Grunde nie, was er findet. Darum ist er auch nie affektiert, und sei es nur im Ansatz. Sager weiss, dass Glaubwürdigkeit in Wort und Bild erst dann erreicht ist, wenn man nichts per se annimmt. Aller Wahrnehmung muss man dauernd die Hypothese-Krücken wegschlagen. Ein zweiter, ein dritter Sinn in den Dingen zeigt sich erst durch Hintersinn. Und Hintersinn ist nie ganz frei von einem koboldhaften, phasenweise gar fiesen oder bösen Witz.

Um einen Ueli Sager kann man nur froh sein im Nachgang der eigenen Zeitungsproduktion. Eines darf man mir schon glauben: Dass ich jedes Mal nicht wenig erschrecke, wenn bei der «Ansichtssache» das Spiel mit Seitendrall und Querreflexion (oder auch nur mit einem billigen Einfall), gedruckt, plötzlich wirkt wie festgeschraubt. Als erkalte und erstarre alles Flüssige daran wie beim Bleigiessen zu einer kuriosen, allzu harten, bald wieder spotthässlichen Form. Ueli Sager hilft gegen diesen Frust – was mitnichten ein Dienst am Autor sein muss. Sondern ausschliesslich alles darüber hinaus: Bei ihm erst wird das wirklich gut.

Mit Wunden und Pflästerli kennt er sich aus

Von Sabine Altorfer

Er ist ein passionierter Zeitungsleser – und Zeitungsschauer. Ihn interessiert die Welt, insbesondere, wie sie sich optisch präsentiert. Irritiert oder erfreut ihn ein Bild in der Zeitung, greift Ueli Sager zu Schere und Klebband. Er schneidet das Bild aus, holt den dazugehörigen – oder manchmal auch einen widersprechenden – Titel per Scotch-Kleber von der Seite und fügt den Schriftzug, in sinnvolle oder ironische Teile zersplittert, ins Bild. Stören ihn Figuren oder Accessoires löst er sie aus, lässt weisse Leerstellen wie umgekehrte Zensurbalken stehen oder überklebt sie mit Text- und Bildteilen.

Bei der ersten Begegnung mit diesen filigranen Kunstwerken mag man kaum glauben, dass es technisch möglich ist, per Scotch-Band Stellen aus dem dünnen Zeitungspapier zu reissen, ohne es zu zerreissen. Doch der Tüftler Sager kennt sich als langjährig tätiger Hausarzt mit Pflästerli und Wunden aus. Er belehrt die Zeitungsfrau, dass Zeitungspapier immer zweischichtig sei, er nur die obere Haut ablöse, um daraus «in Schichtarbeit» die Zeitung, die Kunst oder die politische Welt neu zu ordnen.

Auffällig ist die Wahl der Bilder: Kunst, spezielle Pressefotos oder seltsame Figurenkombinationen springen ihn am ehesten an. «Bilder, die Kraft haben, Gegensätze vereinen oder selbst schon vielschichtig sind», erklärt er.

Seine Zeitungsbilder-Collagen klebt Ueli Sager in schwarze Hefte. «Sie sind wie ein Tagebuch», sagt er. Für die Öffentlichkeit sind diese Schulhefte nicht bestimmt, sondern bilden die persönliche Fundgrube. Daraus entstehen Ausstellungen oder Grossformate.
Als Journalistin entzückt es einen, die eigene Arbeit so recycelt wiederzufinden: Weil die eigene Arbeit so nicht zu Altpapier wird, sondern ein zweites Leben erhält – und weil Ueli Sagers Eingriffe so lustvoll wie trickreich, so ermunternd wie ironisch Bild und Titel einen neuen Dreh verleihen.

Selbstdidakt

Ueli Sager taucht in der Aargauer und Schweizer Kunstszene seit Jahrzehnten so regelmässig wie überraschend immer wieder auf: mit Dada-Gedichten, Filmen, Büchlein für seine Wortspiel-Fans oder eben mit seinen Collagen. Irgendwie möchte man Ueli Sager den Kleinkünstlern zuordnen, wäre dieser Begriff nicht so verniedlichend-abschätzig. Aber wie Comedians, Singer-Songwriter oder Theatermenschen spielt er gekonnt auf, auf den vielen kleinen Plattformen, die Städtchen und Dörfer bieten. Er greift scheinbar alltägliche Geschehnisse auf und macht Gewöhnliches zu einem sichtbaren Ereignis.

«auGENAUf» betitelte er mal eine Ausstellung. Eine andere «VOLLEER». Er hat für sich den Begriff «Selbstdidakt» erfunden. Sieht sich also als Künstler, der sich selbst gelehrt und von sich selber gelernt hat.

WorTraum

Geografisch ist Ueli Sager im Aargau verwurzelt. Geboren 1947 in Menziken, aufgewachsen in Beinwil am See, jahrzehntelang als Allgemeinarzt in Möhlin tätig und heute als Pensionär in Suhr daheim. Über Möhlin hat er im Laufe der Jahre mehrere Filme gedreht, «NEA MELI», auch um «in der Wahlheimat ennet dem Berg etwas heimisch zu werden», begründet er.

Seine Kunst und sein Denken allerdings sind selten geografisch zu verorten, sondern in einer visuell-sprachlichen Welt angesiedelt. «WorTraum» brauchte usager in einem seiner Büchlein einmal. Wort und Raum und Traum als seine Gefilde definierend.

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