Die Nebelmaschine ist die Notärztin der Unterhaltungsindustrie. Sie springt ein, wenn die Show zu zahm, die Tanzfläche zu leer oder das Grande Finale eben doch nicht so grande ist. Ihr Nebel lässt im Nebulösen, was bei Lichte betrachtet auch besser dortbleibt. Das erste Exemplar einer solchen Vernebelungsmaschine soll vor 225 Jahre bei einer spiritistischen Sitzung verwendet worden sein.

Der Schweizer Theaterkünstler Thom Luz beschäftigt sich in seinen Inszenierungen seit je mit flüchtigen Elementen. Seien es Wetterphänomene, LSD-Räusche oder die Geister verstorbener Komponisten. Seine versponnenen Bühnenwelten entwirft der Regisseur selbst. Dabei dekliniert er meist eine Grundidee in allen möglichen Facetten durch.

Nun hat er sich der Nebelmaschine angenommen, einem Mittel, das er bereits oft eingesetzt hat, im Stück «Girl From The Fog Machine Factory» aber zur Hauptprotagonistin macht. Luz, eigentlich Hausregisseur am Theater Basel, hat das Stück als freie Produktion herausgebracht. Sie wurde im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich uraufgeführt, kommt nun in die Kaserne Basel und tourt dann weiter nach Hamburg, Lausanne, Luzern und Chur.

Eine Fabrik kämpft ums Überleben

Ort des Geschehens ist ein gut schweizerisches KMU, eine Nebelmaschinenfabrik am Rande einer Stadt. Die Geschäfte laufen schlecht. Frankenstärke und Globalisierung haben dem Traditionsunternehmen zugesetzt. Der Chef, sein Sohn und eine Praktikantin setzen auf Innovation. Sie haben zwei Musiker engagiert, welche die Vorführungen der Nebelmaschinen musikalisch untermalen. Cello, Klavier, Violine und alte Xerox-Maschinen kommen zum Einsatz, wenn der Maschinenpark präsentiert wird.

Da ist das grosse Ungetüm, das mit ein, zwei Stössen den ganzen Raum füllt. Mittlere Modelle, mit denen differenzierter vernebelt werden kann. Handmaschinen, die einen sehr flexiblen Einsatz ermöglichen. Oder die beiden Moving Lights, die farbiges Licht und Rauch verströmen.

Mit diesen Maschinen erzeugt das Ensemble alle nur erdenklichen Wolkengebilde. Da wird dem Nebel der rote Teppich ausgerollt, er wird zur Bettdecke, zum über den Boden brandenden Nebelmeer, türmt sich wie seine natürlichen Vorbilder, die Cumulus-Wolken. Die Belegschaft in blauen Overalls schafft es sogar, Rauchringe Richtung Publikum zu schicken.

Trotz aller kunstvollen Bemühung schrillt in regelmässigem Abstand das Telefon. Schuldner fordern ihr Geld, Aktionäre finden, das Nebelangebot müsse interessanter, spektakulärer werden. Die Belegschaft ahnt jedoch, dass hier eigentlich ins Nichtige investiert worden ist.

Nebel bleibt Nebel und verflüchtigt sich immer, auch wenn er noch so kunstvoll geblasen wird. Der Vater sagt zum Sohn mit dem Pathos der Hoffnungslosen: «Dies alles wird einmal Dir gehören.» Zum Publikum gewandt bittet er um Ideen:
«Sie können sie an anregungenideenundfragen@ichsehenichtsmehr.ch schicken.»

An der Grenze zur Nichtigkeit

Lutz lässt sein Ensemble den Nebel besingen, melancholisch und fein gestimmt. Violine und Cello werden von Ventilatoren gestreichelt, die Klänge gleiten nebelgleich ins Sphärische. Schubert, Liszt, Satie und gar Heintjes «Schön ist die Jugend» klingen an. Eine Liebesgeschichte wird angedeutet. Die Diskussionen der Belegschaft über die Nebelproduktion bleiben im unverständlichen Flüsterton, auf dass der Geist frei schwebe.

Es wird klar: Dieser Nebel steht für alles Vergängliche, das Unfassbare, den Geist, die Kunst, die Zeit, die verstreicht. Luz lässt das Spiel um diese Deutungsebenen bewusst ins Leere laufen, und nimmt in Kauf, dass es streckenweise arg zerdehnt wirkt.

Aber das ist bei diesem Geisterbeschwörer Programm. Die Kunst von Lutz behauptet, das Wesentliche wird nur sichtbar, wenn man ihm Zeit lässt. Wie bei einer spiritistischen Sitzung, an der sich die Toten auch nicht schon am Anfang zeigen.

Einen Schlüssel zu seinem Theaterrätsel liefert Luz zu Beginn: «A long time ago» singt das Ensemble aus dem Off. Als Erstes sehen wir den Schatten eines Menschen. Flüchtig, wie ein nebliger Geist.

«Girl From The Fog Machine Factory»:
30. , 31. Mai und 1. Juni. Kaserne Basel.