Man soll den Tatsachen in die Augen sehen, sagt eine Redewendung. Genau zu schauen, ist aber noch keine Gewähr dafür, dass man wirklich das wahrnimmt, was man sieht. Wie leichtgläubig und fantasievoll unser Hirn auf die empfangenen Lichtwellen reagiert, haben wir nur bedingt im Griff. Die Künstlerin Susanne Hofer führt uns unsere seltsame Art, die Dinge so zu sehen, wie wir sie wollen, auf vergnügte und verspielte Weise vor.

Sie hat den Badener Kunstraum leergeräumt, die Fenster verdunkelt und auf dem Boden Elektronikgeräte verteilt. So banal wie klar. Nun filmt sie die ausgedienten Geräte, bei denen da und dort noch eine rotes und blaues und oranges Lichtlein blinkt mit einer Kamera auf Bodenhöhe, projiziert die Aufnahme an die Wand.

Und was sehen wir dort? Ausgediente Elektrogeräte? Nein, eine futuristische, eine nächtlich leuchtende Stadt. Der Computer wird zum Hochhaus, der Wecker zum Pavillon, wir sehen Strassenschluchten, Plätze, eine von unten beleuchtete Brücke, aber auch Leerräume und etwas abseits Industrieanlagen.

Unser Blick schweift hin und her, von der Realität zur Illusion. Aber die künstliche Bilderwelt hält. Beharrlich widersetzt sich unser Hirn, die schöne, aus Erinnerungen und der Bilderflut genährte Vorstellung zu verwerfen. Die Illusion zerbricht selbst dann nicht, wenn wir uns zwischen den Geräten, Kabeln und Steckern bewegen, und so als Schatten oder durch die Filmaufnahme als Riesin in der vermeintlichen Stadt auftauchen. Im Gegenteil: Wir empfinden das als anregendes Spiel, in dem wir Gulliver sind und sorgsam unsere Riesenfüsse zwischen die Gebäude setzen.

Die Lust am Vergänglichen

«Archipel» nennt Susanne Hofer diese Installation, weil die Stadt wie eine ferne Insel durch die Wirklichkeit schwimmt – und auch, weil sie die Geräte als drei Inseln im Raum gebaut hat, die erst durch die Projektion zur Einheit verschmelzen. «Es war ein stundenlanges Schieben und Ausprobieren hier im Raum», sagt die 1970 in Luzern geborene Künstlerin. Das Material seien ausgediente eigene Geräte oder Elektro-Schrott aus der Mulde. «Wir in der Schweiz produzieren weltweit am meisten Elektroschrott, pro Kopf gerechnet.»

«Auf die Idee für das ‹Archipel› bin ich im Bett gekommen», erzählt Susanne Hofer. «Ich hatte einige Geräte im Standby-Modus, es blinkte, die Ausdehnung des Raumes schien sich zu verändern und es entstanden neue Bilder.» Inspiriert worden ist die künstlerische Nomadin durch Eindrücke auf Nachtflügen, durch die Künstlichkeit von Las Vegas und Seherlebnisse in New York, wo sie immer wieder mal länger gelebt hat.

Antrieb zu dieser Arbeit, aber auch zu ihren Fotografien, die sie im Foyer des Kunstraums zeigt, ist ihr Interesse am Nebensächlichen und an der Vergänglichkeit. Die Faszination an Dingen und Orten, die schon vom Zerfall geprägt sind. Auf ihren Fotos lösen sich Tapeten, bröckelt Gips und Farbe, steht ein Baum trotzig schief, kündet die Werbung auf einem ausrangierten Anhänger von glänzenden Partynächten. «Ich fahre herum, oft mit dem Velo, habe meine Kamera dabei, sehe diese Situationen», sagt Susanne Hofer. «Irgendwie denkt man sich dazu eigene Geschichten aus.» Besonders seltsam mutet ihr Video an, auf dem ein zerrissener Superman-Ballon, vom Wind aufgeblasen, sich immer wieder aufbäumt, wie wenn er sich aus seiner schmutzigen Ecke befreien möchte.

Eigenartig künstlich wirkt auch das aus verschiedenen Sequenzen geschnittene Video über eine Billig-Siedlung in den Suburbs. Nein, da ist kein Schmutz, alles ist neu, gepützelt, von unzähligen weissen Plastik-Hägli abgezirkelt, der Rasen künstlich grün, kein Mensch unterwegs. Sie habe diese Siedlung ausserhalb New Yorks mehrfach besucht, erzählt Susanne Hofer. «It’s marvellous here», habe ihr ein Bewohner gesagt – danach habe sie an ihrer eigenen Wahrnehmung des schrecklich Bieder-Billigen gezweifelt.

Susanne Hofer «by the sea» Kunstraum Baden, bis 29. Oktober.

Vernissage Sa, 2. September, 18–20 Uhr.

Performance von Greis Rapper Greis hat für die Ausstellung die Komposition «Noise York» entwickelt, seine Live-Performance orchestriert den Lärm einer nächtlichen Stadt. 14. September, 20 Uhr