Einkaufsbummel durch die Art

Die 41. Ausgabe ist ein grosser Jahrmarkt der Kunst, der an allen Ecken und Enden ausufert. Wir machten eine Einkaufstour mit kleinem Budget.

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Einkaufsbummel durch die Art
12 Bilder
Soundsuits von Nick Cave
Black and White Boxer No 1 and No 2 von Marianna Gartner
Field des chinesischen Künstlers AI Weiwei
Quilt von Alexandre da Cunha
Portrait von Alexandre da Cunha
Nana assise von Niki de Saint Phalle
Sternmotor von Thomas Bayrle
Large Leaping Hare von Barry Flanagan
Madonna von Katharina Fritsch
Yume Lion von Takashi Murakam
Field des chinesischen Künstlers AI Weiwei

Einkaufsbummel durch die Art

Keystone

Sabine altorfer

Immer am Nachmittag vor der offiziellen Vernissage der Art Basel trifft man sich. «Man», das sind die Sammler, Museumsleute, Galeristen, die auf Einladung vor allen anderen hineindürfen. Die First Choice und danach die Preview gelten als tolle Verkaufszeit. Und nach einem kommerziellen Erfolg sieht auch der gestrige Dienstag aus.

Der Ansturm war so gross wie nie zuvor. Zu den Ständen der In-Galerien ist oft kaum ein Eindringen, die Galeristinnen und ihre Helfer begrüssen die guten Kunden, alle scheinen glücklich und allen gehts «fine». Schön, dieses Stück, haben Sie von xy noch was anders? Dann werden die PDF-Listen hervorgeholt, die Lager-Kabäuschen geöffnet, die weissen Handschuhe angezogen und weitere Ware hervorgeholt und präsentiert.

An diesem Kunstmarkt-Spiel wollen wir uns beteiligen. Und beginnen bei White Cube aus London, einer der In-Adressen mit Damien Hirst als bestem Pferd im Stall. Der Skandalkünstler legt jetzt Edelsteine in einen verspiegelten Rahmen. Das schicke Ausstellungsstück ist aber nicht mehr zu haben, dafür etwas Ähnliches für 2,35 Millionen Dollar. Wir lehnen dankend ab. Andere drängen vor, bis die lebensgrosse Skulptur von Mark Quinn zu Boden stürzt.

Über 300 Galerien sind mit über 2500 Künstlern auf zwei Stockwerken versammelt. Alles, was Rang und Namen und Marktwert hat, ist im Angebot. Die Art Statements und die Art Feature sind der Versuch, junge Kunst und Galerien zu portieren. Sie sind nur ein bisschen mehr als Alibi-Übungen.

Wir konzentrieren uns auf die zeitgenössischen Händler
im oberen Stock. Ein buntes, munteres Werk von Imi Knoebel sticht uns bei Grässlin aus Frankfurt ins Auge. Sechs Quadrate aus Holz mit schrägen farbigen Latten gegliedert, streng und verspielt. Doch 150000 Euro übersteigen unser Budget. «Wir haben auch noch etwas Kleineres. Das kostet nur 55000 Euro.» Es ist aber viel weniger schön.

Aus dem Augenwinkel kann man beobachten, wie Reservationen oder Abschlüsse getätigt werden und die Lieferung nach Übersee abgemacht wird. Ein Sammler telefoniert mit einem Berater, ob der Preis für dieses oder jenes Werk stimme. Dazwischen trifft man sich zum Cüpli im offenen Rundhof, der Regen hat kurz nach der Eröffnung der First Choice um 11 Uhr aufgehört. Denn schlechtes Wetter und Art – das passt nicht und gabs seit Jahren nicht mehr.

Aber weiter im Spiel: Peter Blum aus New York hat Louise Bourgeois. «Das ist wirklich ‹typical› und ein frühes Werk», rühmt der Galerist das Gemälde. Für 1,5 Millionen Dollar wäre es zu haben. Eine Wandarbeit von Ernesto Neto bei Bob van Orsouw aus Zürich nähmen wir sofort, aber 48000 Dollar... Mai 36 aus Zürich hat ein monumentales «Jpeg» von Thomas Ruff, eine dieser verpixelten Landschaften des deutschen Fotografen-Cracks. Die 85000 Euro für die 3er-Edition erscheinen uns viel. Die Preise für Ruff haben offensichtlich zugelegt. Wo bleibt da die Krise?

Was immer Spass macht: die Suche nach Künstlerinnen und Künstlern, die man selber (noch) nicht kennt. Bei Kelly aus New York sticht mir ein Foto von James Casebere ins Auge. Eine grüne Landschaft, darauf auffallend bunte Häuser, eine hübsche Variante der Wirklichkeit, die der Künstler als Modell selber baut. Das Foto hat Suggestivkraft, der Preis von 48000 Dollar nicht. Für 11000 Euro gäbs aber eine hübsches bewegliches Objekt von Lionel Estève bei Baronian Francey aus Brüssel.

Und dann wird aus dem Spiel fast Ernst: Bei Gisèle Linder (Basel) sehen wir eine Wandarbeit der Bildhauerin Carmen Perrin aus dünnen Aluminiumfedern. Die graue gewellte Fläche zittert bei jedem Hauch. Die 18000 Franken für «une tension vague» muss man sich überlegen. «Aber nicht zu lang», warnt die Galeristin, «Sie sind nicht die Erste, die danach fragt.»

Also lassen wir die tausendfachen Versuchungen und gehen in die Art Unlimited. Bei den Riesenwerken kommt sicher keine Kauf-, dafür Sehlust auf. Neben den auffälligen Stücken, die mehr gross als gut sind (Urs Fischer oder Zhang Huan), kann man sich über Tim Rollins’ ironische «Animal Farm» amüsieren, ein Wiedersehen mit 25-jährigen Zeichnungen von Miriam Cahn erleben, sich vor Ugo Rondinones farbiger Spiegelwand selber bestaunen, in Kader Attias «Couscous Kaaba» meditieren oder sich von Doug Aitkens monumentaler Installation überwältigen lassen.

Vor den Videos könnte man Stunden verbringen. Empfohlen seien die poetische Arbeit von Marijke van Warmerdam und die witzige Persiflage von Elodie Pong. Aber auch der fast museale Teil der Art hat ihre begehbaren Belustigungen: das Labyrinth von Michelangelo Pistoletto und einen klaustrophoben Plastiktunnel von Sergio Prego. Und zum Schluss lohnt sich – trotz Warteschlange – ein Besuch in der Kabine der Japanerin Yayoi Kusama. Da darf man 90 Sekunden lang berauscht in die Ewigkeit eintauchen.

Art Basel Bis 20. Juni.
Täglich 11 bis 19 Uhr.